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16.06.2017

13:31 Uhr

Hochhausbrand und die Folgen

Überlebende sollen schnell neue Wohnungen erhalten

Die Opferzahl nach dem Hochhausbrand in London hat sich am Freitag fast verdoppelt. Die Einsatzkräfte suchen noch immer nach Vermissten. Die Hilfe für Überlebende geht weiter – und wird von breiter Solidarität getragen.

Brandkatastrophe in London

Mindestens 30 Tote – Polizei rechnet mit noch mehr Opfern

Brandkatastrophe in London: Mindestens 30 Tote – Polizei rechnet mit noch mehr Opfern

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LondonNach der Brandkatastrophe im Londoner Stadtteil Kensington ist die Zahl der Todesopfer auf 30 gestiegen. Wie die Polizei am Freitag mitteilte, dürften noch weitere Leichen in dem Wohnhochhaus gefunden werden. 24 Menschen würden noch in Krankenhäusern behandelt, zwölf von ihnen lägen auf der Intensivstation. Bislang gebe es keine Hinweise, dass das Feuer absichtlich gelegt worden sei. Die Behörden prüfen demnach aber, ob es vor der Katastrophe strafrechtliche Vergehen gab.

Zahlreiche Personen weitere werden noch vermisst – einem Medienbericht zufolge sind es 65. Es sei zu befürchten, dass sie ums Leben gekommen seien, berichtete die Zeitung „The Sun“ am Freitag. Auf die Frage, ob es mehr als 100 Todesopfer sein könnten, sagte Polizeichef Stuart Cundy am Donnerstag: „Ich hoffe, dass es keine dreistellige Zahl sein wird.“

Alle Bewohner des Hochhauses sollen bis zum Wochenende eine neue Wohnung erhalten. Das sagte Megan Hession von der Stadtverwaltung in Kensington und Chelsea am Freitag. Etliche Menschen hatten auch die vergangene Nacht noch in Turnhallen und Hotels verbracht.

Aktivisten haben unterdessen zu einer Solidaritätskundgebung im Regierungsbezirk Westminster aufgerufen. Die Demonstration soll am frühen Abend vor dem Ministerium für Kommunen stattfinden, das auch für Wohnungsbau verantwortlich ist. Nach dem Unglück geben viele Bürger der britischen Regierung eine Mitschuld an dem Feuer. Auf Facebook hatten am Freitagmorgen schon 1.800 Demonstranten ihre Teilnahme an der Kundgebung unter dem Motto „Justice for Grenfell!“ (Gerechtigkeit für Grenfell) angekündigt.

Das Gebäude gilt nicht als einsturzgefährdet. Die Ränder des 24-stöckigen Turms seien in den oberen Stockwerken aber unsicher, sagte Feuerwehr-Chefin Dany Cotton am Donnerstag. „Ich schicke keine Feuerwehrleute da rein.“ Stattdessen sollten Hunde weiter nach Vermissten suchen. Anhand von Fingerabdrücken solle geklärt werden, wer alles im Gebäude war. Das alles könne Wochen dauern. Cotton sagte, die Rettungskräfte gingen nicht davon aus, noch jemanden lebend zu finden.

Feuerkatastrophe in London: Gefährliche Dämmstoffe?

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Sechs der gefundenen Todesopfer seien vorläufig identifiziert, ihre Leichen seien außerhalb des Gebäudes gefunden worden. Die anderen elf sind zwar im Gebäude lokalisiert, ihre Leichen konnten aber noch nicht bewegt werden, wie die Polizei mitteilte. Es sei möglich, dass manche Opfer nie identifiziert werden können, sagte Polizeichef Cundy. Der Prozess werde Wochen, wenn nicht Monate dauern.

Der Brand in der Nacht zum Mittwoch hat den 24-stöckigen Grenfell Tower im Stadtteil North Kensington zerstört. In dem Sozialblock lebten bis zu 600 Menschen in mehr als 120 Wohnungen. Premierministerin Theresa May hat eine umfassende Untersuchung der Ursache angekündigt. Es mehren sich die Anschuldigungen über mangelnden Brandschutz.

May besuchte am Donnerstag den Brandort. Auf Fotos war sie zusammen mit Feuerwehrleuten zu sehen. Auch Oppositionsführer Jeremy Corbyn kam zum ausgebrannten Gebäude. „Die Wahrheit muss rauskommen“, sagte er. Das Feuer hätte sich nicht so von Wohnung zu Wohnung ausbreiten dürfen. Es gebe viele offene Fragen auch zu Sprinkleranlagen und der möglicherweise leicht brennbaren Fassadenverkleidung. Viele Hochhausbewohner im Land stellten sich jetzt die Frage, ob sie überhaupt sicher seien, sagte er.

Feuer in London: Der Grenfell Tower

Bau

Das Gebäude in London wurde 1974 fertiggestellt.

Lage

Der Grenfell Tower liegt in einem hochpreisigen Bezirk Londons, dem Royal Borough of Kensington and Chelsea.

Wohnungen

Das 24-stöckige Hochhaus hat 120 Wohnungen.

Nutzung

Neben Sozialwohnungen und Büroräumen finden sich auch ein Boxclub und ein Kindergarten in dem Gebäude. Es wird im Auftrag des Bezirks verwaltet.

Management

Es wird verwaltet von Kensington and Chelsea Tenant Management Organisation (KCTMO), der größten derartigen Organisation in England, im Auftrag von Kensington and Chelsea London Borough Council.

Renovierung

Das Gebäude wurde von 2012 bis 2016 für 10 Millionen Pfund renoviert von Rydon Ltd. Dabei wurden neue Wohneinheiten geschaffen, eine neue Heizungsanlage eingebaut und die Außenwand mit einer gedämmten Vorhangfassade versehen.

Kritik der Bewohner

Im November 2016 kritisierte eine Bewohner-Organisation, die Grenfell Action Group, die KCTMO als „Mini-Mafia“. Gesundheits- und Sicherheitsvorschriften würden ignoriert.

Auch Königin Elizabeth II. drückte ihre Anteilnahme aus. Ihre Gedanken und Gebete seien bei den Familien, die Angehörige verloren hätten, sowie bei den vielen Menschen, die schwer verletzt im Krankenhaus lägen, teilte der Buckingham-Palast mit. Es sei ermutigend, zu sehen, wie viele Freiwillige nun zur Hilfe kämen. Hunderte Londoner spendeten Decken, Kleider oder Babynahrung für die Bewohner. Mehr als eine Million Pfund an Spendengeldern kamen zusammen.

Die Ursache des Brands ist noch nicht geklärt. Londons Bürgermeister Sadiq Khan versprach umfassende Aufklärung. „Es wird im Laufe der nächsten Tage viele Fragen zur Ursache dieser Tragödie geben, und ich möchte den Londonern versichern, dass wir dazu alle Antworten bekommen werden.“ Die Polizei hat mit den Strafermittlungen zur Brandursache begonnen; bislang ist noch völlig unklar, was das verheerende Feuer ausgelöst hat.

Der britische Brandschutz-Experte Jon Hall nannte den Brand einen Unfall, wie er in der „Dritten Welt“ vorkomme. „Alle Bestandteile der Feuersicherheit und des Gebäudemanagements“ müssten versagt haben, vermutete er auf Twitter.

Das Gebäude wurde 1974 erbaut und von 2014 bis 2016 saniert. Es hatte bereits Beschwerden über unzureichenden Brandschutz in dem Hochhaus gegeben.

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