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09.08.2011

15:09 Uhr

Homosexueller König

Schwulen-Debatte unter Schützenbrüdern

Ein schwuler Schützkönig aus Münster spaltet seine Schützenbrüder. Er will seinen Partner zur Königin machen - und soll deswegen für das deutschlandweite Königsschießen disqualifiziert werden.

Ein schwuler Schützenkönig in ihrer Mitte? Die deutschen Schützen debattieren. Quelle: dpa

Ein schwuler Schützenkönig in ihrer Mitte? Die deutschen Schützen debattieren.

MünsterMan erkennt ihn an den Pfeilen in seiner Brust: Sankt Sebastianus ist unter den Heiligen der katholischen Kirche eine eher ungewöhnliche Figur. Traditionell rufen ihn jene Gläubigen an, die es im Alltag schwer haben. In der Zeit der mittelalterlichen Pest wurde er zum Patron der Schützen, deren Bruderschaften damals noch die Toten wegschafften und die Plünderer verjagten. Er ist außerdem Beschützer der Polizisten, Soldaten und der Sterbenden. Auch fromme schwule Menschen haben Sebastian in den vergangenen Jahrzehnten als Schutzheiligen entdeckt. 

Katholiken, Schützen und Schwule - in diesem Spannungsfeld ist nun ein wahrer Glaubenskrieg entbrannt: Konservative Schützen wollen verhindern, dass ein bekennend schwuler Schütze bei ihrem wichtigsten deutschen Wettbewerb mitmacht. 

Es geht um Dirk Winter, einen freundlichen Getränkehändler aus Münster. Der 44-Jährige hat im Vorort Kinderhaus im Juni den Vogel abgeschossen. Dirk Winter ist schwul, daraus macht er kein Geheimnis. Wer glaubt, ein homosexueller König sei in deutschen Schützenvereinen nicht denkbar, der irrt. Allein in Nordrhein-Westfalen gab es schon mindestens zwei. Der aktuelle Eklat begann erst, als Dirk Winter eine Schützenkönigin bestimmen musste. „Ich wollte eigentlich erst jemand anderen fragen“, hat er kürzlich noch gesagt. Dann hätten ihn Freunde im Verein ermutigt: „Mach doch den Olli zur Königin.“ Oliver ist seit 15 Jahren sein Partner. Viele Schützen stimmten zu. Immerhin wirbt Kinderhaus mit dem Slogan „Weltoffen seit 1333“. 

Aber damit ging der Ärger los. Der Bund der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften (BHDS) hatte vielleicht auch unterschätzt, wie gut Winter schießen kann. Denn erst ging es nur um das Protokoll, ob Winter und sein Freund in einer Reihe marschieren dürfen. Jetzt rückt eine andere Frage in den Vordergrund. Winter hat sich am vergangenen Wochenende für den wichtigsten Wettbewerb der deutschen Schützen qualifiziert: Das Bundeskönigsschießen im ostwestfälischen Harsewinkel Mitte September. Es ist sozusagen der krönende Abschluss der sommerlichen Festumzüge durch Deutschlands Dörfer und Vorstädte. 

Die Dachorganisation weist den Vorwurf der Schwulenfeindlichkeit von sich. Sie überlegt dennoch, Winter zu disqualifizieren. Denn der habe vor dem erfolgreichen Schuss gegen Regeln verstoßen. „Er hatte vorher in einem Fragebogen unterschrieben, dass er sich christlichen Werten verpflichtet fühlt und nach dem Motto „Für Glaube, Sitte und Heimat“ lebt“, sagt BHDS-Sprecher Rolf Nieborg. Der schwule König müsse respektieren, wofür ein Schützenverein stehe. Nämlich für ein Weltbild, in dem die Familie große Bedeutung habe. „Das ist doch wie beim lateinamerikanischen Tanz.“ Dazu gehörten auch Mann und Frau.

Kommentare (4)

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Ueberlebenswichtig

09.08.2011, 16:25 Uhr

Hat die Welt sonst keine Probleme als so ein Mist? Meine Güte, wo sind wir in unserer so genannten Zivilisation hingelangt, dass die Leute sich ständig mit ihrer Sexualität beschäftigen müssen. König und Königin, wenns die Tradition so will - es gibt halt keine Extrawürste ohne Kampf. Jede Extravaganz und Eitelkeit hat ihren Preis - auch in der heutigen Gesellschaft.

emden09

09.08.2011, 18:20 Uhr

Tja, die Bigotterie der Schützen und der katholischen Kirche... Da wollen die einen zwar angeblich „weltoffen“ sein, während Ihre „Brüder“ im (Un)Geiste gleichzeitig an einer Interpretation des Christentums festhalten, die dem tiefsten Mittelalter entsprungen zu sein scheint.

Was würde wohl Christus dazu sagen, wenn man ausgerechnet ihm das mittelalterlich oxidente Familienbild zuschreiben wollte?

Mit Ehe und Familie, wie es diese Schützen“brüder“ als christliche Werte verstehen mögen jedenfalls hatte Christus nun wirklich nichts, aber auch gar nicht am Hut. Weder in seinem eigenen Leben noch in seiner Glaubenslehre.

Tja und dann deren katholische Kirche, die offenbar die Lehrer der eigenen Lehre (Priester) nicht davon abhalten kann massenweise kleine Jungs in Homosexuellen „Spielchen“ zu missbrauchen, die aber andererseits Homosexualität unter Erwachsenen weiterhin für verdammenswert hält.

Wiederum bezieht sich natürlich auch diese Kirche nicht auf die Werte, die Christus predigte, sondern auf ein als „altes Testament“ verunglimpftes altes jüdisches Geschichtsbuch.

Wann, wenn nicht im aktuellen Jahrhundert, das die Werte der Aufklärung und des Christentums als deren Grundlage wirklich ernst zu nehmen geeignet ist, sollte diesen Menschen ihr verdrehtes und verderbtes bigottes Weltbild achtkantig um die Ohren fliegen? Ich kann das wirklich nur begrüßen.

Wenn nicht jetzt, wann dann? Wenn nicht hier, sag mir wo und wann!

Ein echtes Sommermärchen dieser schwule Schützenkönig. Ausgerechnet in der Stadt des westfälischen Friedens in der eins die Christen erkennen mussten, dass es nicht gut sein kann, wenn sie sich weitere 30 Jahre gegenseitig im Namen des selben Gottes das Hirn einschlagen. Wenn das nicht ein "Zeichen" ist!

Meine_Meinung

09.08.2011, 19:44 Uhr

Kann man diesen Verein nicht wegen verfassungsfeindlicher Diskriminierung einfach verbieten?
Wo leben wir denn?
Mit welchem Recht beziehen die sich auf "christliche Werte".
Das ist ein zutiefst unchristliches Verhalten, was dieser Verein an den Tag legt.
Ich sehe für ihn keine Existenzberechtigung mehr in unserer Gesellschaft!
Beobachten lassen vom Verfassungsschutz und so schnell wie möglich verbieten!

Nein, ich bin nicht homosexuell! Aber das geht ja nun gar nicht!

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