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04.11.2015

20:39 Uhr

Gianluigi Nuzzi über den Vatikan

„Die Kosten sind außer Kontrolle geraten“

VonRegina Krieger

Gianluigi Nuzzi wirft dem Vatikan in seinem Buch Verschwendung und Intransparenz vor. Der Enthüllungsjournalist spricht von einem Krieg der Reformer gegen die Verweigerer – und spekuliert über den Rücktritt des Papstes.

„Der Reformwille wird einfach verwässert oder wahrhaft sabotiert“, schreibt Nuzzi in seinem Enthüllungsbuch. AFP

Papst Franziskus

„Der Reformwille wird einfach verwässert oder wahrhaft sabotiert“, schreibt Nuzzi in seinem Enthüllungsbuch.

RomDer italienische Investigativjournalist Gianluigi Nuzzi mag dramatische Formulierungen. „Alles muss ans Licht – Das geheime Dossier über den Kreuzweg des Papstes“ ist der deutsche Titel seines neuen Buches, der italienische ist „Via Crucis“. Das Buch werde „den Vatikan erzittern lassen“, schreibt er auf seiner Homepage. Schon mit „Vatikan AG“ und „Seine Heiligkeit“ hatte er Bestseller gelandet und die „Vatileaks“-Affäre ausgelöst, als der Kammerdiener von Papst Benedikt XVI. verhaftet wurde, weil er Dokumente vom Schreibtisch des Papstes gestohlen hatte.

Jetzt veröffentlicht Nuzzi Dokumente über die desolate Lage der Finanzen im Vatikan, die nicht etwa gestohlen worden seien, wie er bei der Buchvorstellung in Rom betonte, sondern die ihm von Leuten zur Verfügung gestellt worden seien, „die unter der tief verwurzelten Heuchelei jener leiden, die genau Bescheid wissen, was im Vatikan vor sich geht, es aber nicht zugeben wollen, sondern lieber gute Miene zum bösen Spiel machen“.

Seine Quellen nennt er nicht. An vielen Stellen aber tauchen im Buch zwei Namen auf: es sind Mitglieder der ehemaligen „Päpstlichen Kommission zur Untersuchung der Wirtschafts- und Finanzorganisation des Heiligen Stuhls“ (Cosea) , der Koordinator Lucio Angel Vellejo Balda, ein dem Opus Dei nahestehender spanischer Monsignore, und die italienische PR-Frau Francesca Chaouqui.

Geldverschwendung im Vatikan – Enthüllungen von Gianluigi Nuzzi

Der Autor

Gianluigi Nuzzi, Jahrgang 1969, ist Journalist und Fernsehmoderator. Seine beiden Vatikan-Bücher wurden Bestseller: 2009 erschien „Vatikan AG“, in dem er über die Vatikanbank und ihre Machenschaften schrieb, und 2012 „Seine Heiligkeit“, in dem er geheime Dokumente aus dem Vatikan veröffentlichte. Das Buch löste „Vatileaks“ aus. Der Kammerdiener von Papst Benedikt XVI., Paolo Gabriele, wurde verhaftet und verurteilt, weil er Dokumente vom Schreibtisch des Papstes entwendet hatte. Nuzzi hat nie preisgegeben, ob Gabriele sein Informant war. „Alles muss ans Licht“, sein neues Buch, geht über die desolate Finanzsituation im Vatikan.

Vatikanstaat

„Museen und Läden, Bauaufträge und Warenlieferungen sind ein Riesengeschäft“, schreibt Nuzzi. Berater von McKinsey hätten schon 2009 herausgefunden, dass verschiedene Kostenstellen wie Instandhaltungen um 200 bis 400 Prozent höhere Kosten auswiesen als marktüblich. Das Governatorat mit 1900 Beschäftigten ist für das Funktionieren des Staates zuständig. In dem „Steuerparadies“ gibt es einen Supermarkt, Tankstellen, Tabakläden, Bekleidungsgeschäfte, Läden für Unterhaltungselektronik. Nuzzi findet heraus, dass es keine Aufzeichnungen über Waren ein- und Ausgang gibt. „Die Verlust aufgrund von Bestandsabweichungen“ liegt 2013 bei 1,6 Millionen Euro. Es gibt „persönliche Umsatzsteuerbefreiungen“.

Immobilien

Es fehlt eine vollständige Bestandsaufnahme der Vermögenswerte sämtlicher Teilorganisationen des Vatikans und aller Körperschaften. Wenn die Liegenschaften des Vatikans gut gemanagt würden, könnten Mieteinkünfte das Vierfache einbringen, schreibt Nuzzi. Viele Kardinäle und andere Kirchenmenschen zahlten für ihre großen Wohnungen sehr wenig. „Würde man Marktpreise ansetzen, könnten die den Beschäftigten überlassenen Wohnungen anstelle der heutigen 6,2 Millionen 19,4 Millionen Euro an Erträgen abwerfen“, schreibt Nuzzi.

Rentenfonds

Es drohe ein Rentenloch in Höhe von 800 Millionen Euro, heißt es im Buch in Bezug auf Berechnungen der Cosea-Kommission von 2013, die das Versorgungssystem durchleuchtet. Verpflichtungen von 1,2 bis 1,3 Milliarden Euro stünden einem Guthaben von rund 450 Millionen Euro gegenüber.

Schutzheilige

Rund 50.000 Euro kostet die Einleitung eines Seligsprechungsprozesses, so Nuzzi, manchmal ist es mehr, sogar 750.000 Euro. Es fehlt Transparenz. Die Cosea-Mitglieder fragen vergebens nach Bankunterlagen für Spenden. Kurzfristig werden die Konten eingefroren

Beide wurden Anfang der Woche von der Gendarmerie des Vatikanstaates verhaftet. Balda sitzt, während sich Chaouqui zur Zusammenarbeit mit der Polizei bereit erklärt hat und jede Schuld von sich weist. Im Vatikanstaat gilt das Weitergeben von internen Dokumenten als Straftat und wird mit bis zu acht Jahren Haft bestraft. Ermittelt gegen die beiden wurde schon seit Mai. Von Balda heißt es, dass er enttäuscht war, als er nach dem Ende der Cosea-Kommission nicht Chef des neuen „Superwirtschaftsministerium“, sondern der australische Kardinal George Pell. Einen Kommentar zur Verhaftung gab Nuzzi nicht ab.

Der Vatikan reagierte prompt auf das Buch. Erst hieß es, solche Veröffentlichungen würden nicht zur Reformarbeit der Kirche beitragen. Dann erklärte Vatikansprecher Padre Federico Lombardi, die Dokumente seien auf illegitime Art und Weise in das Buch gelangt und der Geheimnisverrat werde weiter verfolgt. Zum großen Teil sei der Inhalt der Dokumente zudem bekannt. Sie gehörten zu einer Arbeitsphase, die beendet sei. Tatsächlich geht es bei den Dokumenten im Buch um die Arbeit der Kommission, die im Juli 2013 gegründet wurde und deren Arbeit im Februar 2014 endete.

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