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24.01.2006

10:21 Uhr

Hintergrund

„Unworte" polarisieren seit 15 Jahren

Am „Unwort des Jahres“ scheiden sich die Geister. Seit 15 Jahren löst die Wahl der grob verharmlosenden oder sogar die Menschenwürde verletzenden Begriffe Diskussionen aus.

HB FRANKFURT. Besonders kontrovers wurde die Entscheidung der unabhängigen Jury für „Humankapital“ im vergangenen Jahr aufgenommen: Wirtschaftsvertreter warfen den Sprachexperten mangelnden Sachverstand vor. Einige Wortschöpfungen aus der Wirtschaftssprache gehören auch diesmal zu den Favoriten. Die Juroren schätzen zwar die Diskussion, ihre sprachkritische Aktion soll sensibilisieren. Andererseits wollen sie aber nicht wieder als wirtschaftsfeindlich missverstanden werden, wenn sie das Unwort des Jahres bekannt geben.

Mit einer Vorauswahl für 2005 hatte sich am vergangenen Wochenende Jury-Sprecher Horst-Dieter Schlosser zu Wort gemeldet: Er habe sich auf den Begriff „Ehrenmord“ festgelegt, vertraute er dem Nachrichtenmagazin „Focus“ an. Zur Begründung sagte der Frankfurter Germanistik-Professor: „Die Sache an sich ist schlimm genug, dass man das auch noch mit dem Begriff „Ehre“ zusammenbringt, ist völlig daneben - es relativiert den Mord.“

Gute Chancen hatte auch der Begriff „Smartsourcing.“ Mit dem Begriff habe Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann die Verlagerung Tausender Arbeitsplätze in den Niedriglohnsektor beschrieben, sagt Schlosser. Gute Aussichten hatten auch die „Qualitätsoffensive“, mit der Daimler-Chrysler eine Rückrufaktion bezeichnet habe. „Unternehmerischer Hygiene“ gehörte ebenfalls zu den Anwärtern auf den Titel. Die Formulierung habe Siemens-Vorstand Klaus Kleinfeld im Zusammenhang mit der Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland gebraucht.

Wortschöpfungen aus der Wirtschaft wurden bereits mehrfach als Unwort gerügt. Mit „Peanuts“ (Erdnüsse, Kleinigkeiten) prägte es 1994 schon einmal ein Deutsche-Bank-Vorstandssprecher: Hilmar Kopper hatte mit dieser Formulierung geringschätzig über offene Handwerkerrechnungen in Höhe von 50 Millionen Mark im Zusammenhang mit der Pleite des Bauunternehmers Jürgen Schneider gesprochen.

2002 entschied sich die Jury für „Ich-AG“, weil dies Individuen auf sprachliches Börsenniveau reduziere.

Kritik hagelte es, als die Jury 1997 „Wohlstandsmüll“ zum Unwort kürte, eine Umschreibung des damaligen Nestlé-Chefs Hartmut Maucher für Arbeitsunwillige, - unfähige und Kranke. Der damalige Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Christian Meier, etwa hielt der Jury vor, zunehmend in die Rolle einer kulturpessimistischen Instanz zu geraten.

Mit der Entscheidung für „Humankapital“, eine Wortschöpfung, die Menschen „zu nur noch ökonomisch interessanten Größen degradiert“, war die Jury im vergangenen Jahr zwar in der Wirtschaft angeeckt, bei Fachleuten für Sprache jedoch auf Zustimmung gestoßen. Allerdings vermissten diese - trotz der Verwendung des Wortes in einer EU- Erklärung vom August - den Aktualitätsbezug. Einer der Befürworter der Entscheidung, der Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung (Darmstadt), Prof. Klaus Reichert, gehörte diesmal zu den Juroren. „Humankapital ist ein ganz grauenvolles Wort“, das den Menschen auf eine Rechengröße herabstufe, hatte er die Wahl kommentiert.

Selten war die Reaktion auf ein Unwort so einmütig wie 2003, als „Tätervolk“ das Rennen machte. Das von dem aus der CDU ausgeschlossenen Ex-Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann verwendete Wort sei schon grundsätzlich verwerflich, hatte die Jury befunden. „Die Verbindung des Begriffs, wie Hohmann ihn gebrauchte mit „den“ Juden zumal ist ein aktueller Beleg für den immer noch wirkenden Antisemitismus“, hieß es.

Als „Gotteskrieger“ 2001 gerügt wurde, bemängelte der damalige Direktor des Instituts für Deutsche Sprache, Prof. Gerhard Stickel, die Entscheidung suggeriere, dass es böse und gute Wörter gebe.

Heftige Diskussionen hatten die Juroren hervorgerufen, als sie 1993 den Ausspruch des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl (CDU) vom „kollektiven Freizeitpark“ zwar nicht zum Unwort kürten, aber als sprachlichen Missgriff rügten. Das Kanzleramt reagierte empört.

„Allzu verständnisvolle Reaktionen“ des Vorstands der Gesellschaft für deutsche Sprache auf die Kritik aus Bonn führten im Jahr darauf zu einer Trennung der Unwort-Jury von der Gesellschaft. Die Jury aus vier Sprachwissenschaftlern und ein bis zwei wechselnden Vertretern der öffentlichen Sprachpraxis machte sich selbstständig.

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