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24.07.2015

20:54 Uhr

Germanwings-Absturz

Abschied nehmen am Ort der Katastrophe

Es ist der Tag der Trauer, des letzten Abschiednehmens. Die Angehörigen der Opfer der Germanwings-Katastrophe versammeln sich am Absturzort in den Alpen. Es ist ein Gang, der in „absoluter Intimität“ stattfinden soll.

Angehörige nehmen Abschied am Ort des Absturzes. Reuters

Germanwings-Katastrophe

Angehörige nehmen Abschied am Ort des Absturzes.

Le VernetAm Ende steigen 149 weiße Ballons in den Himmel. Einer für jeden Menschen, den der Copilot des Germanwings-Flugs 4U9525 mit in den Tod gerissen hat. Vor der majestätischen Kulisse des Bergmassivs, an dem der Flug sein trauriges Ende fand, verschwinden sie schnell aus dem Blickfeld. Es ist der symbolische Schlusspunkt eines Tages der Trauer, an dem mehrere hundert Angehörigen Abschied nehmen von ihren Toten.

Der Anlass für die weitere Gedenkfeier, vier Monate nach der Katastrophe, ist schwer zu akzeptieren. Die Toten wurden sämtlich identifiziert – und doch konnten die Kriminalexperten der französischen Gendarmerie nicht alle sterblichen Überreste zuordnen. Sie liegen nun anonym auf dem Friedhof des Bergdorfs Le Vernet, die Angehörigen legen Blumen in der Gruft nieder.

Es sei für die Familien schwer, „dass hier noch ein Grab existiert, wo dann doch über 3000 Leichenteile beerdigt sind“, sagt Luftfahrtanwalt Christof Wellens. Für einen Tag tritt auch der Streit mit der Germanwings-Mutter Lufthansa über das Schmerzensgeld in den Hintergrund: „Heute ist der Tag der Trauer und des Abschiednehmens.“

Dieses Wort fällt immer wieder. Auch der Beauftragte der Bundesregierung für die Angehörigen, Steffen Rudolph, hatte vor der Gedenkfeier gesagt, das Abschiednehmen könne damit zu einem Abschluss kommen. Der Ablauf ist strikt durchorganisiert – von Polizeimotorrädern begleitet werden die Familien zur Gedenkfeier gefahren, wer sein Gesicht nicht in der Nähe der Kameras zeigen möchte, kann per Liveübertragung in Zelten zuschauen.

Die Chronologie der Germanwings-Katastrophe

6:48 Uhr

Der Morgen beginnt mit einem Flug von Düsseldorf nach Barcelona. An Bord der Maschine reisen 122 Passagiere nach Spanien. Nach der Landung an der Mittelmeerküste werden keine Probleme bekannt.

10:01 Uhr

Die Maschine startet auf dem Flughafen in Barcelona 26 Minuten später als geplant zurück in Richtung Deutschland.

10:45 Uhr

Der Airbus A320 hat nach Angaben von Germanwings seine reguläre Flughöhe erreicht. Französische Medien berichten später, das Wetter sei gut gewesen.

10:46 Uhr

Die Maschine geht nach Angaben der Fluggesellschaft für 8 Minuten in einen Sinkflug, der nicht mit der Flugsicherung abgesprochen ist. Dem Online-Dienst Flightradar24 zufolge sank die Maschine dabei mit einer Geschwindigkeit von 3000 bis 4000 Fuß - etwa 900 bis 1200 Meter - pro Minute, vergleichbar mit einem Landeanflug.

10:47 Uhr

Aus dem Flugzeug wird nach ersten Angaben des französischen Verkehrsstaatssekretärs ein Notsignal gesendet, weil sich die Maschine in einer „unnormalen Situation“ befunden habe. Die französische Flugkontrolle teilt später aber mit, es habe keinen Notruf gegeben.

10:53 Uhr

Die Radarverbindung bricht auf 6000 Fuß Höhe (ca. 1800 Metern) ab. Die Maschine ist im Estrop-Massiv rund 100 Kilometer nordwestlich von Nizza abgestürzt.

11:30 Uhr

Etwa zu diesem Zeitpunkt erhält der Flughafen Düsseldorf nach Angaben eines Sprechers die Information, dass die Maschine vom Radar verschwunden ist. Ein Krisenstab wird eingesetzt.

11:55 Uhr

Die Maschine hätte in Düsseldorf landen sollen. Angehörige und Freunde der Opfer werden in Düsseldorf und Barcelona betreut und am Flughafen in einen geschützten Bereich gebracht.

13:00 Uhr

Das Luftfahrtbundesamt teilt mit, es sei ein Krisenstab gebildet worden.

Der Friedhof wird ohnehin abgeschirmt. „Die Familien haben gewünscht, dass das in strikter Intimität abläuft“, sagt Präfektin Patricia Willaert. „Also haben wir alles getan, um diesen Wunsch zu respektieren.“

Während ein Wolkenbruch niedergeht, gedenken die Angehörigen im Schutz eines aufgespannten Zeltdachs der Opfer. Die Feier ist religionsübergreifend: Auf Französisch und Hebräisch wird Psalm 27 vorgetragen („Der Herr ist mein Licht“), ein Imam liest einen Auszug aus dem Koran. Jetzt müssten die Angehörigen ihrem Leben wieder einen Sinn geben, sagt Rabbi Daniel Dahan.

„Das ist ein wichtiger Moment für die Familien“, betont auch Bernard Bartolini, der Bürgermeister des Ortes Prads-Haute-Bléone, auf dessen Gebiet das Flugzeug gegen eine Felswand prallte. Durch die Trauerfeier ist die Region für einen Tag wieder im Ausnahmezustand, rund 200 Gendarmen und Feuerwehrleute schirmen die Veranstaltung ab.

Ohnehin ist „le crash“ in den Orten um das Bergmassiv ständig präsent, auch wenn die Normalität zurückgekehrt ist „Es ist schwierig, sich von diesem Ereignis loszumachen“, sagt Bartolini. „Das hat uns tief getroffen.“ Er weiß, dass das Drama die Orte begleiten wird. Präfektin Willaert erzählt von den Beziehungen, die die Einwohner mit den Familien der Angehörigen geknüpft haben - das werde bleiben. Auch Bartolini verspricht: „Sie können jederzeit herkommen.“

Er denkt auch schon darüber nach, was künftig mit der Absturzstelle geschehen soll. Sie ist bislang noch abgesperrt. In der kommenden Woche beginnt dort eine Spezialfirma das verschmutze Erdreich abzutransportieren. Bis zum Herbst soll die Aktion beendet sein. Dann könnte hier eine weitere Gedenkstätte entstehen. „Diesen Ort schulden wir den Angehörigen“, sagt Bartolini. „Wir wollen weder einen riesen Presserummel, noch das große Spektakel. Das soll kein Disneyland werden.“

Von

dpa

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