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19.01.2010

14:34 Uhr

Haiti-Katastrophe

Leichen werden aus Angst vor Seuchen verbrannt

Die Lage in Haiti ist noch immer unübersichtlich, neben einer sechsstelligen Zahl von Todesopfern sind unzähliche Verletzte zu beklagen. Hilfsrationen werden in unwegsamen Gebieten von Hubschraubern aus abgeworfen, zahlreiche Leichen werden aus Angst vor Seuchen verbrannt.

HB PORT-AU-PRINCE. Eine Woche nach dem verheerenden Erdbeben in Haiti befürchten Ärzte zunehmend die Ausbreitung von Infektionskrankheiten. Zu den größten Gefahren für die Überlebenden gehörten die Folgen von Verletzungen und Wassermangel, aber auch die Ausbreitung von Masern und Hirnhautentzündung in überfüllten Lagern, warnten Hilfsorganisationen. Unterdessen kam die Verteilung von Lebensmitteln und Medikamenten allmählich in Gang. In der Hauptstadt Port-au-Prince öffneten die ersten Märkte wieder. Die benachbarte Dominikanische Republik schlug einen rund zehn Mrd. schweren Fonds für den Wiederaufbau des Nachbarlandes vor.

Hilfsorganisationen berichteten, ihre mobilen Krankenhäuser würden von Verletzten förmlich überrannt. Jon Andrus vom regionalen Arm der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sagte am Montag, viele Überlebende hätten Knochenbrüche und innere Verletzungen. Krankheiten wie Aids, Tuberkulose und Malaria sind im ärmsten Land der westlichen Hemisphäre ohnehin weit verbreitet. Die Hygiene ist oft mangelhaft, und viele Kinder sind unterernährt. Bei dem Erdbeben dürften den Behörden zufolge zwischen 100 000 und 200 000 Menschen gestorben sein. Zur Zahl der Verletzten gibt es nicht einmal Schätzungen.

"Die Menschen in Haiti waren bereits vor dem Beben sehr anfällig für Krankheiten und enormen Gesundheitsrisiken ausgesetzt", sagte Andrus. Die Hilfe werde deshalb sehr schwierig sein. Leichen zu verbrennen, wie es mancherorts geschehen ist, sei dagegen unnötig und könne die Überlebenden traumatisieren. US-Gesundheitsexperten warnten, die Lage werde noch viel schlimmer werden, bevor sie sich verbessere. Die Katastrophe biete aber die Chance, den seit Jahrzehnten versäumten Aufbau eines funktionierenden Gesundheitssystems anzugehen.

Mehr als 11 000 US-Soldaten helfen mittlerweile von Land und See aus bei der Versorgung und ihrer Sicherung. Plünderungen und Gewalt kämen aber nur vereinzelt vor und behinderten die Hilfe nicht, sagte ein US-Militärvertreter. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon schlug dem Weltsicherheitsrat vor, die 9000 Mann starke Haiti-Friedenstruppe um 2000 Soldaten und 1500 Polizisten aufzustocken.

Der Präsident der Dominikanischen Republik, Leonel Fernandez, sprach sich auf einer Geberkonferenz in Santo Domingo dafür aus, die Weltgemeinschaft solle den Wiederaufbau fünf Jahre lang mit jeweils rund zwei Mrd. Dollar unterstützen.

Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) berichtete von Problemen bei der Verteilung der Hilfsgüter. Vieles lagere noch am Flughafen von Port-au-Prince, sagte DRK-Präsident Rudolf Seiters am Dienstag im WDR. Erschwert werde die Arbeit der Helfer dadurch, dass weite Teile der Hauptstadt in Trümmern lägen. Verzweifelte Menschen bedrängten sie schon beim Aufbau von Zelten.

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