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05.01.2015

12:16 Uhr

Hallervorden gegen Hoeneß

„Extrawurst für Würstchenfabrikanten?“

Uli Hoeneß ist sieben Monate nach Haftantritt Freigänger, ins Gefängnis muss er nur noch zum Schlafen. Erfreut darüber ist aber längst nicht jeder – so machte etwa Dieter Hallervorden seinem Ärger auf Facebook Luft.

Hält das Strafmaß für Uli Hoeneß offensichtlich für zu gering: Dieter Hallervorden. dpa

Hält das Strafmaß für Uli Hoeneß offensichtlich für zu gering: Dieter Hallervorden.

DüsseldorfDieter Hallervorden hat den Freigang für Uli Hoeneß harsch kritisiert. „28,5 Millionen Steuern hinterziehen und nach lediglich sieben Monaten 'Adressenwechsel' nur nicht zuhause schlafen dürfen – so günstig hat Herr Hoeneß noch nie gedealt“, polterte der 79-Jährige Komiker im sozialen Netzwerk Facebook. „Tja: Alle Menschen sind gleich, aber manche sind eben gleicher“, so Hallervorden weiter.

Bis Montagmittag klickten unter Hallervordens Statusmeldung fast 80.000 Menschen auf „Gefällt mir“. Für seine Äußerungen erntete Hallervorden jedoch auch Kritik, einige Nutzer warfen ihm „Hetze“ vor. Daraufhin meldete sich der Kabarettist bei Facebook erneut zu Wort.

„Die Höhe der Strafe spiegelt immer die Schwere des Vergehens wider. Im Fall Hoeneß ist die Ausgewogenheit des verfügten Strafmaßes für mich jedoch nicht zu erkennen“, schrieb Hallervorden. Es dränge sich daher die satirische Frage auf: „Bekommt etwa ein prominenter Würstchenfabrikant von der Justiz die sprichwörtliche Extrawurst?“

Die Steuer-Affäre um Hoeneß

2001 bis 2006

Hoeneß spekuliert im großen Stil an der Börse mittels eines Kontos in der Schweiz. Der damalige Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus habe ihn mit Millionen unterstützt. „Es war immer klar, das war ein Konto zum Zocken, für nichts anderes“, sagte Hoeneß im Mai 2013 der „Zeit“. Nach anfänglichen Gewinnen habe er aber hohe Verluste gemacht und seine Aktivitäten an der Börse zurückgefahren.

Oktober 2010

Deutschland und die Schweiz unterzeichnen ein neues Doppelbesteuerungsabkommen und vereinbaren Verhandlungen zur Legalisierung von nicht versteuerten deutschen Geldern auf Schweizer Bankkonten.

April 2012

Beide Länder unterzeichnen ein Zusatzprotokoll. Geldanlagen von Bundesbürgern in der Schweiz aus den vergangenen zehn Jahren sollen danach von 2013 an pauschal mit 21 bis 41 Prozent besteuert werden - nicht wie zunächst vereinbart mit 19 bis 34 Prozent. Das Schweizer Parlament billigt das Abkommen im Mai, der Bundestag stimmt im Oktober zu.

November 2012

Die von SPD und Grünen regierten Bundesländer lassen das Abkommen im Bundesrat scheitern.

Dezember 2012

Auch im Vermittlungsausschuss von Bundestag und Bundesrat kommt keine Einigung zustande.

12. Januar 2013

Hoeneß zeigt sich beim Finanzamt selbst an, die Staatsanwaltschaft München leitet ein Ermittlungsverfahren ein. Er hatte vergeblich auf das kurz zuvor gescheiterte Steuerabkommen gesetzt.

20. März 2013

Hoeneß bekommt in seinem Haus am Tegernsee Besuch von der Staatsanwaltschaft. Gegen Hoeneß lag sogar ein Haftbefehl vor, der aber außer Vollzug gesetzt wird. Die Rede ist von einer Kaution in Millionenhöhe.

20. April 2013

Das Nachrichtenmagazin „Focus“ macht den Fall öffentlich und berichtet unter Berufung auf die Staatsanwaltschaft und Hoeneß selbst. Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) sagt in München, er sei „seit geraumer Zeit“ über das Verfahren gegen Hoeneß informiert. Später präzisiert die Landesregierung: Das Finanzministerium wusste seit 17. Januar von der Selbstanzeige, Seehofer wurde am 25. Januar vom Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft informiert.

21. April 2013

Hoeneß schließt einen Rücktritt als Präsident des FC Bayern München aus. In der Folge häuft sich die Kritik, vor allem die Politik erkennt das Potenzial zum Wahlkampfthema. Sogar Kanzlerin Angela Merkel rückt von Hoeneß ab. Geschlossen bleiben hingegen die Reihen beim FC Bayern.

23. April 2013

Die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet über den Haftbefehl und die Millionen-Kaution. Hoeneß besucht trotzdem das Halbfinal-Hinspiel seines FC Bayern in der Champions League gegen den FC Barcelona und freut sich im Stadion über ein 4:0.

1. Mai 2013

Hoeneß gibt via „Zeit“ voller Reue Einblick in sein Seelenleben. Seinen FC Bayern, dessen Spiel er am Abend in Barcelona bejubelt, nimmt er gegen jeden Verdacht in Schutz. Der Vereinspräsident schließt Verbindungen seines Schweizer Kontos zum Rekordmeister aus. Frühzeitig verlässt er das nächtliche Bankett.

4. Mai 2013

Hoeneß verzichtet auf einen Besuch des brisanten Bundesliga-Auswärtsspiels bei Borussia Dortmund. Stattdessen schaut er sich das Playoff-Match seiner Basketballer gegen Alba Berlin an.

6. Mai 2013

In München ist eine Aufsichtsratssitzung des FC Bayern angesetzt. Dort geht es auch um die Zukunft des allmächtigen Vereinspatrons gehen. Der Aufsichtsrat stellt sich hinter Hoeneß und lässt ihn im Amt – bis möglicherweise neue Erkenntnisse vorliegen.

11. Mai 2013

Die Anwälte von Uli Hoeneß erstellen Anzeige gegen Unbekannt wegen Verletzung des Steuergeheimnisses. Die Schuldigen, die Informationen über die Steuerhinterziehung haben durchsickern lassen, werden auch in der Münchner Staatsanwaltschaft gesucht.

1. Juni 2013

Mit dem Sieg im DFB-Pokal holt sich der FC Bayern endlich das ersehnte Triple. Hoeneß ist auf der Tribüne mit dabei und wirkt angespannt. Die Fans feiern ihn mit Sprechchören.

13. Juli 2013

Der SPIEGEL meldet, dass Uli Hoeneß mit einer Bewährungsstrafe rechnen kann. Die meisten der Straftaten seien nämlich mittlerweile verjährt.

Uli Hoeneß muss seit vergangenem Freitag nur noch die Nächte hinter Gittern verbringen. Sieben Monate nach seinem Haftantritt darf der Ex-Präsident des deutschen Fußball-Rekordmeisters FC Bayern München das Gefängnis wieder regelmäßig verlassen.

Dass Uli Hoeneß bereits jetzt Freigänger wurde, deutet darauf hin, dass die Justizvollzugsanstalt in Landsberg am Lech die Aussetzung der Hälfte seiner Haftstrafe zur Bewährung für möglich hält. Entscheiden wird dies allerdings die Strafvollstreckungskammer beim zuständigen Landgericht. Bei einer Zustimmung wäre der einstige Fußball-Spitzenmanager im Frühjahr 2016 ein freier Mann.

An Weihnachten und Silvester hatte Hoeneß bereits zweimal Hafturlaub erhalten. Er durfte das Gefängnis in dieser Zeit auch zum Schlafen verlassen und verbrachte die Feiertage zusammen mit seiner Familie in seinem Haus in Bad Wiessee am Tegernsee.

Kommentare (18)

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Herr Renatus Isenberg

05.01.2015, 13:33 Uhr

Mit dem billigen Urteil für Hoeness und der anschliessenden Luxus Behandlung hat der Staat sich blamiert. Warum werden also Seehofer, und die Groko ( beide haben entgegen weitläufiger Meinung Einfluss auf das Gerichtsurteil zu Hoeness) weiter gewählt? Weil sie die besten der schlechten Lösungen sind...noch!

Herr Tom Schmidt

05.01.2015, 13:37 Uhr

Kabarettistisch hin oder her! Ein Hetzer bleibt er allemal...

Tatsache ist, dass Uli Hoeness der erste Fall der deutschen Rechtsgeschichte ist, dass jemand mit einer Selbstanzeige ins Gefängnis musste. Und jetzt braucht mir niemand zu erzählen, dass all diese Tausenden von Fälle ALLE eine vollkommen richtige Selbstanzeige abgeliefert haben.

Gestern kam die Nachricht, dass wir letztes Jahr allein über 30000 Selbstanzeigen hatten. Leider wurde nicht gesagt ob überhaupt noch eine Gefängnisstrafe verhängt wurde.

Inhaltlich kann Herr Hallervorden da also nicht wirklich argumentieren. Leider will aber der Mob gerne Promis hochjubeln und dann auch in den Dreck werfen. Bei Middelhoff war es dasselbe, Jubel hier im Forum, dass er ohne rechtskräftiges Urteil ins Gefängnis musste, während sich am selben Tag niemand darüber aufregte, dass ein justizbekannter Schäger eine junge Frau vor einem McDonalds erschlug! Warum war der eigentlich nicht im Knast?

Herr Johannes Rosendahl

05.01.2015, 13:37 Uhr

Promi Bonus, leider gibt es sowas. Da sollte man für solche Fälle eine Gesetzesgrundlage schaffen, dass die verantwortlichen Förderer, auch die Richter, gleich auch in den Knast gehen müssen, quasi als Interessenverband und zur besseren Unterhaltung, denn da sind ja die schwachen Charaktere unter sich. Pfui Teufel!

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