Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

13.04.2015

18:17 Uhr

Germanwings-Absturz

Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung

VonThomas Hanke

Nach dem Germanwings-Absturz in den Alpen ermittelt die französische Justiz in alle Richtungen. Die Marseiller Staatsanwältin widerspricht Spekulationen, wonach ausschließlich Lufthansa angeklagt werden könnte.

Leitet die Ermittlungen zum Absturz: Staatsanwalt Brice Robin. AFP

Chefermittler

Leitet die Ermittlungen zum Absturz: Staatsanwalt Brice Robin.

ParisDie Marseiller Staatsanwaltschaft bereitet nach Aussage der stellvertretenden Staatsanwältin Catherine Alexandre bei den Ermittlungen zum Absturz des Germanwings-Airbus am 24.März in den französischen Alpen keine Konzentration oder Verengung auf die Lufthansa als möglicher Verantwortlicher vor. „Wir haben keinen Anlass, unsere Untersuchungen zu modifizieren“, sagte Alexandre dem Handelsblatt.

Die richteten sich gegen „alle natürlichen oder juristischen Personen, die zum Unfallgeschehen beigetragen haben könnten“. Anders als in Deutschland könne nach französischem Recht bei fahrlässiger Tötung auch gegen Unternehmen ermittelt werden.

Dies sei sowohl vom Untersuchungsauftrag als auch vom Rechtshilfeersuchen an die deutschen Behörden von Anfang an erfasst gewesen, sagte die engste Mitarbeiterin des leitenden Staatsanwalts Brice Robin: „Per Definition suchen wir nach allen, die zum Absturz beigetragen haben.“ Germanwings und Lufthansa zählen also zum Kreis derer, gegen die ermittelt werden kann. Sich aber ausschließlich auf die Unternehmen zu konzentrieren, sei nicht beabsichtigt.

Die internationale Kooperation geht mittlerweile weit über eine deutsch-französische Zusammenarbeit hinaus. Ende vergangener Woche hielten sich Robin und Alexandre zwei Tage in Den Haag auf, um im Rahmen von Eurojust über den Stand der Nachforschungen zu beraten.

Eurojust ist die 2002 geschaffene EU-Einheit für die Justiz-Zusammenarbeit. Im Falle der vom Kopiloten Andreas L. nach jetzigem Kenntnisstand bewusst zum Absturz gebrachte Germanwings-Maschine kooperiert Frankreich mit Deutschland, Spanien, Großbritannien, den Niederlanden und Belgien.

Die wichtigsten Aussagen des Staatsanwalts zum Airbus-Absturz

Die Zeit nach dem Start in Barcelona

„In den ersten 20 Minuten sprechen die Piloten vollkommen normal miteinander, man könnte sagen heiter, höflich, wie normale Piloten während eines Flugs. Es passiert also nichts Ungewöhnliches. Dann hört man den Bordkommandanten die Instruktionen für die Landung in Düsseldorf vorbereiten. Die Antworten des Co-Piloten erscheinen lakonisch. (...) Die Antworten sind kurz, es gibt keinen wirklichen Austausch.“

Der Flugkapitän verlässt das Cockpit

„Dann hört man, wie der Bordkommandant den Co-Piloten bittet, das Kommando zu übernehmen. Man hört das Geräusch eines Sitzes, der nach hinten geschoben wird, und einer Tür, die sich schließt. Man kann legitimerweise davon ausgehen, dass er rausgeht, wahrscheinlich um seine natürlichen Bedürfnisse zu befriedigen.“

Der Co-Pilot leitet den Sinkflug ein

„In diesem Moment ist der Co-Pilot allein am Kommando. Während er allein ist, betätigt der Co-Pilot die Knöpfe des sogenannten Flight Monitoring Systems, um einen Sinkflug der Maschine einzuleiten. Die Aktion auf diesem Höhenregler kann nur gewollt gewesen sein.“

Der Flugkapitän gelangt nicht mehr ins Cockpit

„Man hört mehrere Rufe des Bordkommandanten, der Einlass in das Cockpit verlangt, über (...) eine Gegensprechanlage mit Video. Man kann also sagen, dass er sich gezeigt, identifiziert hat. Aber es gab keine Antwort des Co-Piloten. Er hat geklopft, um die Öffnung der Tür zu verlangen. Aber der Co-Pilot hat nicht geantwortet. (...) Er hat nicht ein einziges Wort gesagt, nachdem der Bordkommandant das Cockpit verlassen hatte.“

Die Kontaktversuche der Flugüberwachung

„Man hört anschließend die wiederholte Kontaktaufnahme des Kontrollturms von Marseille, aber keine Antwort des Co-Piloten. (...) Kein Notsignal, etwa Mayday-Mayday-Mayday, wurde von den Luftraumkontrolleuren empfangen. Und es gab keinerlei Antwort auf die zahlreichen Kontaktaufnahmen der Kontrolleure.“

Der Co-Pilot ist offenbar bei Bewusstsein

„Man hört zu diesem Zeitpunkt ein menschliches Atmen im Inneren des Cockpits, bis zum Aufprall. Das bedeutet, dass der Co-Pilot am Leben war. (...) Er hat anscheinend normal geatmet. Das ist nicht die Atmung von jemandem, der gerade einen Infarkt erleidet. (...) Man hat nicht das Gefühl, dass er Panik hatte.“

Die Sekunden vor dem Aufprall

„Die Alarmsignale gingen los, um der Besatzung die Nähe des Bodens anzuzeigen. Dann hört man heftige Schläge gegen die Tür wie um sie aufzubrechen. (...) Die Opfer haben es vermutlich erst im allerletzten Moment bemerkt. Schreie gibt es in den letzten Momenten vor dem Aufprall. (...) Der Tod trat sofort ein, denn diese Maschine, die mit 700 Stundenkilometern gegen den Berg prallte, ist im wahrsten Sinne des Wortes explodiert.“

Das Fazit der Ermittler

Die für uns plausibelste, die wahrscheinlichste Interpretation ist folgende: Der Co-Pilot hat sich absichtlich geweigert, dem Bordkommandanten die Tür zum Cockpit zu öffnen und hat den Knopf zum Absenken der Flughöhe gedrückt. Wir kennen heute nicht den Grund, aber das kann interpretiert werden als der Wille, dieses Flugzeug zu zerstören. (...) Es war eine willentliche Handlung“

Bei den Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung gehe es nicht um irgendwelche Nachlässigkeiten, die indirekt eine Rolle beim Zustandekommen des Unfalls gespielt haben könnten, präzisierte Alexandre: „Wir suchen nach einer offenkundigen, bewussten Verletzung von Auflagen und Verpflichtungen.“ 

Die Schwelle für eine spätere mögliche Anklage liegt also recht hoch. In verschiedenen deutschen Medien wird spekuliert, dass die Staatsanwaltschaft eine Anklage gegen Lufthansa vorbereite, etwa weil keine Konsequenzen aus einer früheren depressiven Erkrankung des Germanwings-Piloten gezogen worden seien.

Welche Folgen wird die Germanwings-Katastrophe für Lufthansa haben?

Video: Welche Folgen wird die Germanwings-Katastrophe für Lufthansa haben?

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

  

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×