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08.10.2013

16:46 Uhr

Heilige Finanzaffäre

„Der Bischof hat uns hinters Licht geführt“

Neue Hiobsbotschaft aus dem Bistum Limburg: Der neue Bischofssitz wird mit 31 Millionen Euro mehr als sechsmal so teuer wie anfangs gedacht. Gegen Oberhirte Tebartz-van Elst läuft bereits ein anderes Verfahren.

Unruhe in Limburg: Der neue Bischofssitz wird deutlich teurer als gedacht. dpa/picture alliance

Unruhe in Limburg: Der neue Bischofssitz wird deutlich teurer als gedacht.

Limburg31 Millionen Euro. Der umstrittene Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst soll angeblich selbst erschrocken sein, als er erfuhr, wie viel seine Residenz gekostet hat. Seit Jahren muss er sich gegen Vorwürfe der Prunksucht und Verschwendung wehren.

Kirchenpolitisch ist der edle Bischofssitz am Limburger Dom völlig aus der Zeit gefallen, seit in Rom der neue Papst Franziskus herrscht, in einem Gästehaus lebt und eine Kirche an der Seite der Armen predigt. Eine Kommission der Deutschen Bischofskonferenz muss nun prüfen, ob Tebartz-van Elst so viel Geld ausgeben durfte und wer im Detail noch verantwortlich war.

Wenn es bei den derzeit gehandelten Zahlen bleibt, hat die Residenz etwa sechsmal mehr gekostet als geplant. Noch unter Bischof Franz Kamphaus, der schlicht in einer Zwei-Zimmer-Wohnung lebte, wurde 2004 in Limburg im Grundsatz beschlossen, neu zu bauen.

In der Sedisvakanz, der bischofslosen Zeit von Februar 2007 bis Januar 2008, bekräftigte das Domkapitel den Plan. Doch erst der neue Oberhirte Tebartz-van-Elst konnte die Entscheidung treffen. Sie geht also nicht, wie der Bischof oft behauptet, auf seinen Vorgänger zurück.

Die Verschwendungen des Bischofs von Limburg

19. August 2012

Tebartz-van Elst wird Verschwendung vorgeworfen. Er sei erster Klasse nach Indien geflogen, um dort soziale Projekte zu besuchen, berichtet das Magazin „Der Spiegel“. Das Bistum weist die Vorwürfe zurück.

29. Mai 2013

Die Hamburger Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den Limburger Bischof wegen möglicher Falschaussage über ein Upgrade in die Business-Class bei einem Flug nach Indien.

28. Juni

Die umstrittene neue Bischofsresidenz hat nach Angaben des Limburger Bistums knapp zehn Millionen Euro gekostet - rund viermal so viel wie ursprünglich geplant. Der Bischof betont, dass der Bau schon 2007 vor seinem Antritt beschlossen worden sei.

9. Juli

Das Bistum korrigiert die Gesamtkosten für die neue Residenz nach oben. Sie lägen deutlich über 9,85 Millionen Euro.

25. August

Im Bistum beginnt mit einem Offenen Brief eine Unterschriftensammlung gegen die Amtsführung des Bischofs. Gefordert wird eine umfassende Aufklärung über die Kosten der Residenz.

29. August

Das streng konservative „Forum Deutscher Katholiken“ ruft zur Solidarität mit dem Oberhirten auf.

1. September

Tebartz-van Elst bittet alle Gläubigen seines Bistums in einem Brief um Vertrauen und räumt Fehler ein.

6. September

Gläubige überreichen dem Bischof ihren Offenen Protestbrief mit rund 4400 Unterschriften.

9. September

Der päpstliche Gesandte Kardinal Giovanni Lajolo besucht Limburg. Das Bistum betont, es handele sich um einen „brüderlichen Besuch“ und nicht um eine Untersuchung. Der Bischof sichert wenige Tage später zu, alle Kosten für die Baumaßnahmen Prüfern zugänglich zu machen.

23. September

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, kritisiert Tebartz-van Elst wegen der Finanzaffäre. Eine Kommission werde untersuchen, warum die Kosten für das neue Domizil explodierten.

7. Oktober

Das Bistum beziffert die Kosten für den neuen Bischofssitz auf 31 Millionen Euro.

Etwa 5,5 Millionen Euro sollte der Bau kosten. Davon standen 2,5 Millionen Euro aus Kirchensteuern seit 2004 im Haushalt – mehr ist auch nicht verwendet worden, wie Bistumssprecher Martin Wind beteuert. Den Rest sollte der Bischöfliche Stuhl tragen, ein Kirchenvermögen, über das der Bischof entscheidet.

Der Vermögens- und Verwaltungsrat, der für die Kontrolle der Finanzen des Bischöflichen Stuhls in Limburg zuständig ist, kritisierte den Bischof scharf. Dieses Ausmaß der Kosten sei bisher völlig unbekannt gewesen. "Wir sind durch den Bischof von Limburg hinter das Licht geführt worden", zitiert die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ drei Mitglieder des Gremiums.

Die etwa 1000 Quadratmeter Freifläche auf dem Domberg waren schwieriger Baugrund. Die neue Residenz ist ein Ensemble aus alten und neuen Gebäuden, und bei jedem einzelnen Teil dürften die Kosten aus unterschiedlichen Gründen davongelaufen sein.

Kommentare (20)

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Charly

08.10.2013, 10:48 Uhr

"Franz-Peter Tebartz-van Elst, Bischof von Limburg, soll laut seinen Kritikern viele Leute getäuscht haben."

Ist das nicht eine Eigenschaft aller Religionsvertreter ?

Karlaugust

08.10.2013, 12:52 Uhr

Der Herr hat´s gegeben, der Herr hat es wieder genommen.
Ist Geben denn nicht seeliger als Nehmen?
Was soll also das kleinliche Gezeter?

zivilista

08.10.2013, 13:12 Uhr

31 Millionen, ein Klacks für die Kirche.
Wesentlicher aber scheint zu sein, wie der Herr Tebartz-van Elst damit umgehen will im 21. Jahrhundert.

Ich hab nix gegen einen kirchlichen Prachtbau, der immer noch billiger sein dürfte als der Petersdom, und der dabei heutzutage sogar noch früher fertigestellt wurde als der Petersdom.

Ich finde es sogar richtig, wenn Kirche Neuanfänge auch baulich postuliert und sowas kostet - der Kölner Dom galt ja auch als Langzeitprojekt für Langfrist-Investoren: also nix einzuwenden dagegen.

Was mich indes stört ist so eine Generalpascha-Attitüde, mit der ein christlicher Amt- und Würdenträger moderne Bungalow-rchitektur als sein persönliches Projekt zu betrachten scheint, das er, zumindest könnte das so aussehen, gegen den Willen seiner Gemeinde durchzusetzen scheint.

Es fällt bei der öffentlich zur Schau getragenen Vorsicht des Pastoralapparates lediglich auf, dass dieser sich eher schwertut mit den Zeichen der Zeit, die er selbst zu setzen zu trachten scheint.

Ein Bau als Zeichen, durchgesetzt mit Mitteln nach Gutsherrenart läßt eher auf ein vade retro als einen Blick gerichtet nach vorn schließen.

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