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04.07.2013

14:52 Uhr

Gesundheitsgefahr am Zoll

USA vernichten krabbelnde Käse-Spezialität

VonThomas Hanke

Der US-Zoll hat eine Tonne „Mimolette“ beschlagnahmt. Der äußerst reifen französischen Käsespezialität droht die Vernichtung – das Milcherzeugnis sei lebendig und damit eine Gesundheitsgefahr. Szenen eines Dramas.

Käse des Anstoßes: der Mimolette. Wikipedia / OTRS

Käse des Anstoßes: der Mimolette.

ParisEr ist rund, schimmert in einem blassen Orange und schmeckt kräftig-würzig: Der Mimolette, eine Käsespezialität aus Nordfrankreich. Das auch „Kugel aus Lille“ genannte Milcherzeugnis wird seit Jahrhunderten verzehrt. Doch die US-Zollbehörden betrachten es nun als Gesundheitsgefahr. An den Landesgrenzen halten sie tausend Kilo Mimolette fest. Ihm droht, nicht etwa verzehrt, sondern  vernichtet zu werden. Laut US-Gesundheitsbehörde ist die Köstlichkeit  „ekelhaft, verwest, abstoßend und nicht für den menschlichen Konsum geeignet“.

Ihr kulinarisch eher ignorantes Urteil begründen die US-Experten damit, dass sich auf der grau-braunen Rinde des Mimolette jede Menge Milben tummeln. Der Grenzwert von maximal sechs Tierchen pro Quadrat-Inch werde deutlich überschritten. Und liegt damit etwas über dem US-Grenzwert. Es sei möglich, dass die Tierchen Allergien auslösten. Jérôme Goulard, Marketingleiter der Kooperative von Isigny – Sainte Mère, versteht die plötzliche Aufregung der Amerikaner nicht: „Die Milbe spielt eine essentielle Rolle bei der Reifung des Käses, sie stellt nämlich die Rinde her.“ In den Käse selber drängen die Tierchen nicht ein, „und die Rinde isst man ja nicht mit.“ Ob die Amerikaner das möglicherweise anders handhaben und den ganzen Käse verschlingen? „Nein, das denke ich nicht“, antwortet Goulard. Seit mehr als 20 Jahren exportiere seine Kooperative die Spezialität in die USA, ohne dass es Probleme gegeben habe. 

Zu Recht weist der Franzose darauf hin, dass sich „auf vielen gereiften Käsen irgendwelche Organismen tummeln.“ Käse ist schließlich ein Naturprodukt. Hartgesottene Liebhaber behaupten, einen sehr alten Schimmelkäse wie den asturianischen Cabrales müsse man auf dem Teller festhalten, weil er ansonsten weglaufe: Der äußerst geschmacksintensive Käse ist ein quicklebendiges Biotop. Zu seinen Anhängern zählte auch der frühere französische Premier Georges Clémenceau – obwohl es kein französischer Käse ist! Genießen sollte man einen reifen Cabrales nur mit einem kräftigen Rotwein, auch wenn die lokale Bevölkerung ihn mit „cidra“, Apfelwein, zu sich nimmt. Im Sozialen Netzwerk Facebook hat die die Gruppe „Save the mimolette!“ bereits mehr als 3.200 „Gefällt mir“-Angaben.

Zum Mimolette könnte man beckmesserisch feststellen, dass die Importsperre nicht den Falschen trifft. Denn sein Entstehen im 17. Jahrhundert verdankt er einem protektionistischen Handelshemmnis. Der französische Finanzminister Colbert verbot die Einfuhr von holländischem Käse wie altem Gouda, der farblich dem Mimolette ähnelt, auch wenn seine Rinde so leblos ist wie ein holländisches Gewächshaus. Heute allerdings konkurriert der holländische Käse an der Theke jedes französischen Supermarktes friedlich mit verschiedenen Sorten Mimolette.

Kommentare (3)

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Account gelöscht!

04.07.2013, 15:08 Uhr

Wir können uns schon auf die Freihandelszone freuen!

Europäische Spezialitäten werden Dank der Dummheit der Amis verboten.

Und dann dürfen wir Genmais fressen!

Account gelöscht!

04.07.2013, 15:14 Uhr

Noch ein Grund mehr, sich nicht auf ein Freihandelsabkommen mit den USA einzulassen.

Hat sich denn noch kein entscheidender Politiker mal angesehen, wohin Freihandelsabkommen mit den USA führen? Oder woher der Begriff "Bananenrepublik" her kommt?

Reicht es nicht, dass schon heute ein paar Anrufe aus Washington reichen, um in Europa Gesetze außer Kraft zu setzen? Ich denke da beispielsweise an einen gewissen Privatjet, der die Tage eine Zwischenlandung in Wien einlegen musste.

Excel

04.07.2013, 15:33 Uhr

Als Europäer, Demokrat und Gourmet finde ich die USA ungeniessbar.

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