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09.09.2014

17:17 Uhr

Gefährliche Straßen

Zu Fuß durch den Großstadt-Dschungel

Die Sicherheit für Fußgänger muss in Städten unbedingt erhöht werden. Sie verunglücken zwar selten im Straßenverkehr. Doch werden sie in einen Unfall verwickelt, dann hat das für Fußgänger schwerwiegende Konsequenzen.

Der Fußgänger, das unerfasste Wesen: Zu Fuß zu gehen ist selbstverständlich. So selbstverständlich, dass es kaum Verkehrskonzepte für Fußgänger gibt. Die allerdings währen dringend notwendig. dpa

Der Fußgänger, das unerfasste Wesen: Zu Fuß zu gehen ist selbstverständlich. So selbstverständlich, dass es kaum Verkehrskonzepte für Fußgänger gibt. Die allerdings währen dringend notwendig.

In deutschen Großstädten zu Fuß unterwegs zu sein, ist relativ sicher. Das ergibt eine neue Studie des Verkehrsclub Deutschland (VCD), die zwischen 2009 und 2013 alle 80 deutschen Großstädte mit über einhunderttausend Einwohnern hinsichtlich der Verkehrssicherheit für Fußgänger untersucht hat. Die Auswertung von Behördeninformationen ergab: Nur zwölf Prozent der im Straßenverkehr verunglückten Personen sind demnach Fußgänger.

Doch diese Zahl ist eben relativ. Denn es gibt noch weitere, deutlich beunruhigendere Ergebnisse: Betrachtet man die bei Unfällen Schwerverletzten, steigt der Anteil der Fußgänger auf 21 Prozent. Und bei den tödlich Verunglückten auf 33 Prozent.

Im Klartext heißt das: Mehr als die Hälfte aller Menschen, die als Fußgänger im Straßenverkehr verunglücken, überleben den Unfall schwer verletzt oder kommen gar ums Leben.

Angesichts dieser Daten lag das Augenmerk der Studie vor allem darauf, was Städte tun, um die Sicherheit für Fußgänger im Straßenverkehr zu erhöhen. Auch das folgende Ergebnis fällt eher unerfreulich aus: Nur in 38 Städten ist die Zahl der Verunglückten der Tendenz nach gesunken. In Bremen ist sie gleich geblieben, und in 41 Städten ist sie gestiegen.

Knapp ein Viertel aller Wege legt Mann oder Frau heute zu Fuß zurück. Doch gerade deshalb, so der VCD in seiner Pressemitteilung zur Studie, erscheinen Fußgänger als „so selbstverständlich, dass diese Gruppe der Verkehrsteilnehmer kaum im Fokus der Verkehrssicherheitsarbeit steht“.

Ingolf Hetzel, Mitglied im VCD-Bundesvorstand, zu den Ergebnissen: „Der Fußverkehr leistet einen wichtigen Beitrag zu einer umweltverträglichen Nahmobilität. Ausdrücklich gefördert wird er jedoch in den seltensten Fällen, hier besteht Nachholbedarf.“ Initiativen wie in Krefeld, wo schon seit 1999 ein Arbeitskreis mit dem Namen „Krefeld Fairkehr“ existiert, seien zu selten.

Wo es zu Fuß besonders sicher ist

Krefeld

Um durchschnittlich 5,8 Prozent pro Jahr hat die Zahl der verunglückten Fußgänger pro Tausend Verkehrsteilnehmer in Krefeld seit 2009 abgenommen. Maßgeblich dafür ist vor allem die Initiative „Krefelder Fairkehr“, ein ressortübergreifender Arbeitskreis der seit 1999 besteht. Diesem geht es vor allem um eine erhöhte Verkehrssicherheit für Kinder. Heute sind die Hälfte aller Straßenkilometer in Krefeld Tempo-30-Zone, dazu kamen bauliche Maßnahmen wie die „Krefelder Kissen“ genannten Bremsschwellen oder Mini-Kreisverkehre, die Unfallschwerpunkte ausschalten konnten. Der Erfolg: In Krefeld verunglückten im Jahr 2013 insgesamt nur noch 20 Kinder zu Fuß. Einen Todesfall gab es seit 2008 nicht mehr.

Frankfurt am Main

Mit 3,7 Verunglückten je 1.000 Personen der Werktagsbevölkerung („Werktagsbevölkerung“ um auch insbesondere Pendler mit einzubeziehen) liegt Frankfurt statistisch unter dem Durchschnitt der deutschen Großstädte. Dabei liegt der Anteil von Fußgängern am gesamten Straßenverkehr bei sehr hohen 30 Prozent. Auch in Frankfurt tragen vor allem bauliche Maßnahmen, gerade im Innenstadtbereich, zur erhöhten Verkehrssicherheit bei: Hervorhebungen von Zebrastreifen durch blau-silber gestreifte Pfostenhüllen, so genannte „Lollis“, oder Fahrradbügel um falsches parken zu verhindern, sind positive Beispiele. Hinzu kommen Aufklärungskampagnen die zu mehr Rücksicht im Straßenverkehr auffordern und eine „Mobilitätsbildung“, eine Verkehrsschulung für Kinder im Vor- und Grundschulalter.

Trier

Mit 4,6 Verunglückten pro 1.000 Personen der Werktagsbevölkerung deutlich über dem Durchschnitt, zeigt sich Trier als Beispiel einer Stadt mit vergleichsweise vielen Verunglückten, die in den letzten Jahren aktiv versucht, die Verkehrssituation zu verbessern. Auch hier greifen vor allem Veränderungen der Infrastruktur wie bereits bei den Beispielen Frankfurt und Krefeld genannt, ebenfalls in Angriff genommen wurde in Trier eine Optimierung der Ampelschaltung, um Grünphasen zu verlängern und damit extrem unfallaffine Rotlichtverstöße zu reduzieren. Das Polizeipräsidium Trier und andere Stellen betreiben Verkehrsschulung bei Kindern.

Herne

„Herne fährt fair!“: Unter diesem Motto wirbt die Stadt Herne für mehr gegenseitige Rücksichtnahme im Straßenverkehr. Während ein konkretes Programm zur Förderung der Fußgängersicherheit nicht existiert, engagiert die Stadt sich seit Jahren stark im Bereich der Fahrradförderung. Hiervon profitiert teils auch, wer zu Fuß geht: Der Ausbau von Radwegen führt beispielsweise zur Verengung von Fahrbahnen und zu mehr Tempo-30-Zonen. Zudem werden regelmäßig Untersuchungen zur Identifizierung und Beseitigung von Unfallschwerpunkten durchgeführt und es wird viel geblitzt. Das einzig beunruhigende: Nachdem die Zahl der verunglückten Fußgänger in den Jahren 2009 bis 2012 von 75 auf 46 Personen zurückgegangen war, stieg die Zahl 2013 wieder auf 58 an. Die genauen Ursachen hierführ sind nicht zu bestimmen. Mit 2,4 Verunglückten je 1.000 Personen Werktagsbevölkerung weist Herne jedoch immer noch eine vergleichsweise niedrige Unfallhäufigkeit auf.

Jena

Ein ähnliches Bild wie in Herne ergibt sich in Jena: Nachdem die Unfallzahlen bis 2012 von 58 auf 37 Verunglückte sanken, kam es 2013 wieder zu einem sprunghaften Anstieg mit 52 Verletzten. Mit 39 Prozent haben in Jena die Fußgänger allerdings von allen Städten den größten Anteil am Straßenverkehr, der Anteil von Fußgängern insgesamt ist dreimal so hoch wie die Zahl der Verunglückten. So steht die Stadt in Relation wieder sehr gut da. Verwaltung und Polizei konzentrieren sich in ihrer Zusammenarbeit vor allem um das Erfassen und Entschärfen von Unfallschwerpunkten, auch hier greifen die bekannten Maßnahmen vor allem bei der Ampelschaltung. Ein Konzept für den Radverkehr gibt es bereits seit 2003, mit positiven Synergieeffekten auch für die Fußgänger, eine Fußgängerstrategie soll unter Mitwirkung der Öffentlichkeit erarbeitet werden.

Quelle

Quelle: Verkehrsclub Deutschland (VCD)

Die Stadt am Niederrhein hatte Ende der Neunziger Jahre als Reaktion auf die hohe Zahl von Kinderunfällen eine Studie in Auftrag gegeben und ein Handlungskonzept erarbeitet, das seitdem vor allem in einer Reihe von baulichen und verkehrspolitischen Maßnahmen gipfelte: Mehr verkehrsberuhigte Zonen, mehr Tempo-30-Zonen, Ausbau und bessere Markierung von Fußgängerüberwegen, Einengung von Straßen, Mini-Kreisverkehre sowie zusätzliche Bremsschwellen sind nur einige Beispiele. Hierzu kommt eine wesentlich höhere Zahl von Geschwindigkeits- und Parkkontrollen.

Die Strategie zeigt Erfolg: Seit 2008 ist kein Kind oder Jugendlicher in der Stadt mehr bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Insgesamt verunglückten im gesamten Straßenverkehr 77 Kinder und Jugendliche, 20 davon als Fußgänger.

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