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13.03.2016

12:17 Uhr

Germanwings-Tragödie

Ermittler wollen Lockerung der ärztlichen Schweigepflicht

Gut ein Jahr nach dem Absturz des Germanwings-Fluges 4U9525 in den französischen Alpen stellen die französischen Ermittler ihren Abschlussbericht vor. Sie setzen sich für strengere Kontrollen von Piloten ein.

Bei dem Unglück am 24. März 2015 kamen alle 150 Insassen ums Leben. dpa

Wrackteil des Airbus

Bei dem Unglück am 24. März 2015 kamen alle 150 Insassen ums Leben.

Le BourgetDer deutsche Co-Pilot der vor knapp einem Jahr abgestürzten Germanwings-Maschine ist zwei Wochen vor der Tragödie von einem Arzt in eine psychiatrische Klinik überwiesen worden. Das teilten Ermittler der französischen Untersuchungsbehörde BEA (Bureau d'Enquetes et d'Analyses) am Sonntag bei der Vorlage ihres Berichts zum Absturz des Jets über Frankreich mit 150 Toten mit.

Als Konsequenz forderten sie unter anderem neue Regeln für den Umgang mit der ärztlichen Schweigepflicht. Dies solle „auch im Hinblick auf psychiatrische und psychologische Probleme“ erfolgen, heißt es im Abschlussbericht. Eine entsprechende Empfehlung sei an die Europäische Agentur für Flugsicherheit (EASA) und an die EU-Mitgliedsstaaten gegangen.

So sollten Mediziner Behörden davor warnen, wenn die mentale Gesundheit eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit darstellen könnte, hieß es auf der Pressekonferenz in Le Bourget nahe Paris. Nach bisher bekannten Erkenntnissen soll Co-Pilot Andreas Lubitz den Flug 9525 am 24. März 2015 von Barcelona nach Düsseldorf absichtlich gegen eine Felswand in den französischen Alpen gesteuert haben. Lubitz war vor der Tragödie wegen Depressionen behandelt worden und hatte eine Reihe von Ärzten aufgesucht. Niemand habe die Behörden über Bedenken wegen seiner mentalen Gesundheit informiert, teilte die BEA mit.

Alle Insassen wurden bei dem Absturz getötet, die meisten von ihnen waren Spanier und Deutsche. Die BEA untersucht den Absturz unabhängig von den kriminaltechnischen Ermittlungen der französischen Staatsanwaltschaft.

Die Chronologie der Germanwings-Katastrophe

6:48 Uhr

Der Morgen beginnt mit einem Flug von Düsseldorf nach Barcelona. An Bord der Maschine reisen 122 Passagiere nach Spanien. Nach der Landung an der Mittelmeerküste werden keine Probleme bekannt.

10:01 Uhr

Die Maschine startet auf dem Flughafen in Barcelona 26 Minuten später als geplant zurück in Richtung Deutschland.

10:45 Uhr

Der Airbus A320 hat nach Angaben von Germanwings seine reguläre Flughöhe erreicht. Französische Medien berichten später, das Wetter sei gut gewesen.

10:46 Uhr

Die Maschine geht nach Angaben der Fluggesellschaft für 8 Minuten in einen Sinkflug, der nicht mit der Flugsicherung abgesprochen ist. Dem Online-Dienst Flightradar24 zufolge sank die Maschine dabei mit einer Geschwindigkeit von 3000 bis 4000 Fuß - etwa 900 bis 1200 Meter - pro Minute, vergleichbar mit einem Landeanflug.

10:47 Uhr

Aus dem Flugzeug wird nach ersten Angaben des französischen Verkehrsstaatssekretärs ein Notsignal gesendet, weil sich die Maschine in einer „unnormalen Situation“ befunden habe. Die französische Flugkontrolle teilt später aber mit, es habe keinen Notruf gegeben.

10:53 Uhr

Die Radarverbindung bricht auf 6000 Fuß Höhe (ca. 1800 Metern) ab. Die Maschine ist im Estrop-Massiv rund 100 Kilometer nordwestlich von Nizza abgestürzt.

11:30 Uhr

Etwa zu diesem Zeitpunkt erhält der Flughafen Düsseldorf nach Angaben eines Sprechers die Information, dass die Maschine vom Radar verschwunden ist. Ein Krisenstab wird eingesetzt.

11:55 Uhr

Die Maschine hätte in Düsseldorf landen sollen. Angehörige und Freunde der Opfer werden in Düsseldorf und Barcelona betreut und am Flughafen in einen geschützten Bereich gebracht.

13:00 Uhr

Das Luftfahrtbundesamt teilt mit, es sei ein Krisenstab gebildet worden.

Nach dem Germanwings-Absturz verzichtet die Untersuchungsbehörde indes auf Empfehlungen für Veränderungen an verschlossenen Cockpit-Türen. Die Türen seien wegen der Gefahr einer terroristischen Bedrohung gesichert, sagte BEA-Chef Rémi Jouty. Viele Fluglinien haben inzwischen eine Regelung eingeführt, nach der stets eine zweite Person im Cockpit sein muss. Diese zweite Person sollte aus Vertrauensgründen zuvor ausgewählt werden, sagte Jouty.

Der Bericht zum Absturz eines Germanwings-Flugzeugs in Südfrankreich zeigt nach Ansicht eines Anwalts der Opfer deutliche Mängel auf bei der Auswahl, der Einstellung und der Überwachung des verantwortlichen Co-Piloten. „Der Lufthansa-Konzern hat einen psychisch krankhaft vorbelasteten Pilotenanwärter eingestellt und ausgebildet, ein Fehler mit schrecklichen Folgen“, kritisierte Anwalt Christof Wellens am Sonntag auf Anfrage. Außerdem sei der Mann trotz einer eingeschränkten Flugerlaubnis wegen seiner Vorerkrankung nicht mehr psychiatrisch untersucht worden.

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