Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

10.11.2014

17:39 Uhr

Gedenken an Flug MH17

Bewegende Trauerfeier für Opfer des Absturzes

Die Stimmung schwankt zwischen Trauer und Wut: 1600 Angehörige nehmen in Amsterdam Abschied von den 298 Opfern des Flugs MH17. Und verlangen weiter Antworten zum Hergang der Tragödie.

Die Niederlande trauert: Am Jahrestag weht die niederländische Flagge auf Halbmast. dpa

Die Niederlande trauert: Am Jahrestag weht die niederländische Flagge auf Halbmast.

AmsterdamBewegende Gedenkfeier für die Opfer von Flug MH17: Rund 1600 Trauergäste erinnerten am Montag bei Amsterdam an die 298 Menschen an Bord der Maschine, die vor knapp vier Monaten über der Ostukraine abstürzte. Teil nahmen auch der niederländische König Willem-Alexander, Königin Maxima und Ministerpräsident Mark Rutte. Die Feier zeige Familienmitgliedern und Freunden der Opfer, dass sie nicht allein stünden, sagte Rutte.

Die Boeing 777 der Fluggesellschaft Malaysia Airlines war am 17. Juli auf dem Weg von Amsterdam in die malaysische Hauptstadt Kuala Lumpur mutmaßlich von einer Rakete abgeschossen worden. Alle 298 Menschen an Bord - die meisten von ihnen waren Niederländer - kamen um. Prorussische Rebellen und ukrainische Regierungstruppen werfen sich gegenseitig vor, das Flugzeug abgeschossen zu haben.

Rutte sagte in einer kurzen Ansprache: „Am 17. Juli 2014 wurde aus einem sorglosen „bis bald“ ein jäher Abschied.“ Die Kinder, Enkel, Väter, Mütter, Brüder, Schwestern, Omas, Opas, Ehemänner, Ehefrauen und Freunde an Bord der MH17 seien auf eine Reise gegangen, von der sie niemals zurückkehren würden.

Offene Fragen nach dem mutmaßlichen Boeing-Abschuss

Wer war es?

In dem seit Wochen andauernden Konflikt in der Ostukraine gibt es drei beteiligte Seiten: die prorussischen Rebellen, die prowestliche Führung in Kiew sowie Russland. Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko sprach von einem „terroristischen Akt“. Er warf den Separatisten vor, die Boeing abgeschossen zu haben – wie zuletzt mehrere ukrainische Militärflugzeuge. Moskau wiederum gibt Kiew die Schuld an der Eskalation der Lage in der Ostukraine.

Kann man die Täter überführen?

US-Experten gehen davon aus, dass es eine Boden-Luft-Rakete war, die das Flugzeug in der Reiseflughöhe von 9100 Meter traf. Anhand von Satelliten-Aufnahmen lasse sich bislang nicht feststellen, wo genau die Rakete abgefeuert wurde. Fachleute von Militär und Geheimdienst sind aber nach US-Medienberichten dabei, mit Hilfe von mathematischen Formeln und Computern, den genauen Ursprungsort der Rakete zu ermitteln.

Wer hat die Waffen für einen solchen Angriff?

Die Separatisten hatten zuletzt mehrfach zugegeben, ukrainische Kampfjets, Transportmaschinen und mehrere Hubschrauber abgeschossen zu haben. Allerdings dürften alle getroffenen Maschinen deutlich niedriger als die Boeing 777-200 geflogen sein. Nach unbestätigten Berichten haben die Aufständischen behauptet, ein Buk-Flugabwehrsystem im Verlauf der Kämpfe erbeutet zu haben. Das in den 80er-Jahren von der sowjetischen Militärindustrie entwickelte Lenkwaffen-System Buk (Buche) kann Ziele in Höhen bis zu 25.000 Metern treffen.

Wieso flog MH 017 über das Konfliktgebiet?

Der Überflug von Konfliktgebieten wie etwa der Ostukraine durch Passagiermaschinen ist nach Angaben der Vereinigung Cockpit nicht unüblich. Das Vorstandsmitglied Markus Wahl sagte der Nachrichtenagentur dpa, so werde zum Beispiel im täglichen Betrieb der Irak und Afghanistan überflogen. Selbst im eskalierten Nahost-Konflikt fliegen internationale Fluggesellschaften weiterhin Tel Aviv an, obwohl die Stadt seit Tagen massiv mit Raketen aus dem Gazastreifen angegriffen wird. Manche sind da vorsichtiger: „Korean Airlines“ teilte laut Itar-Tass mit, seit Monaten nicht mehr über die Ostukraine zu fliegen.

Wer leitet die Untersuchung zur Aufklärung des Vorfalls?

Rein rechtlich ist es Aufgabe der ukrainischen Regierung, den Vorfall auf ihrem Staatsgebiet aufklären zu lassen. Allerdings ist die prowestliche Führung in Kiew selbst in den seit Monaten andauernden Konflikt im Osten des Landes involviert. Wohl auch deshalb haben US-Präsident Barack Obama, die Bundesregierung und auch die Nato eine internationale Untersuchung gefordert. Wer diese leiten könnte, ist noch unklar.

Auf der Gedenkfeier wurden erneut Trauer, Unglauben und Ärger der Familien und Freunde offenbar. Die 13-jährige Gita Wiegel erinnerte sich, ihre Mutter vor dem Einchecken noch einmal geknuddelt zu haben. Die Vorstellung, sie nun vier Wochen nicht zu sehen, sei schlimm gewesen. „Aber das ist viel, viel schlimmer“, sagte sie. Ein anderer trauernder Angehöriger, Paul Marckelbach, rezitierte ein Gedicht und schluchzte, nachdem er das letzte Wort gelesen hatte: „Warum?“

Andere Verwandte, die nur mühsam ihre Tränen zurückhalten konnten, lasen die Namen und Alter aller 298 Opfer vor. Es dauerte 23 Minuten, bis sie fertig waren. Anton Kotte, der seinen Sohn, seine Schwiegertochter und seinen jüngsten Enkel verlor, sagte: „Eine Rakete beendete ihren Flug. Wir sind in einem Horrorszenario gelandet. Einem Szenario aus Machtlosigkeit, Ärger und Unglauben.“

Die Frage, was genau passierte, ist immer noch nicht beantwortet. Die niederländische Regierung hielt sich in Behauptungen zurück. Allerdings hatten niederländische Polizei und Staatsanwaltschaft erklärt, ein Raketentreffer sei die wahrscheinlichste Antwort.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×