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13.04.2011

17:28 Uhr

Hilfe für Evakuierte

Japan plant Gartenstädte nach deutschem Vorbild

Japan erweitert die Evakuierungszone um Fukushima, doch wohin mit den vielen Menschen? Die Regierung hat als Lösung Gartenstädte nach deutschem Muster ins Auge gefasst. Die Bevölkerung ist skeptisch.

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TokioEine Öko-Stadt nach deutschem Vorbild könnte zur neuen Heimat der Menschen aus der Evakuierungszone rund um die japanische Atomruine Fukushima werden. Aus der Sicht von Ministerpräsident Naoto Kan könnte die umweltfreundliche Stadt im Stil der sogenannten Gartenstädte Wohnraum für bis zu 100.000 Menschen bieten, meldete die Nachrichtenagentur Kyodo am Mittwoch unter Berufung auf Kenichi Matsumoto, Sonderberater der japanischen Regierung.

Für Verwirrung sorgte am Mittwoch die angebliche Aussage Kans, die 20 Kilometer große Evakuierungszone rund um die Atomruine bleibe für die nächsten zehn bis 20 Jahre unbewohnbar. Sowohl Kan als auch Matsumoto dementierten dies später wieder.

Wo genau die Öko-Stadt in der Präfektur Fukushima entstehen soll, war zunächst unbekannt. Kan habe einen möglichen Ort aber bereits im Kopf, sagte Sonderberater Matsumoto. Der zuständige Rat zum Wiederaufbau der Städte werde sich voraussichtlich in seiner ersten Sitzung am Donnerstag mit dem Thema beschäftigen. Gartenstädte wurden in Deutschland erstmals Anfang des 20. Jahrhunderts errichtet. Ziel war es, die Lebensbedingungen der Menschen durch weiträumige und niedrige Bauweisen zu verbessern sowie Mieterhöhungen zu vermeiden.

Hintergrund: Das ist eine Gartenstadt

Was ist die Grundidee?

Gartenstädte entstanden Anfang des 20. Jahrhunderts in England. Sie waren eine Reaktion auf die elenden Lebensverhältnisse in der frühen Industrialisierung. Die Gartenstadt als Gegenmodell erdachte der Engländer Ebenezer Howard. Sein Konzept von 1898 sah jenseits der Großstädte neue Siedlungen mit kleinen Häusern und begrenzter Einwohnerzahl vor. Als erste Gartenstadt gilt die 1903 gegründete Siedlung Letchworth rund 65 Kilometer nördlich von London.

Wann kam die Idee nach Deutschland?

In Deutschland griff die neugegründete Gartenstadt-Gesellschaft diese Idee 1902 auf. Verbunden war sie auch hier mit sozialreformerischen Idealen als Reaktion auf die Missstände in unkontrolliert wachsenden Städten. Als besonders abschreckend galt Berlin mit seinen düsteren Hinterhäusern in den klassischen Arbeitervierteln.

Was macht das deutsche Konzept aus?

Der Schriftsteller Hans Fallada beschreibt die unerträgliche Enge und Armut im Stadtteil Wedding in seinem Roman „Ein Mann will nach oben“. Unter dem Motto Licht, Luft und Sonne wollte die Gartenstadt-Bewegung dieses Übel durch planmäßig angelegte kleine Siedlungen im Grünen ausrotten. Genossenschaftliche Prinzipien sollten Spekulanten das Handwerk legen.

Was sind die Protoypen?

Als erste klassische deutsche Gartenstädte gelten Dresden-Hellerau (1908) und Essen-Margarethenhöhe (1910). Beide entstanden als grüne Werkssiedlungen, Durchgangs- und Wohnstraßen waren klar getrennt, kleine Häuser reihten sich freundlich aneinander.

Wo sind sie noch heute zu sehen?

Im Südosten Berlins baute Architekt Bruno Taut ab 1913 die Gartenstadt Falkenberg, die wegen ihrer bunten Mini-Häuschen auch „Tuschkastensiedlung“ heißt. Sie ist die älteste von sechs Berliner Reformsiedlungen, die heute zum Weltkulturerbe gehören - und zum Wohnen sehr beliebt sind.

Während die Regierung fieberhaft nach Lösungen für die noch nicht bezifferbare Zahl von möglichen Evakuierten sucht, bleiben die betroffenen Menschen skeptisch. Trotz der am Dienstag verhängten höchsten Gefahrenstufe rund um den verstrahlten Atommeiler Fukushima Eins wollen die meisten Japaner ihre Heimat offenbar noch nicht verlassen. Den Wenigen, die gehen wollen, fehlen klare Aussagen zu finanziellen Perspektiven. Die Regierung erwägt derzeit, jedem Haushalt umgerechnet 10.000 Euro Entschädigung zu zahlen.

Unterdessen hat sich der japanische Außenminister Takeaki Matsumoto bei den Pazifik-Anrainerstaaten für Informationspannen entschuldigt. Japan hatte die Botschaften seiner Nachbarn erst verspätet darüber informiert, kontaminiertes Wasser aus den Unglücksreaktoren in den Pazifik geleitet zu haben.

China, Russland und Südkorea hatten die Entsorgung von schwach verstrahltem Wasser wiederholt massiv kritisiert und umfassende Schutzmaßnahmen gefordert. „Es ist wahr, dass unsere Benachrichtigung erst versendet wurde, nachdem der Wasserabfluss begonnen hat“, sagte Takeaki Matsumoto im Parlament. Inzwischen sei die Kommunikation jedoch verbessert worden.

In der Unglücksregion selbst gingen die Aufräumarbeiten trotz erneuter Erdstöße weiter. Am Mittwoch hatten wieder Erdstöße der Stärke 5,8 das Land erschüttert. Berichte über Schäden oder Verletzte lagen nicht vor. Auch eine neue Tsunami-Warnung gab es nicht.

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