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24.07.2015

16:23 Uhr

Fünf Jahre Loveparade-Katastrophe

Was ist schon Normalität

VonKathrin Witsch

21 Menschen starben 2010 während einer Massenpanik auf der Loveparade. Eine Katastrophe, für Opfer, Überlebende, für Angehörige, aber auch die Stadt Duisburg. Was eint, ist die Suche nach Normalität. Ein Ortsbesuch.

Kerzen brennen am 23.07.2015 in Duisburg an der Unglücksstelle der Loveparade 2010. Betroffene und Angehörige wollen im Rahmen der „Nacht der 1000 Lichter“ in Duisburg an die Katastrophe bei der Loveparade 2010 erinnern. dpa

Nacht der 1000 Lichter

Kerzen brennen am 23.07.2015 in Duisburg an der Unglücksstelle der Loveparade 2010. Betroffene und Angehörige wollen im Rahmen der „Nacht der 1000 Lichter“ in Duisburg an die Katastrophe bei der Loveparade 2010 erinnern.

Duisburg Leise ist es nicht im Tunnel an der Karl-Lehr-Straße in Duisburg, unweit der Autobahn 59. Autos und LKWs rauschen über eine anliegende Hauptverkehrsstraße. Auch der Hauptbahnhof ist in unmittelbarer Nähe. Der Tunnel wirkt bedrückend und eng. Zu eng.

Nach ein paar Metern befindet sich auf der linken Seite ein schmaler Durchgang. Der Aufgang zur Rampe, raus aus dem Tunnel ins Freie, sieht anders aus als vor fünf Jahren. Anders als damals, als mitten in der Ruhrgebietsmetropole Duisburg eine Massenpanik hier 21 Menschen das Leben kostete, 500 Personen mitunter lebensgefährlich verletzte und Tausende traumatisierte. Auf den Tag genau vor fünf Jahren strömen hunderttausende Menschen zur Loveparade. Die ausgelassene Feier endete in einem der größten Unglücke der jüngeren deutschen Geschichte.

Eine Betonwand zieht sich heute rechts die Rampe entlang. Links, an der Treppe vorbei befindet sich jetzt ein Kiesbett. Zwischen unzähligen Gedenkplatten, Blumen und Fotos harkt ein Mann die grauen Steinchen auseinander. Er dreht sich um und stellt eine kleine, steinerne Engelsfigur vor eine Blumenvase. An seinem roten T-Shirt wischt er sich die Hände ab. Sein Blick ist freundlich. Auf die Frage, ob er von der Stadt sei, entgegnet er mit einem lauten Lachen. Er pflegt eine Erinnerungsstätte. Hier, am Tunnel, wurde die Parade zur Falle. Im Engpass drängten sich zu viele Menschen auf zu wenig Raum. Die Beklemmung ist greifbar.

„Ruhr.2010“ hieß das Projekt, dass das Ruhrgebiet als Kulturhauptstadt Europas etablieren sollte. Endlich weg vom verschmutzten, stählernen Pott-Image der Region. Die Loveparade, das Mekka der Techno-Fans und eine einzige große Party, war Teil dieses Konzepts. Eine ganze Region in Aufbruchsstimmung. Um die 400.000 Besucher, so wird die Polizei später schätzen, feiern und tanzen auf einem stillgelegten Güterbahnhof. Am Nachmittag stauen sich die Besucherströme aus drei verschiedenen Richtungen an jenem Tunneleingang, der gleichzeitig als Ein-und Ausgang für die Partygäste dienen sollte. Es kommt zur Massenpanik im Gedränge.

Fünf Jahre danach: Duisburg gedenkt Loveparade-Opfern mit Lichtermeer

Fünf Jahre danach

Duisburg gedenkt Loveparade-Opfern mit Lichtermeer

Die Loveparade-Katastrophe mit 21 Toten ist genau fünf Jahre her. Duisburg gedenkt den Opfern mit einem Lichtermeer und einer Gedenktafel. Auch eine Stiftung für Verletzte und Hinterbliebene soll gegründet werden.

Der Mann im roten T-Shirt heißt Dirk Schales. Und wie es der Zufall will, ist er Sprecher der Betroffenen-Initiative „LoPa 2010“. „Das wirkte alles so unwirklich, so wie ein Film, der vor einem abläuft“, erinnert Schales sich. Er war mittendrin, im Gedränge am 24. Juli 2010. „Es ging nichts vor, nichts zurück. Alle drängten zu der schmalen Steintreppe.“ Dabei wollten Schales und seine Freunde eigentlich nur nach Hause. Eines der Opfer, habe noch versucht über die Massen zu klettern, um so das Geländer zu erreichen. Aber kurz vor der Treppe, dem einzig verbliebenen Fluchtweg, verschwand er einfach zwischen den Menschen.

Kurz vor dem Jahrestag kommen die Alpträume wieder, sagt Schales. Immer. Er wird unruhig, ist schlecht gelaunt. Geholfen hat ihm die Arbeit an der Gedenkstätte im „gelben Tunnel“, wie die Anlage an der Karl-Lehr-Straße bei den Duisburgern heißt. Die pflegt Schales gemeinsam mit anderen Hinterbliebenen und Betroffenen. Die Stadt hat lange nichts getan, sagt er, bis zur Abwahl des früheren Oberbürgermeisters Adolf Sauerland (CDU) seien die Betroffenen auf sich allein gestellt gewesen. Erst unter dem neuen Bürgermeister Sören Link (SPD) habe man schließlich zugehört. „Schuld an der Katastrophe haben eindeutig Sauerland, die Stadt und Rainer Schaller, der Veranstalter.“ Aber die Verantwortlichen habe man laufen lassen, sagt Schales kopfschüttelnd. Die Justiz sieht das bisher anders.

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