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16.12.2012

14:40 Uhr

Fragen einer Mutter

Das Undenkbare denken

Als Reaktion auf die Bluttat in den USA hat eine Mutter einen offenherzigen Blog-Eintrag geschrieben – über ihren eigenen Sohn, von dem sie nicht weiß, ob er nicht auch eines Tages zum Amokläufer wird. Der Text bewegt.

Der bewegende Blog-Eintrag. Screenshot

Der bewegende Blog-Eintrag.

Düsseldorf„Du bist eine dämliche Hure. Ich kann die Hosen tragen, die ich möchte. Dies ist Amerika. Und ich habe Rechte.“ Diese Sätze ihres 13jährigen Sohnes hat sich eine amerikanische Mutter anhören müssen, nachdem sie ihrem Sprössling zurechtgewiesen hatte, weil er nicht mit der angesagten Schuluniform morgens aus dem Haus geeilt war. Die brüskierenden Sätze mögen banal sein, doch die Autorin stellt sie nach dem Amoklauf vom Freitag in einen neuen Zusammenhang. Ist auch ihr Sohn ein möglicher Amokläufer? Soll sie das „Undenkbare denken“, fragt sie in ihrem Blog-Eintrag.

Tausendfach ist am Wochenende der offenherzige Blog-Beitrag der Mutter über ihren Sohn, den sie in dem Text Michael nennt, und dessen bislang nicht eindeutig diagnostizierten geistigen Störung in sozialen Netzwerken geteilt worden. Als Reaktion auf den Amoklauf in Newtown schilderte die anonyme Frau das Leben mit dem hochbegabten Jungen und der Sorge, dass dieser mit seinem aggressiven Verhalten sich selbst und anderen schaden könnte.

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„Ich teile meine Geschichte mit, weil ich Adam Lanzas Mutter bin. Ich bin Dylan Klebolds Mutter und Eric Harris' Mutter“, schreibt die „Anarchist Soccer Mom“ in Anspielung auf den Schützen in Connecticut und andere Amok-Schützen. Ihr Appell: Statt über schärfere Waffengesetze zu reden, müsse über den Umgang mit geistig gestörten Jugendlichen geredet werden.

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„Vor ein paar Wochen zückte Michael ein Messer und drohte, erst mich und dann sich selbst umzubringen, nachdem ich ihn gebeten hatte, seine überfälligen Bücher in der Bücherei abzugeben“, schreibt die Mutter. „Ich lebe mit einem Sohn, der geisteskrank ist. Ich liebe meinen Sohn. Aber er erschrickt mich.“

Noch sei sie körperlich stärker als der Teenager, aber sie fürchte sich vor dem Tag, an dem das anders werde. Bereits jetzt musste sie bereits die Polizei zu Hilfe rufen, wenn ihr Sohn Wutausbrüche hatte. Die beiden Geschwister kennen den Notfallplan, wenn Michael durchdreht: Ins Auto rennen und Knöpfchen runter drücken.

Amokläufe an amerikanischen Schulen und Universitäten

20. April 1999 - Littleton

Zwei mit Sturmgewehren bewaffnete US-Schüler töten in der Columbine High School in Littleton (Colorado) zwölf Mitschüler und einen Lehrer. Danach erschießen sich die Täter selbst.

21. März 2005 - Minnesota

Ein 16-Jähriger erschießt in einem Indianerreservat im US-Bundesstaat Minnesota zunächst seinen Großvater und dessen Lebensgefährtin. Anschließend tötet er in der Red Lake High School fünf Schüler, einen Sicherheitsbeamten und eine Lehrerin. Nach einem Schusswechsel mit der Polizei tötet sich der Junge selbst. Der Teenager war ein Hitler-Bewunderer mit Kontakten zu einer Neonazi-Gruppe.

12. Oktober 2006 - Pennsylvania

Der Fahrer eines Milchwagens erschießt im Bundesstaat Pennsylvania fünf Mädchen in einer Amish-Schule. Der 32-Jährige tötet die Kinder mit Kopfschüssen. Als Polizisten die Schule stürmen, bringt er sich um.

16. April 2007 - Blacksburg

Ein Amokläufer erschießt in der Technischen Universität in Blacksburg im US-Bundesstaat Virginia 32 Studenten und Lehrkräfte. Beim Eintreffen der Polizei nimmt sich der 23 Jahre alte Englischstudent aus Südkorea das Leben.

10. Oktober 2007 - Cleveland

Ein 14-jähriger Schüler läuft in einer technischen Oberschule in Cleveland (US-Bundesstaat Ohio) mit zwei Revolvern Amok. Er verletzt zwei Lehrer und zwei Mitschüler und erschießt sich dann selbst. Der jugendliche Amokläufer habe offenbar aus Zorn über einen Schulverweis zur Waffe gegriffen.

14. Februar 2008 - Illinois

Mitten in einer Vorlesung an der Northern Illinois University rund 100 Kilometer westlich von Chicago erschießt ein 27 Jahre alter Amokläufer am Valentinstag fünf Menschen und tötet sich anschließend selbst. Bis zum Frühjahr 2007 hatte er dort Soziologie studiert. Der offensichtlich psychisch kranke Täter trug auf den Armen Tätowierungen mit Horror-Motiven.

3. April 2012 - Kalifornien

Ein Amokläufer erschießt an einem christlichen Privatcollege in Kalifornien sieben Menschen. Der 43-Jährige ist ein ehemaliger Student in Oakland. Fünf Opfer sterben am selben Tag im Kugelhagel, zwei weitere erliegen später ihren Verletzungen.

Ausreichende Unterstützung erfahre sie nicht, schreibt die Mutter. Ihr Mann kümmere sich vornehmlich um die beiden anderen Kinder. Und der Sozialarbeiter des Sohnes habe einen wenig zufriedenstellenden Vorschlag gemacht zum Umgang mit dem zu Gewalt neigenden Sohn gemacht. „Er sagte, das einzige, was ich tun könne, sei, dass Michael einer Straftat beschuldigt werde.“

Denn nur dann würde seine Krankheit ernsthaft behandelt werden. Es scheine, dass „die USA das Gefängnis als das Mittel der Wahl zum Umgang mit geistig gestörten Menschen nutzten“. Andere Einrichtungen würden geschlossen. „Niemand will ein 13 Jahre altes Genie, das Harry Potter liebt (...) in ein Gefängnis stecken“, heißt es in dem Beitrag weiter. „Aber unsere Gesellschaft (...) mit dem kaputten Gesundheitssystem, bietet uns keine anderen Optionen.“ Wenn dann wieder eine zerstörte Seele eine Massenschießerei begehe, komme die Forderung, dass etwas geschehen müsse. Aber weniger müsse über Waffen, denn über geistige Krankheiten diskutiert werden.

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Die „Anarchist Soccer Mom“ erntete im Netz viel Applaus für ihre Offenheit. „Ein Essay, das Pflichtlektüre ist“, kommentierte etwa eine Journalistin und ehemalige Therapeutin. Dutzende weitere Journalisten empfahlen den Artikel. Bei Facebook wurde der Text bereits bis Sonntagmorgen (Ortszeit US-Ostküste) mehr als 50.000 Mal geteilt. Mehrere Hunderte Kommentare sammelten sich rasch unter dem Beitrag. Leser bedankten sich für die Schilderung, da das Thema sehr selten „aus der Perspektive, die sie uns geben“ beleuchtet werde. Einzelne Nutzer kritisierten jedoch die Mutter dafür, dass sie ihrem Sohn mit dem Beitrag schaden könne. Schließlich könnte er gegen eine solche Veröffentlichung sein. Der Anfang einer Diskussion könnte indes gemacht sein.

Von

mdo

Kommentare (17)

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helboy

16.12.2012, 16:50 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

ewoewo

16.12.2012, 16:55 Uhr

hihi schon wieder jemand der seine riskentraeger entsorgt um sicherer erfolg zu haben, was natuerlich nicht funktioniert ist wenn man die dei zahlen entsorgt. alles nur scheinbar, die oesung ist einfahc nichts zu tun, der sohn kann das nicht, da er vorschriften unterliegt... wenn man eint, dass aggression aus dem nichts entsteht kann man jederzeit so handeln wie beschrieben.

audi

16.12.2012, 17:58 Uhr

Schade, dass dieses Ereignis medial soviel Beachtung findet. Wenn in Afganistan Kinder durch Raketen ums Leben kommen, dass in Afrika täglich Kinder an Krankheiten und Hunger sterben ist es der ganzen Welt egal... das ist heuchlerisch!

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