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31.10.2012

17:43 Uhr

Geschäftsmodell Halloween

Ein Kürbis kommt selten allein

Halloween hat sich in Deutschland etabliert. Nicht ganz unschuldig daran sind Handel und Industrie, denn das Fest bedeutet satte Zusatzeinnahmen. Fasziniert sind vor allem junge Menschen – auch wegen der Partys.

Ein Brauch, der immer mehr Nachahmer findet: Das Kürbis-Schnitzen. dapd

Ein Brauch, der immer mehr Nachahmer findet: Das Kürbis-Schnitzen.

Düsseldorf/NürnbergZu Halloween ziehen wieder Hexen und Gespenster durch die Straßen - und sorgen für einen enormen Umsatzschub in Gaststätten, der Süßwarenindustrie und der Landwirtschaft. Rund 200 Millionen Euro geben die Deutschen einer Schätzung der Fachgruppe Karneval im Deutschen Verband der Spielwaren-Industrie zufolge inzwischen für das ursprünglich keltische Fest aus. Am meisten darüber freuen dürften sich die Kostümhersteller selbst: Sie führten das besonders in den USA populäre Ereignis 1994 ganz bewusst in Deutschland ein, um eine zweite Saison neben der Faschingszeit zu kreieren. So behauptet es zumindest der Verband.

„Erfolg hat viele Väter“, sagt dagegen Prof. Dr. Manfred Krafft, Leiter des Instituts für Marketing an der Universität Münster – und tritt damit der Darstellung, Halloween in Deutschland sei maßgeblich auf die Initiative des Handels zurückzuführen, entgegen. „Hier wurde erfolgreich ein Trend aufgegriffen“, erläutert Krafft, „hier von bewusster Markenführung zu sprechen, ist gewagt“. Dem Trend liegen demnach verschiedene Faktoren zugrunde.

Prof. Dr. Manfred Krafft ist Leiter des Instituts für Marketing an der Westfälischen Wilhems-Universität in Münster. PR

Prof. Dr. Manfred Krafft ist Leiter des Instituts für Marketing an der Westfälischen Wilhems-Universität in Münster.

Zum einen sei da das grundsätzliche Bedürfnis der jungen Generation, schlichtweg zu feiern. Der Anlasse passe zeitlich genau zwischen Sommer und Weihnachten. Anders als im Halloween-Kernland, den USA, ist in weiten Teilen Deutschlands durch Fasching und Karneval das Verkleiden verinnerlicht. Nicht zuletzt spielen auch saisonale Aspekte (Kürbiszeit) und teils unbewusste religiöse Traditionen eine Rolle. In diesem Fall ist das einerseits das Martinsfest, andererseits der Reformationstag am 31. Oktober sowie Allerheiligen am 1. November – verwoben mit alten keltischen Traditionen.

„Feiertage an Feste heranflanschen, die ursprünglich gar nichts damit zu tun haben, ist aber keine Erfindung der Neuzeit“, sagt Krafft. Bestes Beispiel ist Weihnachten, was schon im alten Rom vom vermuteten Geburtstag Jesus' auf das bestehende Sonnenfest verlegt wurde. Zusammengefasst seien das „günstige Rahmenbedingungen“. Krafft attestiert zugleich aber auch ein geschicktes Zusammenspiel bei der Ausnutzung dieser Faktoren: „Es ist ein Mix aus kultureller Basis, Lücke im Kalender und kommerziellem Unternehmergeist.“

Halloween: Geschichte und Geschäft

Der Tag

Halloween wird am 31. Oktober gefeiert, dem Vorabend des Allerheiligentages (englisch: „(All) Hallows' Eve(ning)“.

Keltische Wurzeln

Die Tradition, schauerlich grinsende Kürbisköpfe aufzustellen, hat ihren Ursprung in einem Fest der Kelten, dem Samhain („Ende des Sommers“).

Geister beschwichtigen

In der irischen Mythologie kommen im Jahr zuvor Gestorbene in dieser Nacht aus dem Totenreich zurück. Geister und Dämonen ziehen mit ihnen umher. Opfer sollen böse Wesen besänftigen, Masken erschrecken und Feuer vertreiben.

Über Einwanderer in die USA

Einwanderer aus Irland brachten Ende des 19. Jahrhunderts den Brauch in ihre neue Heimat USA. Halloween wird dort mit Umzügen, gruseligem Schabernack und makabren Partys gefeiert. Aus Amerika kam der Brauch nach Europa zurück.

In Deutschland noch neu

War Halloween vor einigen Jahren hierzulande noch nahezu unbekannt, fordern inzwischen auch in Deutschland viele verkleidete Kinder an den Türen Geschenke und drohen mit Streichen („Süßes oder Saures“). Erwachsene feiern Gruselpartys.

Dickes Geschäft

Rund 200 Millionen Euro lassen sich die Deutschen jährlich den Spaß kosten. Davon werden knapp 31 Millionen laut Fachgruppe Karneval im Verband der Spielwaren-Industrie allein für Grusel-Kleidung und Monster-Masken für Kinder und Erwachsene ausgegeben.

Kritik aus der Kirche

Die Kirchen stehen dem Geister-Boom kritisch gegenüber. Katholiken fürchten, dass das Totengedenken an Allerheiligen einer Spaßkultur zum Opfer fällt. Protestanten sehen ihren am 31. Oktober begangenen Reformationstag in Gefahr.

Neuerdings werde dieses Zusammenspiel entscheidend durch den Faktor Social Media verstärkt, gerade Facebook wirkt als Popularitäts-Multiplikator. Krafft sieht Halloween übrigens auf einem guten Weg zum Kulturgut. Das Fest habe zwar keine interne Tradition, doch ohne Akzeptanz sei der aktuelle Erfolg nicht möglich. Und auf diesem fruchtbaren Boden dürfte Halloween in absehbarer Zeit zu einer Selbstverständlichkeit heranwachsen.

Eine Selbstverständlichkeit mit Umsatzpotenzial: Im vergangenen Jahr erlösten die in der Fachgruppe Karneval zusammengeschlossenen Unternehmen mit Halloween-Kleidung, Hüten und Perücken 30,75 Millionen Euro, wie ein Sprecher der Fachgruppe der Nachrichtenagentur dpa erläuterte. Dies sei ein Plus von 3,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Kommentare (3)

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Geisterbeschwoerer

01.11.2012, 10:17 Uhr

Halloween ist das Fest der Perverslinge und Bildungsverweigerer. Gestern zeigte der HR wie sich Leute freiwillig unter ein Schaffot legen. Irgendwann werden diese Leute auch Kz-Kleidung anziehen und sich witzig finden. Der Unterschied sind nur 150 Jahre.

Die Leute, die Halloween feiern, haben mit dem Reformationstag nichts im Sinn. Der Reformationstag hat für Deutschland und Europa eine herausragende Bedeutung. Dies gilt auch für Menschen, die keiner Kirche angehören.

Halloween ist die Bankrotterklärung des deutschen Bildungswesens. Früher waren wir stolz, daß wir nicht jeden amerikanischen Unsinn mitgemacht haben. Heute versuchen wir, die Amerikaner zu übertreffen. Deutschland entwickelt sich zu einem widerlichen Kompott aus HartzIV und Wohlstandsüberdruss.

Christian

01.11.2012, 14:58 Uhr

"Penetranter Kommerz", "Konsumidioten", "Bildungsverweigerer", "Bankrotterklärung des deutschen BIldungswesens", meine Güte, lasst jedem entscheiden, was er zelebrieren will. Das Leben ist zu ernst als dass man es nicht genießen sollte und ich lasse mir sicherlich nicht von der Kirche sagen, dass ich an dem und dem Tag traurig sein soll oder sonst was feiern soll. Wer den Reformationstag feiern will, soll ihn feiern. Wer sich teuere Kostüme zu Halloween kaufen will, statt selber welche zu schneidern, soll dies tun.

Aber dieses "Ihr leugnet unsere Kultur" oder "Amerika vernichtet unsere Kultur" kann ich nicht mehr hören. Jeder für sich selbst. Aber man sollte sich fragen, warum diese Kultur beliebter ist und übernommen wird. Ich selber bevorzuge US-amerikanische Kultureinflüsse, da mir die deutsche Kultur zu bieder, zu farblos und kindisch ist. Wer will, kann zum Martinssingen gehen, Mai-Lieder singen und den Reformationstag feiern und an religiösen Feiertagen die Füße still halten. Ich aber feiere Halloween und Thanksgiving und sonst den Independence Day und den Martin Luther King Day. Jedem so, wie er will.

Wolfsfreund

01.11.2012, 20:38 Uhr

"Die Leute, die Halloween feiern, haben mit dem Reformationstag nichts im Sinn. Der Reformationstag hat für Deutschland und Europa eine herausragende Bedeutung. Dies gilt auch für Menschen, die keiner Kirche angehören."
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Sorry? Die These, daß der Reformationstag auch für Menschen, die keiner Kirche angehören, "herausragende" Bedeutung hat, ist ja wohl etwas gewagt! Für mich ist die Bedeutung dieses Tages gleich null. Sprechen Sie also bitte nur für sich selbst und nicht für andere.
Mit Halloween habe ich allerdings auch nichts an Hut, denn ich finde es einfach nur albern.
Aber jeder wie er mag! Menschen, die ihren Spaß an Halloween haben, mit Perverslingen und Bildungsverweigerern gleichzusetzen, ist dagegen schlicht sehr schlechter Stil!

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