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24.08.2012

18:08 Uhr

Gerichtsurteil

Massenmörder Breivik bekommt die Höchststrafe

77 Menschen tötete der norwegische Attentäter Anders Behring Breivik, die Morde nannte er „grausam, aber notwendig“. Nun haben die Richter entschieden: Breivik ist zurechnungsfähig – und muss für 21 Jahre ins Gefängnis.

Reaktionen auf Urteil

Breivik soll nie wieder freikommen

Reaktionen auf Urteil: Breivik soll nie wieder freikommen

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OsloDer norwegische Massenmörder Anders Behring Breivik hat in seinem Schlusswort sein Urteil akzeptiert und mit einer „Entschuldigung“ an seine rechtsextremistischen Gesinnungsgenossen neues Entsetzen ausgelöst. Breivik kündigte am Freitag an, er werde gegen seine Verurteilung zu 21 Jahren Haft mit anschließender Sicherheitsverwahrung wegen 77-fachen Mords keine Berufung einlegen. Denn ein solcher Schritt würde das Gericht „legitimieren“. Bei „militanten Nationalisten“ entschuldigte er sich dafür, bei den Anschlägen in Oslo und auf der Insel Utöya im vergangenen Juli nicht noch mehr Menschen umgebracht zu haben.

Die Staatsanwaltschaft kündigte an, nicht in Berufung gehen zu wollen. Das sagte Staatsanwalt Svein Holden am Freitag in Oslo. Die Beweisführung sei gründlich gewesen, es gebe keinen Grund, den Fall weiterzutragen.

Die Staatsanwaltschaft hatte in ihrem Schlussplädoyer gefordert, Breivik für unzurechnungsfähig zu erklären. Damit wäre er nicht ins Gefängnis, sondern in psychiatrische Behandlung geschickt worden. Der Massenmörder hatte im Prozess gesagt, dass dies für ihn die schlimmste Strafe wäre, da es seine politischen Motive infrage stellen würde. Zwei vom Gericht in Auftrag gegebene Gutachten von Experten hatten zum geistigen Zustand Breiviks widersprüchliche Ergebnisse geliefert.

Die Richter folgten der Forderung der Staatsanwaltschaft nicht. In ihrer einstimmig gefällten Entscheidung verurteilten sie Breivik wegen Terrorismus und vorsätzlichen Mordes. Die Vorsitzende Richterin Arntzen begann nach der Urteilsverkündung am Vormittag mit der Verlesung einer ausführlichen, 90 Seiten langen Begründung, die nach ihren Angaben mehrere Stunden dauern sollte. Dabei beschrieb sie zunächst den Werdegang Breiviks, psychische Probleme in seiner Kindheit, seine schwierigen Familienverhältnisse und seine extensive Beschäftigung mit gewaltverherrlichenden Computerspielen.

Das schlimmste Massaker in Friedenszeiten

Die Taten am 22. Juli 2011 hat Breivik nie bestritten: Zunächst zündete er eine Bombe im Regierungsviertel von Oslo, bei deren Explosion acht Menschen ums Leben kamen. Dann fuhr er auf die Insel Utöya und richtete unter den Teilnehmern eines Jugendlagers der regierenden Arbeiterpartei ein Massaker mit 69 Toten an. Als die Polizei auf der in einem See nordwestlich von Oslo gelegenen Insel eintraf, ließ er sich ohne Widerstand festnehmen. Für Norwegen war es das schlimmste Massaker in Friedenszeiten.

Die Person Breivik

Stimmen zur Person

Durchschnittlich wäre wohl ein Attribut, auf das sich diejenigen einigen könnten, die den norwegischen Attentäter Anders Behring Breivik früher kannten. „Durchschnittstyp“ nannte ihn einer seiner ehemaligen Nachbarn. Sein eigener Vater beschrieb ihn als „gewöhnlichen Jungen“, der nicht gerade gesprächig gewesen sei. Breivik selbst bezeichnete sich vor Gericht gar als „sehr liebenswerte Person unter normalen Umständen“. Dass es für ihn nie wieder „normale Umstände“ geben kann, dafür sorgte er am 22. Juli2011 selbst - als er in Oslo und auf der Insel Utöya blindwütig 77 Menschen tötete.

Psychologisches Profil

Norwegische Medien förderten den Bericht eines Psychologen zutage, der ein Bild des gerade Vierjährigen zeichnete, das irritiert. Der Junge ziehe sich zurück, sei „irgendwie ängstlich“ und „passiv“. Schaudern macht darin die Beschreibung seines Lächelns: Das was Menschen gemeinhin für andere sympathisch macht, wirke bei Breivik „nachgeahmt“ und „einschmeichelnd“. Auch während seiner Ausführungen während des Prozesses lächelte Breivik häufig und bezeichnete dies als „Schutzmechanismus“.

Die Kindheit

Die sogenannten „normalen Umstände“ prägten Breiviks Kindheit. Der 34-Jährige ist der Sohn eines Diplomaten und einer Krankenschwester, verbrachte eine Mittelklasse-Kindheit ohne finanzielle Probleme in einer offenen Gesellschaft, die vieles toleriert. Aufmerken lässt daher ein Satz Breiviks aus dem zehnwöchigen Prozess: Er habe „zu viel Freiheit gehabt“ als Kind.

Familiensituation

Der Psychologe empfahl, den Jungen in eine „stabile Pflegefamilie“ zu geben. Breiviks Eltern hatten sich getrennt, als er ein Jahr alt war. Als Breivik etwa 15 Jahre alt war, brach sein Vater den Kontakt zu ihm vollständig ab. Der Jugendliche war wegen Graffiti polizeilich aufgefallen und hörte damals viel Hip-Hop. Mit 18 verließ Breivik die Schule ohne Abschluss, möglich schien eine politische Laufbahn.

Parteieintritt

1999 schloss sich Breivik der rechtspopulistischen Fortschrittspartei (FrP) an. Die Partei passt wie Breivik eigentlich nicht ins Bild der norwegischen Konsensgesellschaft. Norwegen ist eines der reichsten Länder Welt, seine Ölvorkommen lassen niedrige Steuern und vielfältige Sozialleistungen zu. Ein Wohlfahrtstaat für alle könnte es sein, doch gerade das stört die Rechtspopulisten, die Neiddebatten anstießen und Ängste vor sozialem Abstieg schürten, um den übermächtigen Sozialdemokraten Stimmen abzujagen. Ganz oben auf der Liste der Hassobjekte der Partei: Fremde.

Abkapselung

Bis 2006 gehörte Breivik der Fortschrittspartei an. Schließlich waren ihm selbst die Rechtspopulisten noch zu offen für „multikulturelle Forderungen“ und die „selbstmörderischen Ideen des Humanismus“, wie er im Internet schrieb. Seinen Freunden zufolge ging Breivik in dieser Zeit den Weg in die völlige Abkapselung. Er wurde nach eigenen Worten zum „militanten Nationalisten“, der die „ethnischen Norweger“ schützen wollte. Scheinbare Durchschnittlichkeit machte er zu seiner Strategie, um seine Attentatspläne unerkannt voranzutreiben.

Feindbilder

Als einen der ärgsten Feinde der norwegischen Gesellschaft machte er in dieser Zeit den Islam aus. In seinem mehr als 1500 Seiten langen sogenannten Manifest, das er kurz vor seinen Anschlägen ins Internet stellte, brandmarkt er Islam, Multikulturalismus und Marxismus. Außerdem sieht er sich als Mitglied eines ominösen Ordens der Tempelritter, in dessen Namen er seinen Kulturkampf ausfocht - einer Organisation, die es nach Erkenntnissen der Ermittler nicht gibt.

Zurechnungsfähigkeit

An vielen von Breiviks Äußerungen entzündete sich während des Prozesses unter anderem die Frage der Zurechnungsfähigkeit und damit der Schuldfähigkeit des Angeklagten. Sie entschied über eine Unterbringung im Gefängnis oder in der Psychiatrie. Selbst Psychiater waren sich uneins. Einig sind sich die meisten Norweger jedoch in einem: Unter „normalen Umständen“ dürfte Breivik nie mehr freikommen.

Im Prozess hatte Breivik wiederholt erklärt, er halte sich nicht im juristischen Sinne für schuldig. Seine blutigen Anschläge begründete er mit einer von ihm empfundenen Notwendigkeit, Norwegen vor Überfremdung zu schützen. Bereits vor dem Urteil am Freitag hatte der 33-Jährige angekündigt, er wolle keine Berufung einlegen, sollten die Richter ihn für schuldfähig erklären.

Im Gerichtssaal war er wie schon während des dreimonatigen Prozesses auch am Freitag sichtlich um ein souveränes Auftreten bemüht. In schwarzem Anzug und mit gepflegtem Bart betrat er den Raum und richtete dabei einen Gruß mit in die Luft gestreckter Faust in Richtung der Kameras. Seine Strafe wird er voraussichtlich in dem Gefängnis Ila am Rande von Oslo absitzen müssen.

Breivik ergreift das Wort

Video: Breivik ergreift das Wort

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Von

dapd

Kommentare (17)

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schlechterWitz

24.08.2012, 10:32 Uhr

Nur 21 Jahre...?!?

garkeinWitz

24.08.2012, 10:38 Uhr

...mit anschließender Sicherheitsverwahrung.

Account gelöscht!

24.08.2012, 10:57 Uhr

Was ist an diesem Urteil so überraschend?

1. Das kleine Land Norwegen kann sich wegen seines immensen Ölreichtums gesellschaftliche "Tests" erlauben, die sich ein großes Land nicht erlauben kann. Hier können wir also nichts lernen.

2. Vom Umgang des Gerichts mit fragwürdigen Gerichtspsychiatern können wir in D aber durchaus was lernen. Denn wenn wichtige Entscheidungen vom Gutachten solcher Experten abhängen, die nicht auf Wissenschaft sondern auf Gesinnungsethik beruhen, sollten wir versuchen, trotz Expertenrats den gesunden Menschenverstand zu Rate zu ziehen.

3. Wenn wir jetzt noch den Mut haben, den Lerneffekt auf den sogenannte Ethikrat zu verallgemeinern, hat sich die Übung für uns sogar gelohnt.

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