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09.08.2011

14:57 Uhr

Gewalt gegen Staatsgewalt

Polizisten werden gezielt angegriffen

Deutsche Polizisten werden immer häufiger Opfer von Gewalttaten. Oft werden die Beamten sogar gezielt attackiert. Nach der Messerangriff von Gelsenkirchen wollen Politiker nun die Beamten besser schützen

Polizisten nehmen am Samstag in Berlin-Kreuzberg einen Demonstranten fest. Quelle: dpa

Polizisten nehmen am Samstag in Berlin-Kreuzberg einen Demonstranten fest.

GelsenkirchenDer Angriff auf zwei Polizeibeamte in Gelsenkirchen ist der jüngste einer ganzen Reihe von brutalen Attacken auf Ordnungshüter. Ein 21-Jähriger hatte in der Nacht zu Dienstag offenbar die Polizei wegen eines angeblichen Unfalls alarmiert. Als die Beamten den Streifenwagen verließen, griff er sie mit einem Messer an. Der 45-jährige Polizist konnte seine Dienstwaffe ziehen und den Angreifer anschießen, alle drei Beteiligten wurden schwer verletzt. 

Erst im Juni wurden in Oberhausen zwei Streifenbeamte verprügelt, als sie ein Drogengeschäft unterbinden wollte. Nach dem Angriff mit Eisenstangen musste einer der Polizisten auf der Intensivstation eines Krankenhauses behandelt werden. 

Die Polizeigewerkschaften, aber auch viele Innenminister der Bundesländer beklagen, dass die Hemmschwelle bei Gewalt gegen Polizei sinkt. So stellte der bayrische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) im Juni fest, dass der Beamte in Uniform heute weniger „tabu“ sei als früher. In seinem Bundesland wurden im vergangenen Jahr 1.638 Polizisten bei Attacken im Dienst verletzt, 31 von ihnen schwer. Laut einer Studie seien elf dieser Taten sogar als versuchte Tötungsdelikte zu werten. 

Angriffe auf Polizisten

5. März 2011

Gewalttätige Fußballfans verletzten am 5. März vor dem Bundesligaspiel zwischen Eintracht Frankfurt und dem 1. FC Kaiserslautern sechs Polizisten.

2. April 2011

Anfang April verletzten zwei mutmaßlich aus dem Rockermilieu stammende Männer in Berlin-Wedding eine Polizistin an der Hand.

1. Mai 2011

Bei Krawallen rund um die Feierlichkeiten zum 1. Mai werden seit Jahren in Berlin und Hamburg Polizisten verletzt. 2011 waren es in Berlin 100 Beamte. In der Hauptstadt kommt es seit 1987 rund um den 1. Mai regelmäßig zu Gewaltausbrüchen. Dabei wurden Hunderte Polizisten verletzt.

Juli 2010

Bei Krawallen im Hamburger Schanzenviertel wurden Ende Juli 2010 15 Polizeibeamte durch Flaschen- und Steinwürfe verletzt.

26. Juni 2010

Am 26. Juni 2010 griff eine Gruppe von rund 30 Jugendlichen in Hamburg Polizisten an und verletzte fünf Beamte schwer. Ein Polizist kam mit lebensbedrohlichen Kopfverletzungen in eine Klinik. Weitere Beamte trugen Gesichts-, Nacken- und Rückenverletzungen davon. Eine Streifenwagenbesatzung war gegen 21.30 Uhr wegen einer angeblichen Schlägerei gerufen worden. Als die Polizisten die Personalien eines Mannes aufnehmen wollten, wurden sie plötzlich von den rund 30 Jugendlichen mit Steinen und Flaschen beworfen.

18. Januar 2010

Am 18. Januar 2010 wurde ein Funkstreifenwagen der Polizei in Greifwald mit Molotow-Cocktails beworfen. Die beiden Beamten im Fahrzeug blieben unverletzt. Ein Mann hatte zuvor von einer Telefonzelle aus über den Notruf die Polizei verständigt, dass in einer Straße eine Frau von mehreren Personen belästigt worden sei. Daraufhin eilte eine Funkstreife zum vermeintlichen Ereignisort. Dort angekommen, wurde der Wagen von zwei dunkel gekleideten und vermummten Tätern mit drei Brandsätzen attackiert.

Anfang Dezember 2009

Anfang Dezember 2009 griffen Vermummte in Hamburg ein Polizeikommissariat im Stadtteil St. Pauli mit Steinen an. Der Angriff war offenbar ein Racheakt. In einem Bekennerschreiben wurde die Attacke als Rache für den am 6. Dezember 2008 von griechischen Polizisten bei einer Demonstration in Athen erschossenen Alexandros Grigoropoulos bezeichnet.

Ähnlich sehen die Zahlen für Nordrhein-Westfalen aus. Hier wurden im vergangenen Jahr 1.734 Beamte bei Angriffen im Dienst verletzt, 13 von ihnen so schwer, dass sie mehrere Tage oder sogar Wochen dienstunfähig waren. Dies ergab die im vergangenen Monat vorgelegte erste landesweite Untersuchung des Landeskriminalamts (LKA) zur Gewalt gegen Polizisten. Am gefährlichsten war demnach der Streifendienst: 84 Prozent der Opfer verrichteten dort ihre Arbeit. 

Der Bericht des LKA war der erste seiner Art. Um die Entwicklung weiter verfolgen zu können, soll es künftig jedes Jahr eine solche Untersuchung geben. 

Laut der bayerischen Untersuchung stehen bei Angriffen auf Polizeibeamte 70 Prozent der Täter unter dem Einfluss von Alkohol oder Drogen. Mitunter wurden die Beamten, wie offenbar jetzt in Essen, aber auch ganz gezielt ins Visier genommen. So erinnert die Gelsenkirchener Straftat vom Ablauf an einen drei Jahre zurück liegenden Vorfall in Köln. Dort hatten drei damals 15, 16 und 17 Jahre alte Jugendliche die Polizei wegen einer angeblich hilflosen Person zu einem etwas abgelegenen Ort gerufen. 

Dort wurden die Beamten von den vermummten Jugendlichen in Empfang genommen und mit Schreckschusswaffen bedroht. Als die Beamten ihre Dienstwaffen zogen und Warnschüsse abgaben, flohen die Täter. Sie konnten aber noch am selben Tag gefasst werden. Zwei der Jugendlichen gaben damals an, die Beamten entwaffnen und töten zu wollen, um mit den Dienstwaffen Anschläge auf amerikanische Einrichtungen zu begehen. 

Der bislang folgenschwerste Angriff auf Polizeibeamte in den vergangenen Jahren ist bis heute ungeklärt: Am 25. April 2007 schoss ein Unbekannter in Heilbronn auf die beiden Insassen eines parkenden Streifenwagens. Eine 22-jährige Polizistin starb durch einen Kopfschuss, ihr 25-jähriger Kollege wurde lebensgefährlich verletzt und kann sich an das Geschehen nicht erinnern. Der Fall hatte auch für Aufsehen gesorgt, weil die Ermittler über Jahre einer falschen DNA-Spur folgten, die erst bei der Spurensicherung durch vorher verunreinigte Wattestäbchen gelegt wurde.

 

Von

dapd

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