Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

03.06.2014

15:51 Uhr

Formel-1-Prozess

Ecclestones Anwalt wird nervös

VonCornelia Knust

Verunsichern, verlachen, unglaubwürdig machen – Bernie Ecclestones Anwalt geht die Zeugen im Bestechungsprozess hart an. Denn die Aussagen und ein brisanter Brief der Ex-BayernLB-Mitarbeiterin belasten Ecclestone schwer.

Formel 1-Chef Bernie Ecclestone im Gespräch mit seinem Anwalt Sven Thomas. Immer wieder fällt der Jurist Zeugen ins Wort. Nun ist der Richter eingeschritten. ap

Formel 1-Chef Bernie Ecclestone im Gespräch mit seinem Anwalt Sven Thomas. Immer wieder fällt der Jurist Zeugen ins Wort. Nun ist der Richter eingeschritten.

MünchenIm Dezember 2011 hat sie dem Richter ihre Geschichte schon einmal erzählt, die Zeugin Alexandra I., Volkswirtin, 40 Jahre, einst enge Mitarbeiterin von Ex-Landesbank-Vorstand Gerhard Gribkowsky und eine echte Stütze im kleinen Team der Bank für die Formel 1-Beteiligung. Damals war es sein Strafprozess vor dem Landgericht München I, sie nannte ihn noch „Dr. Gribkowsky“, seinen Gegenspieler „Herrn Ecclestone“ und formulierte vorsichtig.

Heute sind es nur noch „der Gribkowsky“ und „Bernie“. Der eine büßt eine langjährige Haftstrafe ab, weil er sich 2005 vom anderen mit 44 Millionen Dollar bestechen ließ, wie er 2012 gestand. Der mutmaßliche Bestecher, Formel 1-Chef Bernie Ecclestone, sitzt heute Blickrichtung links von der Zeugin I. auf der Anklagebank. Beide schont sie nicht.

Vor allem macht sie klar, dass Ecclestone ganz klar wusste, dass die Landesbank eine öffentliche Bank war und Gribkowsky mit seiner Truppe mithin nicht nur „bloody bankers“, sondern sogar „civil servants“, also Beamte.

Sie kann sich zwar nicht genau an diese Formulierung erinnern und auch an keinen konkreten Anlass bei dem Ecclestones Wissen um die Umstände in München klar wurde. Die Befindlichkeiten der Landesbank-Gesellschafter seien aber in vielen Telefonaten zwischen Gribkowsky und Ecclestone diskutiert worden, die sie über Lautsprecher mitgehört habe: „Ich bin mir sicher, dass er das mal gesagt hat“.

Ecclestone-Prozess: Wer ist Gerhard Gribkowsky?

Ex-Banker

Gerhard Gribkowsky war von 2003 bis 2008 Vorstandsmitglied der BayernLB, einer Anstalt öffentlichen Rechts in München. In den Jahren 2005 bis 2007 hat er Bestechungsgelder in Höhe von 44 Millionen Dollar erhalten. Formel-1-Chef Bernhard Ecclestone und die ihm nahe stehende Bambino-Stiftung zahlten Gribkowsky diese Summe, damit er die Anteile der Bank an der Formel-1 entsprechend Ecclestones Vorstellungen verkaufte, nämlich an den britischen Finanzinvestor CVC.

Verurteilt

Ende 2010 lenkte Gribkowsky selbst das Interesse der Staatsanwaltschaft auf sich, als er ihr die Herkunft von Geldern in Österreich erklären wollte, nach denen sich zuvor ein Journalist erkundigt hatte. Im Januar 2011 folgte Gribkowskys Festnahme. Ab Oktober 2011 wurde ihm vor der Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts München I der Prozess gemacht. Er verweigerte monatelang die Aussage, legte zum Schluss aber ein Geständnis ab.

Im Knast

Das Gericht kam im Juni 2012 zu dem Schluss, Gribkowsky habe seine Pflichten als Vorstand verletzt, sich der Bestechlichkeit in Tateinheit mit Untreue schuldig gemacht und überdies in zwei Veranlagungsjahren hintereinander Steuern von fast 15 Millionen Euro hinterzogen. Das Urteil lautete auf stolze achteinhalb Jahre Gefängnis. Die Strafe verbüßt der Ex-Banker in der Justizvollzugsanstalt München Stadelheim, mittlerweile als Freigänger.

Opfer

Die Münchner Staatsanwaltschaft sagte schon im Juni 2012 im Plädoyer im Gribkowsky-Prozess, Ecclestone sei nicht Opfer einer Erpressung durch den Banker, wie er es in seiner Zeugenaussage dargestellt hatte, sondern Mittäter einer Bestechung. Auch der Vorsitzende Richter Peter Noll sagte damals, Ecclestone sei die treibende Kraft gewesen. Mit seinem Charme, seiner Raffinesse, seiner wirtschaftlichen Potenz und seiner langen Erfahrung habe er Gribkowsky „ins Verbrechen geführt.“

Spekulationen

Gribkowskys damaliger Anwalt Rainer Brüssow deutete sogar ein Insichgeschäft an, bei dem der Kaufpreis künstlich gedrückt worden sein könnte: „Wer stand hinter CVC? Wer hatte die Zügel in der Hand?“, fragte Brüssow in seinem Plädoyer

Nachspiel

Gribkowsky selbst packte dazu erst nach seiner Verurteilung aus, als in den Ermittlungen der Münchner Staatsanwaltschaft gegen Ecclestone als Zeuge befragt wurde. In diesen Vernehmungen soll er auch erklärt haben, Ecclestone habe ihn als Beamten-Banker lächerlich gemacht, habe mithin gewusst, dass Gribkowsky ein Amtsträger war und dass er sich strafbar macht, wenn er ihn besticht.

Neue Anklage

Bis Mai 2013 dauerte es, bis die Staatsanwaltschaft München I die Anklageschrift gegen Ecclestone fertig hatte. Die Anklage wegen Bestechung und Anstiftung zur Untreue wurde ihm im Juli zugestellt und im Januar 2014 vom Landgericht München I zugelassen. Seit April steht Ecclestone nun tatsächlich in München vor Gericht. Am 9. Mai sieht er mit Gribkowsky den Mann im Zeugenstand, der ihm dies wesentlich eingebrockt hat.

Unter der Gürtellinie

Zuletzt, im November 2011, war es umgekehrt. Da war Ecclestone als Zeuge im Gribkowsky-Prozess aufgetreten. Und da hatte er den Angeklagten tatsächlich lächerlich gemacht, als eitlen Banker, dem die Formel 1 zu Kopf gestiegen sei, als kopflosen Geschäftsmann, als „Sauf-Kumpan“ von Ecclestones Ex-Frau Slavica und als Meister der subtilen Bedrohung: „Ich bin schon öfter 'durchgerüttelt' worden“, sagte Ecclestone, „aber noch nie so raffiniert wie von Gribkowsky“.

Einmal habe die Zeugin den Formel 1-Chef auch selbst in die Schranken gewiesen, mit Verweis auf „unsere Anteilseigner“, die für ihre Entscheidungen Informationen und Bewertungen bräuchten „und nicht nur das Bauchgefühl von Herrn Ecclestone“.

Diese Aussagen – denn in der Amtsträgerschaft Gribkowskys liegt einer der Knackpunkte des Prozesses – reißen Ecclestone-Anwalt Sven Thomas förmlich vom Stuhl. Er gibt höhnische Kommentare ab, wühlt in seinem Aktenkoffer, gestikuliert und geht die Zeugin noch während der Befragung durch den Richter an: „Das möchte ich mal wörtlich hören. Die Herrschaften haben ja Englisch gesprochen. Wie haben Sie denn den Sparkassenverband erklärt?“

Der Vorsitzende Richter Peter Noll, der den Charakterkopf Thomas schon viele Prozesstage in dieser Art hat recht frei agieren lassen, schreitet heute ein: „Immer wenn es Ihnen nicht passt, reden Sie dazwischen und bringen die Zeugin aus dem Text“. Diese Zeugin, selbst begleitet von einem Anwalt, bleibt aber erstaunlich gefasst.

Dass die schmale Frau, damals erst um die 30, ziemlich viel Stehvermögen besitzt, hat sie einst bewiesen in dem jahrelangen Streit zwischen Ecclestone, seiner Familienholding Bambino, der Bayerischen Landesbank und zwei amerikanischen Banken.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×