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25.01.2010

11:59 Uhr

Haiti

Langsam zurück ins normale Leben

VonKlaus Ehringfeld

Zwei Wochen nach dem verheerenden Beben nehmen erste Firmen ihre Produktion wieder auf. Tankstellen haben wieder Benzin, die Mobilfunkanbieter locken mit Sonderangeboten. Auch die Banken öffnen – obwohl sie so gut wie bankrott sind.

Die Menschen in der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince haben die Schockstarre abgeschüttelt. Quelle: dpa

Die Menschen in der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince haben die Schockstarre abgeschüttelt.

PORT-AU-PRINCE. Wer an diesem Wochenende die Route des Frères vom Vorort Pétion-Ville nach Port-au-Prince fährt, vergisst für einen Moment, dass es hier vor knapp zwei Wochen eine Katastrophe historischen Ausmaßes gegeben hat. Wie eh und je hocken die Frauen wie auf der Schnur aufgereiht auf dem Gehsteig und verkaufen aus großen Bastkörben alles – von geschlachteten Ziegen über Klopapier und Obst bis hin zu Schuhen. Die Route des Frères ist wie auch vor dem 12. Januar ein riesiger informeller Freiluftsupermarkt.

Die Menschen in der haitianischen Hauptstadt haben die Schockstarre abgeschüttelt und versuchen, ihr normales Leben wieder aufzunehmen. Auf den Gräbern der geschätzten 111 500 Opfer und den ungezählten Leichen, die noch im Schutt liegen, öffneten Banken und Geldtransfer-Büros ihre Tore. Tankstellen haben wieder Benzin, die Mobilfunkanbieter locken mit Sonderangeboten. Selbst die Müllabfuhr fährt wieder.

Es gibt zwar Waren, aber kein Geld, um sie zu kaufen

Blauhelmsoldaten bezogen vor Banken und Zweigstellen der Geldtransferbüros Stellung, um bei Öffnung Tumulte und Plünderungen zu verhindern. Die Haitianer warten seit Tagen dringend auf Überweisungen ihrer Verwandten in den USA, Kanada und Frankreich, denn es gibt zwar Waren, aber kein Geld, um sie zu kaufen. Seit dem Erdbeben gab es kein frisches Bargeld mehr. Die Bevölkerung, Unternehmen und Hilfsorganisationen leiden gleichermaßen darunter.

Die knapp zwei Millionen Auslandshaitianer überweisen jährlich rund 1,3 Mrd. Dollar nach Hause und tragen damit rund ein Viertel zum Bruttoinlandsprodukt bei. Das Geld hilft in diesen Tagen mehr als sonst, die darniederliegende haitianische Wirtschaft wieder in Gang zu bringen. Die Uno-Mission für Haiti Minustah und viele Hilfsorganisationen wollen „Cash-for-Work“ oder „Food-for-Work-Programme“ auflegen. Die Minustah plant, dieses Programm an den Gemeinden anzubinden. Für das Beseitigen von Trümmern und den Abtransport von Leichen wollen die Vereinten Nationen drei Dollar am Tag zahlen.

Industrieparks sind weitgehend unbeschadet

Zum Anfang der Woche, wollen auch die meisten Lohnveredelungsbetriebe wieder ihre Produktion aufnehmen. 25 000 Menschen sind in dem Sektor beschäftigt, der mit geschätzten 500 Mio. Dollar Umsatz jährlich der größte Wirtschaftszweig Haitis vor der Landwirtschaft ist. Die großen Industrieparks in Port-au-Prince haben das Erdbeben weitgehend unbeschadet überstanden, aber nach den Worten des Unternehmers Charles Baker wird es noch mehrere Monate dauern, bis die volle Produktion wieder aufgenommen werden kann.

Schlimmer noch hat es nach Bakers Auffassung das Finanzsystem des Landes getroffen. „Die nationalen Banken sind vermutlich alle bankrott“, sagt er. Bis auf die Citibank aus den USA und die Scotiabank aus Kanada sind die Geldinstitute in Haiti alle national. „Schauen Sie sich doch um. 90 Prozent der Gebäude sind zerstört und damit die Werte, die sie als Sicherheiten für Kredite übertragen bekommen haben“. Sogebank und Unibank, die beiden größten Banken Haitis, haben Hunderte Millionen verloren.

Immerhin kommen die internationalen Finanzinstitutionen dem geschundenen Land entgegen. Haiti muss vorerst keine Schulden zurückzahlen. Für die kommenden fünf Jahre sei das Land von der Tilgung seiner Verbindlichkeiten in Höhe von 38 Mio. Dollar befreit, erklärte die Weltbank in Washington. Möglicherweise werde die Bank dem Land die Schulden auch ganz erlassen, erklärte die Bank. Die Schulden bei der Weltbank machen vier Prozent der Gesamtschulden Haitis aus.

Die internationalen Spendenaktionen laufen inzwischen auf Hochtouren. Bei einem Spendenmarathon in den USA sammelten Stars, darunter George Clooney, 58 Mio. Dollar (41 Mio. Euro) für Haiti. In der Fernsehshow „Hoffnung für Haiti“ traten am Freitag rund 130 Hollywood-Schauspieler und Musiker auf, darunter Madonna, Bruce Springsteen und Coldplay.

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