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22.08.2012

16:45 Uhr

Gespräch zu Familienmorden

„Es gibt Nachahmungseffekte“

Welche Motive stecken hinter Familiendramen wie denen in Berlin und Neuss? Im Interview spricht die Psychologin Isabella Heuser über innere Konflikte, Nachahmungstäter und Unterschiede zwischen den Geschlechtern.

Absperrband der Polizei um ein Haus, in dem sich ein Familiendrama abgespielt hat. dpa

Absperrband der Polizei um ein Haus, in dem sich ein Familiendrama abgespielt hat.

Tödliche Familiendramen wie in Neuss und Berlin können sehr unterschiedliche Motive haben. Die Bandbreite reiche von Rache und Eifersucht bis hin zu Verzweiflungstaten, sagt Isabella Heuser, Direktorin der Charité-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Berlin. Es gebe auch große Unterschiede im Handeln von Männern und Frauen, ergänzt sie im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa.

Was für Konflikte stecken dahinter, wenn ein Mensch Kinder, Partner und vielleicht auch noch sich selbst umbringt?
„Man muss von vorneherein unterscheiden, ob sich der Täter selbst tötet oder nicht. In Neuss hat der Ehemann seine Frau und Kinder erschossen und ist auf der Flucht. Die üblichen Motivationslagen für solche Taten sind Rache am Ehepartner oder Eifersucht. In Berlin scheint die Lage anders zu sein. Hier hat ein Vater vermutlich wegen großer wirtschaftlicher Schwierigkeiten die Familie und sich selbst umgebracht - das klingt nach einer klassischen Verzweiflungstat.“

Aber das jüngste Kind hat er vorher in einer Babyklappe abgegeben - was bedeutet das?
„Das ist merkwürdig und wirklich atypisch, dass ein Täter ein Kind ausklammert. Das habe ich noch nie gehört und kann es nicht erklären. Sonst ist es immer so, dass Kinder durch Zufall überleben.“

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Warum nehmen Täter ihre ganze Familie mit in den Tod?
„Dieses Phänomen nennen wir erweiterten Suizid. Motive dafür sind Überzeugungen wie: Ich kann das nicht aushalten, ich nehme sie alle mit aus dieser Welt, die so furchtbar ist. Dahinter kann sogar ein altruistischer Gedanke stehen - weil ein Mensch seiner Familie ein scheinbar schlimmes Schicksal ersparen und sie dieser Gesellschaft oder Zukunft nicht aussetzen will. Ursache sind oft schwere Depressionen. Viel seltener auch psychotische Erkrankungen wie Schizophrenie. Es gibt aber auch Aggressoren, die rein aus Rachegründen töten. Wenn sie nicht weiterleben, soll es ihre Familie auch nicht. Das passiert oft, wenn eine Partnerschaft zerbrochen oder zerrüttet ist. Dahinter können Persönlichkeitsstörungen wie Narzissmus stecken. Ein Mann will zum Beispiel nicht, dass seine Frau mit einem anderen glücklich wird. Und deshalb nimmt er ihr die Kinder.“

Kommentare (3)

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BerlinerBuerger

22.08.2012, 18:44 Uhr

Ich denke der Staat sollte mit Familien unter einem bestimmmten Eikommen, oder welche Sozialhilfe bekommen, eine Kaufoptionsklausel vereinbaren, daß , wenn die Gefahr
eines Amoklaufes besteht, der Staat den Eltern die Kinder
abkaufen kann, wenn er das will. Diese dann in Erziehungsheime oder Ausbildungslager unterbringt, und zu tatkräftigen Leistungserbringern und Steuerzahlern heranzieht. Große Dax-Firmen würden sich an solche Ausbildungslager bestimmt beteiligen.
Schlußendlich wären die Eltern schuldenfrei und könnten von vorn beginnen. Sollte die Frau, oder in diesem Kontext,
das Weibchen noch Junge kriegen können, in diesem Kontext,
noch Babys kriegen können, umso besser.
Eine neue Familie könnte bis zum Scheitern unser Straßenbild verschönern.

Account gelöscht!

22.08.2012, 19:18 Uhr

Einfach widerlich solche Kindermörder. Statt der Frau und den Kindern die Chance auf ein schönes Leben zu gönnen, wird abgeschlachtet. Was sind das für kranke Menschen?

Wenn jemand in Deutschland in wirtschaftliche Schwierigkeiten gerät, geht man in private Insolvenz und fängt von vorne an - dafür haben wir ja ein soziales Netz.

So etwas "Familiendrama" zu nennen ist respektlos gegenüber den Mordopfern. Es ist Familienmord oder Kindermord und so muss es auch in der Presse bezeichnet werden.
Ein Familiendrama ist wenn die Tante dem Onkel auf der Familienfeier eine Backpfeife gibt und alle schockiert sind.

reallynoregrets

22.08.2012, 23:18 Uhr

Unvorstellbar bleibt für mich und fassungslos lässt mich zurück, wieso unschuldige Kinder für die Misere ihrer Eltern mit ihrem Leben bezahlen müssen. Unvorstellbar auch, dass anscheinend die Eltern denken, ihnen "gehöre" gleichsam das Leben ihrer Kinder. Und das Beschämendste am Ende ist: Die Gesellschaft deckt diese Eltern noch, indem sie von "erweitertem Selbstmord" spricht. Unfassbar, dass in dieser Gesellschaft den Eltern nahezu für alles ein Freibrief ausgestellt wird.

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