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16.12.2012

17:10 Uhr

Frankreich

Depardieu dreht Behörden eine lange Nase

VonThomas Hanke

Ob als Cyrano de Bergerac oder Obelix: Frankreichs schwergewichtiger Schauspieler Gérard Depardieu hat es zu Weltruhm gebracht. Doch aus Wut auf den Premierminister seiner Heimat gibt er jetzt seinen Pass ab.

Frankreichs Charakter-Schauspieler Gérard Depardieu. AFP

Frankreichs Charakter-Schauspieler Gérard Depardieu.

ParisGérard Depardieu ist wegen seines impulsiven Charakters gefürchtet. Er liebt es nicht, wenn man ihm Vorschriften macht. Im Flieger zog er schon mal mitten auf dem Gang blank, weil ihm die Stewardessen den Zutritt zu den Toiletten verwehrten. Und so kommt es nicht überraschend, dass die Kritik des französischen Premiers Jean-Marc Ayrault an Depardieus Umzug nach Belgien – „Das ist schon armselig“, hatte der Politiker gesagt – den Schauspieler in Fahrt bringt.

„Armselig haben Sie gesagt? Das ist wirklich armselig. Ich gebe Ihnen meinen Pass zurück, Sie und ich haben nicht mehr dasselbe Vaterland“, schäumt Depardieu in einem offenen Brief an den Premier, der am Sonntag veröffentlich wurde. Vor gut einer Woche war bekannt geworden, dass der massige Filmstar wie einige andere Superreiche vor ihm den Weg nach Belgien angetreten hat, um dem französischen Fiskus zu entgehen. Im belgischen Kaff Néchin, gerade einen Kilometer jenseits der Grenze, hat Depardieu ein ehemaliges Zollhaus erworben. Sein wunderschönes Anwesen mitten in Paris, mit Garten und Turm für die Kunstwerke, steht dagegen zum Verkauf.

Vergleich: Deutschland vs. Frankreich

Wachstum

Frankreich: Die Wirtschaft wächst viel langsamer. Die EU-Kommission traut der zweitgrößten Volkswirtschaft der Euro-Zone in diesem Jahr lediglich ein Plus von 0,2 Prozent zu, das 2013 mit 0,4 Prozent nur einen Tick größer ausfallen soll. Grund dafür ist der maue Konsum: Er dürfte sowohl in diesem als auch im kommenden Jahr angesichts der hohen Arbeitslosigkeit stagnieren.
Deutschland: Jeweils 0,8 Prozent Wachstum sagt die EU-Kommission für 2012 und 2013 voraus. Garant dafür ist der private Konsum. Er wird nach der Prognose in beiden Jahren um jeweils ein Prozent zulegen. Dafür sollen die Rekordbeschäftigung und spürbare Lohnzuwächse sorgen.

Schulden

Frankreich: Frühestens 2015 wird die EU-Grenze für die Neuverschuldung von drei Prozent des Bruttoinlandsproduktes wieder eingehalten. Das erwartet zumindest die EU-Kommission. Demnach wird das Defizit in diesem Jahr bei 4,5 Prozent liegen, 2013 und 2014 bei jeweils 3,5 Prozent. Der Schuldenberg soll im kommenden Jahr auf 93,8 Prozent der Wirtschaftsleistung anschwellen.
Deutschland: Das Ziel eines ausgeglichenen Haushalts rückt in greifbare Nähe. 2012 und 2013 soll das Defizit angesichts rekordhoher Steuereinnahmen jeweils 0,2 Prozent betragen, ehe 2014 ein Haushalt ohne neue Schulden stehen soll. Der Schuldenstand soll bis dahin auf 78,4 Prozent des Bruttoinlandsproduktes fallen.

Wettbewerbsfähigkeit

Frankreich: In Sachen Wettbewerbsfähigkeit rutschte Frankreich in diesem Jahr um drei Ränge auf den 21. Platz ab, wie das World Economic Forum bei seinem weltweiten Standortvergleich befand. Die kleineren Nachbarn Niederlande (5.) und Belgien (17.) liegen noch vor der "Grande Nation". Zwar gehört die Infrastruktur in Frankreich weiter zu den besten der Welt. Aber der Arbeitsmarkt wird als zu starr empfunden, das Steuersystem als zu wirtschaftsfeindlich: Hier belegt Frankreich nur die Ränge 111 und 128.
Deutschland: Trotz der Euro-Krise hat Deutschland im globalen Standortvergleich des World Economic Forum seinen sechsten Platz behauptet und damit erstmals die USA überholt. Als Pluspunkte gelten die ausgezeichnete Infrastruktur und innovative Unternehmen, die alle Stufen der Wertschöpfung leisten können - von der Produktion bis hin zu Marketing und Vertrieb. Minus-Punkte gab es dagegen für den Arbeitsmarkt, der als zu starr gilt. Kritisiert wird vor allem die mangelnde "Flexibilität der Lohnfindung": Hier landet Deutschland auf Platz 139 von 144.

Industrie

Frankreich: Zwar kann unser Nachbarland mit großen Unternehmen wie den Autobauern Renault und Peugeot Citroen oder der Atomkonzern Areva aufwarten. Allerdings fehlt es an einem breiten und exportstarken Mittelstand, der die Absatzkrise im Euro-Raum durch wachsende Geschäfte in Asien und anderen Boomregionen ausgleichen kann. Die Industrie ist deshalb auf dem Rückzug: Nur noch 12,6 Prozent trägt sie zur Bruttowertschöpfung bei.

Deutschland: Hierzulande haben viele "hidden champions" ihre Heimat - also unbekannte mittelständische Unternehmen, die Nischen besetzt haben und mit ihren Produkten zu den Weltmarktführern gehören. Die Industrie erlebt in Deutschland eine Renaissance, weil diese Firmen in den Boomregionen aktiv sind. Ihr Anteil an der Bruttowertschöpfung kletterte 2011 auf 26,2 Prozent, während er zwischen 2000 und 2010 im Schnitt nur 25,1 Prozent betrug.

Arbeitskosten

Frankreich: 34,20 Euro kostet eine Arbeitsstunde in der französischen Privatwirtschaft im Schnitt. In der EU ist Arbeit nur in Belgien, Schweden und Dänemark noch teurer. In der Industrie sind es sogar 35,91 Euro.

Deutschland: Im Schnitt kostet eine Stunde Arbeit in der deutschen Privatwirtschaft 30,10 Euro - das ist der siebthöchste Wert der 27 EU-Mitglieder. Der Euro-Zonen-Schnitt liegt bei 27,70 Euro. In der im internationalen Wettbewerb stehenden Industrie liegen die Arbeitskosten bei 35,66 Euro pro Stunde.

Depardieu, der sich gerne auf einer Münch Mammut fotografieren lässt, dem dicksten je gebauten Motorrad, greift Ayrault persönlich an, als sei er selbst ein zorniger Dickhäuter: „Wer sind Sie, um mich so abzuurteilen? Wer sind Sie, frage ich, Herr Ayrault, Premier von Hollande?“ Depardieu nimmt für sich in Anspruch, stets brav seine Steuern bezahlt zu haben – angeblich 85 Prozent auf seine Einkünfte in diesem Jahr und 145 Millionen Euro in 45 Jahren Erwerbstätigkeit.

Aber nicht deshalb ziehe er nach Belgien. Frankreich verlasse er, weil Ayrault und seine Regierung „den Erfolg, die schöpferische Arbeit, jedes Anderssein bestraft“. Seine Liebe zu Frankreich habe er in zahlreichen Filmen bewiesen, doch nun habe er dort „nichts mehr verloren“.

Kommentare (44)

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Republikfluechtling

16.12.2012, 17:44 Uhr

Würde ich auch gerne machen. Pass abgeben und weg. Dann muss ich mich nicht wieder von dem ex (oder ) Kommunisten Trittin belehren lassen. Ich hätte es auch so geschafft die Flaschen in die gelbe Tonne zu stecken.

Account gelöscht!

16.12.2012, 18:05 Uhr

Die französischen Kommunisten haben das Land binnen weniger Monate ruiniert. Seine Immobilie in Paris wird aber nur noch ein Verrückter kaufen.

zappenduster

16.12.2012, 18:20 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Nicht persönlich werden“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

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