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14.05.2014

14:03 Uhr

Grubenunglück in der Türkei

Zahl der Toten steigt weiter

Hunderte Kumpel sind noch vermisst, mindestens 232 tot: Nach dem Bergwerksunglück in der Türkei kämpfen Retter gegen die Zeit. Die Betreiberfirma weist jede Verantwortung von sich. Es habe regelmäßige Kontrollen gegeben.

Grubenunglück in der Türkei

280 Tote, Hunderte noch eingeschlossen

Grubenunglück in der Türkei: 280 Tote, Hunderte noch eingeschlossen

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Soma/IstanbulDie körnigen Schwarzweiß-Bilder einer Überwachungskamera zeigen ein leeres Förderband unter Tage. Plötzlich blitzen die Stirnlampen von Männern auf, die einen verletzten Arbeiter aus der Kohlegrube im westtürkischen Soma führen: Der Arbeiter hat Glück gehabt, er gehört zu den Überlebenden des schwersten Grubenunglücks in der Türkei seit Jahrzehnten.

Hunderte Angehörige und Kollegen der verunglückten Kumpel warten vor dem Grubeneingang auf Neuigkeiten. Nur vereinzelt wurden Überlebende ans Tageslicht gebracht, die husteten und wegen des eingeatmeten Kohlenstaubs nach Luft rangen.

Fast 24 Stunden nach dem verheerenden Grubenunglück in Soma im Westen der Türkei haben Rettungskräfte nach Medienberichten sechs weitere Überlebende geborgen. Unklar sei, ob die Männer verletzt seien, berichtete die Zeitung „Hürriyet“ am Mittwoch in ihrer Onlineausgabe. Mindestens 232 Kohlekumpel wurden getötet, 363 wurden bislang lebend gerettet. Von den weiteren sechs Geretteten am Morgen berichten türkische Medien.

„Das Problem ist ernster, als wir dachten. Es entwickelt sich zu einem Unfall mit der höchsten Zahl getöteter Arbeiter, die die Türkei bisher je erlebt hat", sagte Energieminister Tanger Yildiz an der Unglücksstelle in Soma. Zur Zahl der unter Tage eingeschlossenen Kumpel wollte der Minister sich nicht äußern.

Schwere Unfälle in türkischen Kohlegruben

1992

Bei einem der schwersten Grubenunglücke in der Geschichte der Türkei kommen im Kohlerevier Zonguldak am Schwarzen Meer 263 Bergleute ums Leben.

März 1995

Nahe der zentralanatolischen Stadt Sorgun brechen Rettungsmannschaften die Suche nach 30 in der Tiefe verschütteten Bergarbeitern ab.

Juni 2006

In einer privat betriebenen Kohlenmine tötet eine Grubengas-Explosion in der westlichen Provinz Balikesir 17 Arbeiter.

Mai 2010

Im Norden der Türkei sterben bei einer schweren Explosion unter Tage mindestens 30 Männer.

Januar 2013

In einem Bergwerk der Schwarzmeerstadt Kozlu kommen bei einer Methangas-Explosion mindestens acht Arbeiter ums Leben.

Mai 2014

Bei einer Explosion und einem anschließenden Brand kommen in einem Kohlebergwerk im Westen der Türkei mehr als 200 Menschen ums Leben.

An der Unglücksstelle spielten sich dramatische Szenen ab: Angehörige versuchten, die Decken von den Gesichtern der auf Bahren aus der Grube getragenen Leichen zu ziehen, um die Toten zu identifizieren. Der Kohlekumpel Arum Unzar sagte, er habe schon früher einen Freund bei einem Unfall verloren, „aber dies hier ist enorm. Alle die Opfer sind unsere Freunde", sagte er unter Tränen. Die Feuerwehr versuchte, Frischluft in den Schacht zu pumpen, um die in zwei Kilometern Tiefe unter der Erdoberfläche und vier Kilometer vom Grubeneingang entfernt festsitzenden Arbeiter mit Sauerstoff zu versorgen.

Nachdem ein älterer Mann einen der Toten erkannt hatte, musste ihn die Polizei mit Gewalt daran hindern, zu der Leiche in einen Krankenwagen zu steigen. Ein verletzter Helfer wurde unter den Bravo-Rufen der Zuschauer weggebracht. Ein Kühlhaus, in dem sonst Lebensmittel gelagert werden, diente als Leichenhalle. Auch in Kühllastern lagen Tote.

In der Nacht applaudierten die Menschen, als einige der eingeschlossenen Arbeiter mit rußverschmierten Gesichtern von Helfern aus der Grube gebracht wurden. Die Luft rund um die Mine war voller Rauch und Ruß. Arbeiter aus in der Nähe gelegenen Minen unterstützten die Rettungsarbeiten. Ein 30-Jähriger versuchte vor Ort, seinen vermissten Bruder zu finden. Er sei 150 Meter ins Innere der Mine gekommen, dann habe ihn das giftige Gas zum Rückzug gezwungen. „Es gibt keine Hoffnung“, sagte er mit Tränen in den Augen.

Vor dem Eingang zum Bergwerk und vor dem Kreiskrankenhaus von Soma laufen unterdessen die Verwandten der Eingeschlossenen zusammen und versuchen verzweifelt, Neuigkeiten über ihre Väter und Söhne zu erfahren. „Seit dem frühen Nachmittag warte ich nun schon“, sagt Sena Isbiler, die Mutter eines Bergarbeiters.

Kommentare (3)

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14.05.2014, 08:35 Uhr

Mein Mitgefühl den Familien der Opfer.

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14.05.2014, 09:33 Uhr

Der Preis für die fossilen Energieträger ist viel zu hoch, weltweit sterben pro Jahr Tausende bei Förderung, Luftverschmutzung und sonstigen Folgen. Auch die Kosten für Atomstrom sind gigantisch.
Bleibt nur, konsequent auf regenerative Energien um zu steuern.

Account gelöscht!

14.05.2014, 11:03 Uhr

@Goalharry: "Bleibt nur, konsequent auf regenerative Energien um zu steuern."

Viel wichtiger ist, Energie einzusparen, den Konsumwahnsinn zu bremsen, Geräte wieder langlebiger zu machen. Das dümmste Ding der letzten Jahre war, den Atomstrom aus D zu verbannen und in den Ostländern ein AKW nach dem anderen hochzuziehen, die den Strom dann wiederum an uns verkaufen. Grüße diesbezüglich an die "grün-versiffte" Murksel-Regierung.

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