Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

28.09.2012

16:18 Uhr

Gemischter Schwimmunterricht

Muslimisches Mädchen verliert Rechtsstreit

Eine elf Jahre alte muslimische Schülerin will aus religiösen Gründen nicht am gemischten Schwimmunterricht teilnehmen. Nun steht Religionsfreiheit gegen den staatlichen Bildungsauftrag. Letzterer hab hier Vorrang.

Zwei Musliminnen am Beckenrand einer Schwimmhalle. dpa

Zwei Musliminnen am Beckenrand einer Schwimmhalle.

KasselEin muslimisches Mädchen ist vor Gericht mit der Forderung gescheitert, vom gemischten Schwimmunterricht befreit zu werden. Der Hessische Verwaltungsgerichtshof in Kassel wies am Freitag die Berufung einer heute zwölf Jahre alten Schülerin aus Frankfurt ab. Sie wollte feststellen lassen, dass sie im abgelaufenen Schuljahr im Alter von elf Jahren zu Unrecht nicht vom koedukativen Schwimmunterricht befreit wurde.

„Die Klägerin hätte damals am Schwimmunterricht teilnehmen müssen. Für diesen Zeitpunkt in diesem Einzelfall gab es keine Gründe für eine Befreiung“, sagte der Vorsitzende Richter und Präsident des VGH, Hans Rothaug (Az: 7 A 1590/12). Bereits zuvor hatten andere Oberverwaltungsgerichte in vergleichbaren Fällen ähnlich geurteilt. Wegen der grundsätzlichen Bedeutung der Frage ließt der VGH aber eine Revision zum Bundesverwaltungsgericht zu.

Abzuwägen seien die Grundrechte der Religionsfreiheit und des staatlichen Bildungsauftrags. Er habe keinen Zweifel, dass die Klägerin es mit ihrem Glauben sehr ernst meine, betonte Rothaug. Das Tragen eines Burkinis sei ihr als „milderes Mittel“ an dieser Schule aber möglich gewesen. An der Helene-Lange-Schule in Frankfurt haben vier von fünf Schülern einen Migrationshintergrund. Mehr als ein Drittel sind Muslime. Ein Burkini ist ein Badeanzug, der den Bekleidungsvorschriften des Islam entspricht.

Diesen hatte die Muslima abgelehnt. „Das ist ein Plastiksack und macht jemanden hässlich“, sagte ihr Anwalt Klaus Meissner. Zudem hatte er mit dem Anblick der anderen Jungen und Mädchen argumentiert. Dies verletze ihr Schamgefühl. Die Klägerin sagte: „Ich möchte Jungen nicht in kurzer Bekleidung sehen. Ich mag sowas nicht.“ Das ließ der 7. Senat nicht gelten. Die Schülerin wolle Ärztin werden. Auch dann könne sie sich nicht jeder solchen Situation verschließen. Bereits das Verwaltungsgericht Frankfurt hatte die Klage abgewiesen.

Das Bundesverwaltungsgericht hatte 1993 entschieden, dass eine Befreiung vom Schwimmunterricht möglich ist, wenn die Schule keinen getrennten Schwimmunterricht anbietet. „Die Schullandschaft hat sich verändert. Dem muss Rechnung getragen werden“, sagte die Vertreterin des Landes vor dem VGH. Dem folgten die Richter. Die Entwicklung seit damals sei fortgeschritten. Zudem habe das Bundesverfassungsgericht deutlich gemacht, Integration verlange auch, dass religiöse Minderheiten sich nicht selbst ausgrenzten. Die Religionsfreiheit des Mädchens müsse vor diesem Integrationsauftrag teilweise zurücktreten.

Erst im Juni hatte das Oberverwaltungsgericht in Bremen geurteilt, dass muslimische Grundschülerinnen keinen Anspruch auf Befreiung vom Schwimmunterricht haben (AZ: 1 B 99/12). Im Grundschulalter könne von einem persönlichen Gewissenskonflikt durch die Teilnahme am gemeinsamen Schwimmen für Mädchen und Jungen noch nicht ausgegangen werden. Einen Befreiungsanspruch gebe es erst nach Einsetzen der Pubertät. Auch das nordrhein-westfälische Schulministerium hatte 2009 klargestellt, dass muslimische Schülerinnen und Schüler grundsätzlich am Schwimmunterricht und an Klassenfahrten teilnehmen müssen.

Von

dpa

Kommentare (2)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

28.09.2012, 16:50 Uhr

Eine Ärztin in Burka und würde dann wohl auch die Behandlung von Männer ablehnen - wenn sie schon dem gemeinsame Schwimmen auszuweichen versucht.

Glaubensfreiheit ist sicher wichtig. Aber ein Verhalten das die Menschen daran hindert am Leben teilzunehmen, darf nicht durch Religion zu rechtfertigen sein.

Außerdem gehöhrt es zu unserer europäischen Kultur, dass wir Menschen nach ihrem Anblick, ihrer Mimik und Gestik einschätzen. Auch da sind wir deutlich zu nachsichtig. Wer unter Mitteleuropäern leben will, sollte uns unverhüllt entgegentreten, wie unsere Kultur das verlangt.

wolle

28.09.2012, 16:56 Uhr

Ach so! Der Bildungsauftrag geht also vor Religionsfreiheit. Warum zum Teufel geht dann nicht auch das Recht auf körperliche Unversehrtheit im Fall von Knabenbeschneidungen vor Relgionsfreiheit? Die deutsche Rechtssprechung wird sich hieran mesen lassen!

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×