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06.11.2015

16:41 Uhr

Heinrich Maria Janssen

Missbrauchsvorwurf gegen Ex-Bischof

Sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche ist kein Tabu-Thema mehr. Jetzt sind zum ersten Mal Missbrauchswürfe gegen einen früheren Bischof bekanntgeworden. Doch nicht alle Forderungen des Opfers werden erfüllt.

Bischof Heinrich Maria Janssen legt eine verschlossene Röhre in den Grundstein für eine Gedenkkirche. Janssen soll während seiner Amtszeit einen Jungen sexuell missbraucht haben. dpa

Schwere Vorwürfe

Bischof Heinrich Maria Janssen legt eine verschlossene Röhre in den Grundstein für eine Gedenkkirche. Janssen soll während seiner Amtszeit einen Jungen sexuell missbraucht haben.

HildesheimErstmals in Deutschland gibt es Missbrauchsvorwürfe gegen einen Bischof. Der ehemalige Hildesheimer Bischof Heinrich Maria Janssen soll während seiner Amtszeit einen Jungen sexuell missbraucht haben. Das Bistum halte die Schilderung des Betroffenen für plausibel, teilte die Bischöfliche Pressestelle am Freitag mit. Janssen, von 1957 bis 1982 Hildesheimer Bischof, war im Oktober 1988 im Alter von 80 Jahren gestorben.

Der jetzige Bischof Norbert Trelle sei bestürzt darüber, „dass durch einen seiner Amtsvorgänger nach Aussage des Mannes diesem schweres Leid zugefügt worden sein soll“. Dem Mann seien auf Empfehlung der zuständigen Kommission der Deutschen Bischofskonferenz 10.000 Euro gezahlt worden, teilte das Bistum weiter mit. Die Forderung nach weiteren Zahlungen sei abgelehnt worden.

Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ berichtete, dass es sich bei dem Opfer um einen ehemaligen Messdiener handele, der erstmals im Alter von zehn Jahren missbraucht worden sei. Das Bistum wollte keine näheren Angaben zu dem Opfer machen.

Der Mann wandte sich nach kirchlichen Angaben im Frühjahr 2015 mit der Bitte an das Bistum, die Vorwürfe, die sich auf den Zeitraum Ende der 50er bis Anfang der 60er Jahre beziehen, strikt vertraulich zu behandeln. Nach einer „Spiegel“-Anfrage entschloss sich das Bistum aber, den Fall öffentlich zu machen. Weitere Vorwürfe gegen Janssen gebe es nicht.

Wir finanziert sich die katholische Kirche in Deutschland?

Kirchensteuer

Den größten Teil ihrer laufenden Kosten deckt die katholische Kirche aus ihren Kirchensteuereinnahmen. 2012 waren das fast 5,2 Milliarden Euro.

Staatsleistungen

Sie betreffen nur die Bundesländer und Kommunen und gehen häufig auf die Säkularisation (Verstaatlichung des Kirchenbesitzes) Anfang des 19. Jahrhundert zurück. Gezahlt wird mit Bezug auf Artikel 140 des Grundgesetzes zum Beispiel für den Personal- und Sachbedarf der Kirchen. Hinzu kommen Ausgaben für den Bauunterhalt kirchlich genutzter Gebäude. Nach Angaben der Linken im Bundestag zahlen die Länder jährlich fast eine halbe Milliarde Euro an die Kirchen. Die Partei hat 2012 einen Gesetzentwurf zur Ablösung dieser Staatsleistungen vorgelegt. Dazu ist ein Bundesgesetz nötig.

Bundeszuschüsse

Die Kirchen erhalten für Aufgaben im caritativen Bereich wie andere Träger auch Bundesmittel, zum Beispiel für kirchliche Krankenhäuser, Kindergärten und Schulen. So betrug der Bundeszuschuss für die Caritas 2012 rund 51,9 Millionen Euro. Die katholische Kirche gab dafür 8,6 Millionen Euro aus. Zuschüsse des Bundes fließen auch für Militärseelsorge, Kirchentage und Denkmalschutz. Eine Gesamtsumme wird nach Angaben des Bundesfinanzministeriums nicht ermittelt.

Kirchliches Vermögen

Dabei geht es zum Beispiel um Immobilienbesitz und Miet- und Pachteinnahmen sowie Überschüsse aus kircheneigenen Betrieben oder Beteiligungen. Jedes Bistum hat sein eigenes Vermögen, Je nach Situation machen diese Einnahmen nach Expertenschätzungen fünf bis zehn Prozent des Gesamthaushalts eines Bistums aus.

Spenden und Kollekten

Sie machen nach Einschätzung von Experten fünf Prozent der kirchlichen Einnahmen aus. Die katholische Kirche beziffert diese Einnahmen für das Jahr 2009 auf rund 250 Millionen Euro.

Wie steht es um die Transparenz in den kirchlichen Haushalten?

Wesentliche Entscheidungen zur Verwendung der Kirchensteuer obliegen speziellen Kirchengremien in den Bistümern. Der Kirchensteuerhaushalt wird in der Regel öffentlich dokumentiert. In Bistümern gibt es neben dem regulären Haushalt noch einen „Bischöflichen Stuhl“. Der Begriff bezeichnet das Vermögen, das mit dem Bischofsamt verbunden ist. Nach Angaben des Bundes der Steuerzahler gibt es für diese Summen keine Auskunftspflicht, so lange keine öffentlichen Gelder damit verbunden sind. Kritiker nennen den „Bischöflichen Stuhl“ deshalb einen Schattenhaushalt. Nach dem Finanzskandal um den Neubau des Bischofssitzes in Limburg haben die Bistümer Essen und Speyer angekündigt, diese Zahlen offenzulegen.

Was ist bei der Finanzkontrolle im Bistum Limburg schiefgegangen?

Dazu gibt es bisher fast nur Vermutungen. 2008, vor dem Amtsantritt des umstrittenen Bischofs Franz-Peter Tebartz-van Elst, soll der „Bischöfliche Stuhl“ über rund 100 Millionen Euro verfügt haben. 2011 soll Tebartz-van Elst dem Domkapitel die Zuständigkeit für diesen Haushalt entzogen und stattdessen einem Vermögensverwaltungsrat übertragen haben. Die Frage ist, ob er dieses Gremium bei den Kosten für den neuen Bischofssitz, die zuletzt auf 31 Millionen Euro anwuchsen, getäuscht hat.

Sind ähnliche kirchliche Finanzskandale bekannt?

Der Bund der Steuerzahler hat 1999 kritisiert, dass der katholische Militärbischof Johannes Dyba mit seinem Amt unbedingt von Bonn nach Berlin ziehen wollte - die Sanierung der Berliner Dependance habe umgerechnet rund 10 Millionen Euro gekostet. Skandale um Kirchenvermögen werden auch durch Gerichtsurteile bekannt. So wurden im September 2010 ein früherer Kirchenmitarbeiter im Bistum Limburg wegen der Veruntreuung von 2,7 Millionen Euro zu sechs Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Nach finanziellen Verfehlungen zog sich 2011 der Orden der Pauliner aus dem Hochschwarzwald zurück. Ein Ordensbruder, der als Pfarrer eine Gemeinde betreute, hatte 247 000 Euro Spenden- und Kirchengelder veruntreut und dafür ohne Erlaubnis neue Messgewänder und Abendmahlskelche gekauft. Er ließ auch Kunstgegenstände restaurieren.

Laut „Spiegel“ versicherte der Hildesheimer Weihbischof Heinz-Günter Bongartz dem Betroffenen per Brief, wie sehr er sich schäme, „dass Ihnen durch eine bischöfliche Autoritätsperson solches Unrecht zugefügt wurde“. Der Betroffene habe angegeben, dass der Bischof ihn zwischen 1958 und 1963 regelmäßig durch Masturbation, Oral- und Analverkehr missbraucht habe, berichtete das Magazin.

Ein Jahr vor seinem Tod war der vielfach ausgezeichnete Janssen im September 1987 Ehrenbürger von Hildesheim geworden. Die Stadt würdigte damals das Wirken des Bischofs für den Wiederaufbau der kriegszerstörten Stadt, des Hildesheimer Doms und anderer kirchlicher Bauten.

Papst Johannes Paul II. hatte nach dem Tod Janssens dessen Einsatz für die seelsorglichen und sozialen Belange der Heimatvertriebenen und Flüchtlinge in der Bundesrepublik gelobt. Der aus Rindern bei Kleve stammende Geistliche war während seiner Amtszeit Beauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für die Vertriebenenseelsorge. Die Diözese Hildesheim war seinerzeit kirchenrechtlich auch zuständig für sechs katholische Gemeinden in der DDR.

Janssen, nach dem eine Straße in der Nähe des Hildesheimer Bahnhofs benannt ist, war vor 27 Jahren nach kurzer Krankheit gestorben. Die Deutsche Bischofskonferenz wollte sich am Freitag nicht zu den Vorwürfen äußern.

Von

dpa

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