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31.08.2015

16:25 Uhr

Gastbeitrag des NZZ-Chefs Österreich

Die toten Flüchtlinge, die „Krone“ und der böse Boulevard

VonMichael Fleischhacker

Durften „Bild“ und Kronen-Zeitung Fotos von toten Flüchtlingen zeigen? In Deutschland und Österreich wird darüber diskutiert. Alle wettern gegen den „bösen Boulevard“ - aus „falschen Gründen“, meint Michael Fleischhacker.

Der Chef von NZZ.at ruft zum vorsichtigen Umgang mit Bildern auf. Imago

Michael Fleischhacker

Der Chef von NZZ.at ruft zum vorsichtigen Umgang mit Bildern auf.

Am Samstag habe ich es im wöchentlichen Newsletter an die NZZ.at-Abonnenten als „Skandal“ bezeichnet, dass die Kronen-Zeitung ein Foto veröffentlicht, auf dem Leichen von erstickten Flüchtlingen im Lkw auf der Ostautobahn zu sehen sind. Heute bin ich mir nicht mehr sicher, ob ich recht habe. Mag sein, dass das nicht für meine Urteilskraft spricht, aber ich kann es im Moment nicht ändern.

Es stimmt natürlich weiterhin alles, was Julia Herrnböck über die Heuchelei der Krone und deren üble Rolle in den Feuchtgebieten der österreichischen Innenpolitik geschrieben hat. Und es bleibt aufklärungsbedürftig, wie es überhaupt zu dem Foto gekommen ist. Aber ich fürchte, dass wir, wenn wir uns auf diesen Aspekt konzentrieren, das wichtigere Thema aus den Augen verlieren: dass der Skandal das Ereignis ist, und nicht der Bericht darüber, auch wenn der unter fragwürdigen Umständen entstanden sein mag.

Die Hauptargumente gegen die Veröffentlichung von Bildern, die Grausames zeigen, sind bekannt, Julia Herrnböck hat sie in ihrem Text referiert. Und zurecht darauf hingewiesen, dass die Entscheidung, zu veröffentlichen oder nicht zu veröffentlichen, jedes Mal aufs Neue einer Abwägung bedarf.

Ich stelle mir vor, was passiert wäre, wenn nicht die Krone, sondern die Salzburger Nachrichten sich entschieden hätten, ein Bild der Toten zu veröffentlichen, um auf drastische Weise deutlich zu machen, welche Konsequenzen die europäische Nicht-Politik hat.

Sie haben es nicht getan. Und sie hätten es wohl auch nicht getan. Andreas Koller, stellvertretender Chefredakteur der SN und Mitglied eines Senats des Pressesrates, gehört zu den schärfsten Kritikern der Veröffentlichung. Das lenkt den Blick auf die Haltung der Regionalzeitungen.

Die Oberösterreichischen Nachrichten brachten eine bildlose Titelseite und die Schlagzeile: „Kein Bild kann dieses Verbrechen beschreiben“. Sie wurden dafür gelobt, auch von mir. Es ist jedenfalls eine originelle blattmacherische Lösung. Der Titel stimmt dennoch nicht: Natürlich kann das Bild des Leichenbergs im Lastwagen auf der Ostautobahn das Verbrechen beschreiben, und zwar besser, deutlicher, stärker und eindringlicher als jeder Text.

Zahlen und Fakten zu Flüchtlingen

219.000 Menschen...

...flohen laut Flüchtlingshilfswerk UNHCR 2014 über das Mittelmeer nach Europa; 2015 waren es bis zum 20. April 35.000.

3500 Menschen...

...kamen 2014 bei ihrer Flucht ums Leben oder werden vermisst; im laufenden Jahr sind es bis zum 20. April 1600.

170.100 Flüchtlinge...

...erreichten 2014 über das Meer Italien (Januar bis März 2015: mehr als 10.100); weitere 43.500 kamen nach Griechenland, 3500 nach Spanien, 570 nach Malta und 340 nach Zypern.

66.700 Syrer...

...registrierte die EU-Grenzschutzagentur Frontex 2014 bei einem illegalen Grenzübertritt auf dem Seeweg, 34.300 Menschen kamen aus Eritrea, 12.700 aus Afghanistan und 9800 aus Mali.

123.000 Syrer...

...beantragten im vergangenen Jahr in der EU Asyl (2013: 50.000).

202.700 Asylbewerber...

...wurden 2014 in Deutschland registriert (32 Prozent aller Bewerber), 81.200 in Schweden (13 Prozent) 64.600 in Italien (10 Prozent), 62.800 in Frankreich (10 Prozent) und 42.800 in Ungarn (7 Prozent).

Um 143 Prozent...

...stieg die Zahl der Asylbewerber im Vergleich zu 2013 in Italien, um 126 Prozent in Ungarn, um 60 Prozent in Deutschland und um 50 Prozent in Schweden.

Mit 8,4 Bewerbern...

... pro tausend Einwohner nahm Schweden 2014 im Verhältnis zur Bevölkerung die meisten Flüchtlinge auf. Es folgten Ungarn (4,3), Österreich (3,3), Malta (3,2), Dänemark (2,6) und Deutschland (2,5).

600 000 bis eine Million Menschen...

...warten nach Schätzungen der EU-Kommission allein in Libyen, um in den nächsten Monaten die Überfahrt nach Italien oder Malta zu wagen.


Dass die Regionalzeitungen mit ihrer breiten Leserschaft solche Bilder nicht bringen, hat nichts mit der Würde der Toten zu tun, aber alles mit der Angst vor dem fragilen Nervenkostüm der Leser. Nicht weil sie um die Würde der toten Flüchtlinge bangen, vermeiden die Blattmacher solche Bilder, sondern weil sie keine Abbestellungen wollen. Thomas Götz hat das in seinem Leitartikel für die Kleine Zeitung, die wichtigste Bundesländerzeitung, klar gemacht: „Sorgen wir uns wirklich um die posthume Würde der Ermordeten“, fragt er, „oder vielmehr um unseren Nachtschlaf?“

Im Gespräch über den Bilderstreit sagte mir ein befreundeter Künstler am Samstagabend, dass er die gängige Praxis der medialen Bild-Vermeidung, wenn es um die Grausamkeit von Krieg, Vertreibung und Unterdrückung geht, für eine Katastrophe hält. Ich glaube, er hat recht.

Und wenn ich am selben Abend sehe, dass in den sozialen Medien – verteilt auch von Twitteranten, die die Empörung über die Krone teilen – Bilder von toten Kindern kursieren, die vor der libyschen Küste im flachen Wasser treiben, denke ich: Ich kann den Anblick schwer ertragen, aber es ist gut, dass die Konsequenzen unserer politischen Entscheidungen sichtbar werden.

Wenn wir uns in unserer kleinen österreichischen, verzerrten Wettbewerbswelt – zu Recht – über die Heuchelei der Krone beklagen, ändert das doch nichts daran, dass den brutalen Bildern der brutalen Realität eine wichtige Funktion zukommt, die durch die fragwürdigen Motive einzelner Veröffentlicher nicht geschmälert wird. Es ist nicht unsere Aufgabe als Medium, die Politik bei ihrem Versuch zu unterstützen, die Folgen ihrer Entscheidungen und Nicht-Entscheidungen schönzureden und wegzudrücken.

So denke ich heute. Ich kann Ihnen nicht garantieren, dass ich morgen noch ganz genauso denke. Ich verlasse mich darauf, dass Sie mich dafür nicht verachten. Weil es Ihnen auch so geht.

Michael Fleischhacker ist seit Mitte 2014 Chefredakteur der Online-Nachrichtenplattform NZZ.at. Seit Januar 2015 gibt es das Portal als österreichisches Äquivalent zur Schweizer „Neuen Zürcher Zeitung“.

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