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28.03.2017

21:08 Uhr

Flüchtlinge im Queer-Club

„Weißt Du, was schwul heißt?“

VonAnna Gauto

In einem Club feiert die Münchener LGBT-Gemeinde. Die Stimmung ist gut, bis eine Gruppe Flüchtlinge dazukommt und manche die Gäste belästigen. Ein Beispiel, wie schwer Miteinander sein kann. Und wie man Lösungen findet.

Hier finden regelmäßig queere Veranstaltungen statt / Quelle: Feierwerk

Das Sunny Red in München

Hier finden regelmäßig queere Veranstaltungen statt / Quelle: Feierwerk

MünchenLehrerin Hannah Sommer steht an der Kasse des Sunny Red, einem kleinen Nachtclub im Münchener Süden und kann nicht glauben, was sie sieht. Ein junger und ziemlich betrunkener Mann bedrängt eine ihrer Schülerinnen. Er ist einer von etwa 20 bis 30 Flüchtlingen und deren Freunden. Ein Kulturbegleiter der Stadt hat sie auf die queere Party im Club mitgebracht. Das Ziel: Die Flüchtlinge aus der Unterkunft nebenan mit Subkulturen in Kontakt zu bringen.

Als habe es die Ironie so gewollt, lehnen die Schülerin und der Betrunkene am Tresen einer Bar, über der zwei Plakate hängen. Auf einem steht „Refugees Welcome“ auf dem anderen „Belästigung hat keinen Platz bei uns“. Plötzlich fasst er der jungen Frau in den Schritt. Sommer schreitet ein. Sie schiebt sich zwischen beide, drückt den Mann fort. Zuvor habe er auch Sommer „vollgelabert“, sei ihr näher gekommen, als sie wollte, habe ihre höfliche aber bestimmte Abwehr ignoriert.

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Menschen ohne ihre Einwilligung zu berühren, in ihren persönlichen Raum einzudringen, das kostet Sommer Überwindung. Ihr ist es wichtig, die Grenzen von Menschen, ihre Intimsphäre, zu achten. Schon bevor die 46-jährige Gymnasiallehrerin und Sozialarbeiterin eingreift, schießen ihr „tausende Gedanken“ in den Kopf. „Egal wie ich handle, ich werde in jedem Fall etwas falsch machen“, sagt sie sich. Schon beim Abstempeln waren ihr die Verletzungen an den Armen einiger Geflüchteter aufgefallen. Sie sah Narben längs der Pulsadern, Spuren der Verzweiflung.

Sommer, eine der Veranstalterinnen des „Get Rid“, einer schwul-lesbischen Partyreihe im Sunny Red, würde lieber reden statt schubsen. Gerade wenn es um Menschen geht, die genau wie viele ihrer Gäste mit Diskriminierung zu tun haben. Doch die wenigsten der Flüchtlinge sprechen Englisch und der Mann am Tresen ist so alkoholisiert, dass ein Gespräch schwer möglich ist.

Außerdem will sie die Selbstbestimmung der volljährigen Frau wahren, die sich eigenständig verteidigen könnte. Doch die Schülerin zögert, will den jungen Mann offenbar schützen, schildert Sommer die Situation später. Schließlich dürfte er schlimme Dinge auf der Flucht erlebt haben. „Wäre das ein betrunkener Oktoberfestbesucher, meine Schülerin hätte die Manschetten viel eher abgestreift“, meint Sommer.

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