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04.10.2013

10:47 Uhr

Flüchtlingskatastrophe

Hilfskräfte bergen 111 Leichen vor Lampedusa

Das Flüchtlingsunglück vor Lampedusa hat offenbar mehrere hundert Menschen das Leben gekostet. 111 Leichen wurden bereits geborgen, die Küstenwache vermutet 100 weitere Tote im Wrack. In Italien herrscht Staatstrauer.

Nach Katastrophe auf Flüchtlingsboot:

In Italien stehen die Flaggen auf Halbmast

Nach Katastrophe auf Flüchtlingsboot:: In Italien stehen die Flaggen auf Halbmast

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Assisi/Lampedusa/RomNach der folgenschweren Flüchtlingskatastrophe vor der italienischen Insel Lampedusa sind insgesamt 111 Leichen geborgen worden. „Aber das ist noch keine definitive Bilanz, weil Dutzende weitere Körper im Wrack des gesunkenen Bootes sind“, sagte Innenminister Angelino Alfano am Freitag dem TV-Sender Canale 5. Die Küstenwache vermutet mehr als 100 Tote in dem gesunkenen Wrack.

Nur gut 150 der rund 500 Menschen an Bord des Schiffes konnten gerettet werden. Deshalb befürchten die Rettungskräfte, dass bei der Tragödie Hunderte Menschen ums Leben gekommen sind. Auf dem voll besetzten Boot war am Donnerstag ein Feuer ausgebrochen, was eine Panik auslöste.

Lampedusa – die Flüchtlingsinsel

Geographie

Die kleine italienische Mittelmeerinsel Lampedusa südlich von Sizilien ist wegen ihrer Nähe zu Afrika seit Jahren für Bootsflüchtlinge das Tor nach Europa. Die Küste Tunesiens ist nur 130 Kilometer entfernt. Mit etwa 20 Quadratkilometern ist Lampedusa die größte der Pelagischen Inseln. Das Eiland hat etwa 5000 Einwohner.

Flüchtlinge

Immer wieder wagen Migranten aus Nordafrika die gefährliche Überfahrt nach Europa. Ihre Boote sind oft kaum seetüchtig, viele Menschen sind schon ertrunken. Zwischen Juli 2008 und Juli 2009 erreichten mehr als 20 000 Einwanderer aus Nordafrika Lampedusa. Dann ließ die rigide Abschiebepolitik der damaligen Regierung von Silvio Berlusconi die Zahlen stark zurückgehen.

Arabischer Frühling

Nach dem Beginn der Umwälzungen in den arabischen Ländern schwoll der Flüchtlingsstrom 2011 erneut drastisch an. Zehntausende landeten auf Lampedusa. Die Lage eskalierte, als zeitweise bis zu 6000 Immigranten unter unerträglichen Bedingungen auf der Insel festsaßen.

Aufnahmezentrum

Das offene Durchgangslager - es gibt kein geschlossenes Aufnahmezentrum mehr - hat nach Angaben des italienischen Flüchtlingsrates CIR knapp 400 Bettstellen. Manchmal sind dort aber mehr als 1000 Menschen. Vor zwei Jahren hatte ein Feuer einen Teil des Zentrums zerstört, der nur teilweise wiederaufgebaut wurde.

Verschärfung

Nach einem Rückgang 2012 strandeten in der ersten Jahreshälfte 2013 nach offiziellen Zahlen 3648 Menschen auf Lampedusa - mehr als dreimal so viele wie im gleichen Vorjahreszeitraum. In den vergangenen Wochen verschärfte sich die Lage weiter.

Die Bergungsteams setzten ihre Arbeit im Mittelmeer die gesamte Nacht über fort. Am Donnerstag hatte das Flüchtlingsboot vor der Nachbarinsel Isola dei Conigli Feuer gefangen und war gekentert. Viele der afrikanischen Migranten an Bord konnten nicht schwimmen und sich nicht selbst in Sicherheit bringen. Für Freitag hatte Italien einen Tag der Staatstrauer ausgerufen. Vielerorts sollte es Schweigeminuten geben; auf Lampedusa blieben die Geschäfte geschlossen.

Papst Franziskus sprach bei einem Besuch in der Heimatstadt seines Namenspatrons Franz von Assisi von einem „Tag der Tränen“. Sichtlich bewegt verurteilte das Oberhaupt der katholischen Kirche „die Gleichgültigkeit gegenüber jenen, welche die Sklaverei, den Hunger fliehen, um die Freiheit zu suchen, doch stattdessen den Tod finden, wie gestern in Lampedusa“. Franziskus hatte am Donnerstag im Vatikan gesagt, es könne nur als „Schande“ bezeichnet werden, dass schon wieder Menschen bei einem solchen Unglück ums Leben gekommen seien. „Wir müssen uns zusammenschließen, damit diese Tragödien aufhören“, forderte der Papst.

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