Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

18.01.2010

09:47 Uhr

Helfer in Haiti

„Für uns gibt es hier nichts mehr zu tun“

VonKlaus Ehringfeld

Fünf Tage nach dem Beben in Haiti können die Retter fast nur noch Leichen bergen. Für die Davongekommenen fängt der Kampf ums Überleben erst an. In Port-au-Prince musste das größte Hospital der Stadt aufgrund akuter Einsturzgefahr evakuiert werden, die Überlebenden wurden auf dem Parkplatz untergebracht. Es fehlt an allem.

Mitglieder eines Rettungs-Teams in Port-au-Prince. Für die meisten Erdbebenopfer kommt jede Hilfe zu spät. dpa

Mitglieder eines Rettungs-Teams in Port-au-Prince. Für die meisten Erdbebenopfer kommt jede Hilfe zu spät.

PORT-AU-PRINCE. Es gibt in diesen Tagen in Port-au-Prince viele Bilder, die sich in die Erinnerung brennen: Zum Beispiel die Leiche, die aufgedunsen auf der Kreuzung von Rue Henri Christophe und Avenue Lamartinière im Stadtzentrum verwest. Das Gesicht ist mit einem alten Handtuch notdürftig bedeckt, die linke Hand wie zum Hilferuf ausgestreckt. Oder die Tausenden Menschen, die ohne Ziel durch die scheinbar unendlichen Trümmerlandschaften ziehen, ihre Habseligkeiten in Plastiksäcken oder Koffern bei sich tragend. Oder der Präsidentenpalast, der 100 Jahre lang alle politischen Unruhen unbeschadet überstanden hatte. Nun steht er zusammengesackt als Symbol für ein zerstörtes Land.

Am Dienstagnachmittag hatte das Erdbeben mit der achtfachen Energie der Hiroshima-Bombe das ärmste Land der westlichen Welt getroffen. Port-au-Prince, schon vor dem Beben ein gigantisches Armenviertel mit zwei Millionen Einwohnern, ist Schätzungen zufolge bis zu 60 Prozent zerstört. In Städten im Süden und Westen der Insel sind die Zerstörungen ähnlich verheerend. 50 000 Tote, 100 000, 200 000? Niemand weiß, wie viele Menschen unter den eingestürzten Gebäuden liegen. Die Überlebenden, die daran vorbeigehen, schützen sich mit Mundschutz, Taschentuch oder Hemdsärmel gegen den bitter-süßen Gestank der Verwesung, manche haben sich nur einen weißen Streifen Zahnpasta unter die Nase geschmiert. Fest steht nur, dass Haiti seit Dienstagnachmittag ein sterbendes Land ist.

Linguistische Fakultät der Staatsuniversität, Rue du Foret, Samstag, 10 Uhr: Als das Rettungsteam des luxemburgischen Zivilschutzes mit schwerem Gerät und Spürhunden anrückt, drückt Joseph Maudelaire so fest die Daumen aufeinander, dass das Blut daraus weicht. Seine Frau Anne-José studierte im vierten Jahr Sprachen und wurde mit Dutzenden von Kommilitonen von dem Beben überrascht. Wie ein Kartenhaus sackte das Gebäude ein und begrub sie unter sich. „Bis Donnerstagmorgen konnte ich mich noch mit meiner Frau verständigen, sie war eingeschlossen, aber lebte“, sagt Maudelaire mit gepresster Stimme. Er warf noch Wasser und Obst in die Trümmer, dorthin, von wo ihre Stimme kam. Seither gibt es kein Lebenszeichen mehr. Seine letzte Hoffnung ist das Luxemburger Rettungsteam. Doch nach zwei Stunden leinen die Bergungsexperten die Spürhunde wieder an. „Für uns gibt es hier nichts mehr zu tun“, sagt Einsatzleiter Kevin Thix. „Wir schätzen die Zahl der Leichen in den Trümmern auf 20 bis 25.“ Nur noch vereinzelt werden in Haiti Opfer lebend geborgen, darunter am Samstag auch eine Deutsche.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf "Zum Home-Bildschirm"

Auf tippen, dann "Zum Startbildschirm hinzu".

×