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03.01.2007

13:02 Uhr

Großbritannien

Das Jahr des Gordon Brown

VonMatthias Thibaut

Im Sommer wird Schatzkanzler Gordon Brown das Ruder von Tony Blair übernehmen. Wie er in dieser Kontinuität eine neue Dynamik entfalten und die alte Statue Labour aufpolieren kann, das ist für die Briten die entscheidende Frage von 2007.

Rivalen: Tony Blair und sein designierter Nachfolger Gordon Brown.

Rivalen: Tony Blair und sein designierter Nachfolger Gordon Brown.

LONDON. New Labour sei wie die antike Venus von Milo, sagte kürzlich der Labour-Regierungschef des halbautonomen Wales, Rhodri Morgan. "Man bewundert ihre Schönheit, aber sie ist unvollständig und zeigt Altersspuren." Viele Briten denken Ende 2006 wie Morgan. Nicht alle hoffen allerdings wie er, dass Schatzkanzler Gordon Brown, wenn er irgendwann im Sommer von Premier Blair das Ruder übernimmt, "New Labour" über Bord wirft und zum alten Laboursozialismus zurückkehrt.

Morgan denkt, wenn er sich möglichst lautstark von Blair und seinem Erbe distanziert, an Wahlen in Wales und Schottland, wo Labour eine historische Schlacht mit dem schottischen Nationalismus bevorsteht. Brown und Blair haben den Blick in die weitere Zukunft gerichtet. Ob Browns langes Warten in der Downing Street Nummer 11 für die Katz? war oder ob er noch eine sinnvolle Zeit als Premier vor sich hat und der dominierende britische Politiker seiner Generation werden kann - das entscheidet sich erst bei der nächsten Unterhauswahl, vermutlich 2009 oder 2010. Nur wenn Labour noch einmal gewinnt, hat Blair sein Ziel erreicht und Labour an Stelle der Tories als "natürliche" Machtpartei etabliert.

Der politische Kampf im neuen Jahr ist also nicht "New Labour" gegen "Old Labour", Brown gegen Blair. Zum ersten Mal seit zehn Jahren hat die Labourpartei einen ernst zu nehmenden Gegner, auf den sie sich konzentrieren muss. Es geht darum, ob das Blair-Brown-Projekt noch einmal Wind bekommt und den neuen, selbstbewussten Tories davonsegeln kann.

Diese Perspektive erklärt, warum Blair in seinen letzten Amtsmonaten keine lahme Ente, sondern ein Mann in Eile ist. Und warum Brown ihn gewähren lässt. Jahrelang schwelte der Konflikt zwischen den beiden. Nun ist er entschärft. Harmonisch stellten beide Politiker die Klimastudie von Nick Stern vor und boxten gemeinsam die Generalüberholung der britischen Atomflotte durch. Blair hat akzeptiert, dass er keinen seiner Getreuen an Brown vorbei an die Spitze schieben kann. Brown hat eingesehen, dass jede weitere Betriebsstörung nur ihm selber schadet. "Mein Eindruck ist, dass Blair auch am G8-Gipfel im Frühsommer in Heiligendamm noch teilnehmen will", sagte der Botschafter eines Partnerstaates.

Allenfalls die Staatsanwaltschaft kann diese Pläne noch durcheinander bringen, wenn sie in der Parteikreditaffäre Anklage erheben sollte. Wäre der Premier darin verwickelt, weil er Spendern der Labour Party zu Sitzen im Oberhaus verhelfen wollte, würde es brenzlig für ihn. Auch wenn Blair nichts anderes getan hätte als alle britischen Premiers vor ihm, ohne je damit Anstoß zu erregen. Der neue Frieden verschafft plötzlich der alten Einschätzung wieder Geltung, dass Brown und Blair im Grunde vom gleichen Stamm sind. "Brown ist nicht Old Labour. Er hat immer wirtschaftliche Dynamik gepredigt, er bewundert die USA, er weiß, dass er an ein Wählerspektrum in der Mitte appellieren muss", weiß New-Labour-Vordenker Anthony Giddens.

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