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27.02.2015

13:30 Uhr

Hongkong

Sechs Jahre Haft wegen Misshandlung von Dienstmädchen

Ein Gericht in Hongkong hat eine Frau zu sechs Jahren Haft verurteilt, weil sie ihr Dienstmädchen gefoltert hatte. Die junge Indonesierin musste Schläge und Schlafentzug erleiden – jetzt fordert sie Gerechtigkeit.

Erwiana Sulistyaningsih (Mitte), Opfer von häuslicher Gewalt in Hongkong: Die Täterin habe „kein Mitleid“ mit ihrem Opfer und anderen Angestellten gezeigt, sagte Richterin. dpa

Missbrauch

Erwiana Sulistyaningsih (Mitte), Opfer von häuslicher Gewalt in Hongkong: Die Täterin habe „kein Mitleid“ mit ihrem Opfer und anderen Angestellten gezeigt, sagte Richterin.

HongkongWegen der Misshandlung eines indonesischen Dienstmädchens ist eine Frau in Hongkong zu sechs Jahren Haft verurteilt worden. Law Wan Tung habe „kein Mitleid“ mit ihrem Opfer und anderen Angestellten gezeigt, sagte Richterin Amanda Woodcock am Freitag bei der Strafmaßverkündung in der chinesischen Sonderverwaltungszone. Zweieinhalb Wochen zuvor war die Arbeitgeberin bereits in 18 von 20 Anklagepunkten schuldig gesprochen worden, darunter Körperverletzung und Einschüchterung.

Die 24-jährige Indonesierin Erwiana Sulistyaningsih hatte ausgesagt, sie sei von ihrer Arbeitgeberin „gefoltert“ worden, etwa durch Schlafentzug und Schläge. Sie habe monatelang von kärglichen Portionen Brot und Reis gelebt und nur vier Stunden täglich schlafen dürfen.

Ihre Arbeitgeberin Law, eine zweifache Mutter, habe sie bis zur Bewusstlosigkeit geschlagen, hatte Sulistyaningsih ausgesagt. Richterin Woodcock stufte die Aussagen des Dienstmädchens als glaubwürdig ein.

Hongkong – eine geteilte Stadt

Warum ist die Stadt so gespalten?

Der öffentliche Aufruhr in der chinesischen Sonderverwaltungszone nimmt seit Jahren stetig zu. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander, wofür unter anderem der Ressourcen-Wettstreit mit dem Festland sowie die horrenden Lebenshaltungskosten und Mieten in Hongkong verantwortlich sind. Die aktuelle Krise geht aber vor allem auf Pekings politische Einmischung in die Belange der Metropolregion zurück – und auf die Weigerung, wirklich freie und demokratische Wahlen zu ermöglichen.

Wo verlaufen die Gräben?

Der amtierende Verwaltungschef Leung Chun Ying und seine Vorgänger wurden von einem Komitee ausgewählt, das der direkten Kontrolle der KP untersteht. Zwar hat Peking der Bevölkerung Hongkongs zugesichert, dass diese ihr neues Stadtoberhaupt 2017 erstmals direkt wählen können. Antreten dürfen sollen aber nur zwei bis drei politisch genehme Kandidaten, die das umstrittene Komitee vorab auswählt. Bürgerrechtler begehren gegen diese "Scheindemokratie" auf, weil sie Bewerber disqualifiziere, die nicht unter Kontrolle der KP stünden.

Wer steht hinter der Demokratiebewegung?

Getrieben wird der Volksaufstand von Abgeordneten, Akademikern, Studenten und gewöhnlichen Bürgern. Besonders aktiv ist die junge Generation: Studenten und Schüler sind die zentrale Triebfeder der Massenproteste und ungleich engagierter als ihre Elterngeneration. Am Sonntag schloss sich das von zwei Akademikern und einem Pastor angeführte Protestbündnis Occupy Central with Love and Peace dem seit einer Woche laufenden Studentenstreik an. Das wiederum motivierte zehntausende Sympathisanten, auf die Straße zu gehen.

Unterstützt jeder in Hongkong Occupy?

Mitnichten. Im August organisierte beispielsweise ein Netzwerk Peking-treuer Kräfte einen Protestmarsch gegen Occupy durch Hongkong, dem sich Zehntausende anschlossen. Das Ausmaß der Gegenbewegung weist aber auf tatsächliche Gräben im Volk hin, das keineswegs geschlossen hinter dem Konfrontationskurs mit Peking steht. Gerade in der Geschäftswelt werden weniger politische Durchgriffsrechte der Zentralregierung auch mit weniger Stabilität gleichgesetzt. Einige Unternehmen schalteten gar Anzeigen in der Lokalpresse, in denen sie vor den Folgen eines Umsturzversuchs warnten, der Hongkongs Status als internationales Handelszentrum gefährden könne.

Was geschieht als nächstes?

Experten halten es für relativ unwahrscheinlich, dass Peking nachgibt. Viel hängt deshalb davon ab, wie viel Durchhaltevermögen Occupy und die Demonstranten haben. Zwar hat es derartige Unruhen in Hongkong seit Jahrzehnten nicht gegeben, und entsprechend unbedarft verhalten sich viele Menschen. Doch das gewaltsame Vorgehen der Polizei hat ihren Widerstandsgeist gestärkt. Die Bereitschaftspolizei wurde als Zeichen des Entgegenkommens bereits abgezogen. Allerdings halten sich hartnäckig Gerüchte, dass Peking die Volksarmee ausrücken lassen könnte, falls die Lage weiter eskaliert.

Nach der Strafmaßverkündung sagte Sulistyaningsih am Freitag, sie sei damit „nicht zufrieden“ und hätte sich eine längere Haft erhofft angesichts dessen, was ihr und anderen Angestellten angetan worden sei. Der verurteilten Law hatten maximal sieben Jahre Haft gedroht.

Richterin Woddcock sagte, Law sehe Dienstboten „als Menschen, die unter ihr stehen“, an. Es sei „bedauerlich, dass dieses Verhalten nicht selten ist“. „Traurigerweise beschäftigt es häufig die Strafgerichte“, sagte Woodcock.

Die Richterin forderte zudem die Änderung eines Gesetzes, dass ausländischen Hausangestellten in Hongkong vorschreibt, bei ihren Arbeitgebern zu wohnen. Auch verlangte sie eine schärfere Kontrolle von Agenturen, die Dienstboten vermittelten.

Protestbewegungen und ihre Namen

China

Demonstranten in Hongkong schützen sich mit Schirmen vor Regen oder Tränengas: Es ist von der „Regenschirm-Revolution“ die Rede. Andere Volksbewegungen mit ungewöhnlichen Namen:

Portugal

In der „Nelken-Revolution“ stürzten 1974 portugiesische Offiziere Diktator Antonio Salazar.

Ungarn

Der Begriff „stille Revolution“ beschrieb den reibungslosen Übergang vom Einparteienstaat zur Demokratie in Ungarn 1989.

Tschechoslowakei

In der „samtenen Revolution“ brachte die tschechoslowakische Bürgerrechtsbewegung 1989 die kommunistische Herrschaft zu Fall.

Georgien

Die friedliche „Rosen-Revolution“ fegte 2003 in Georgien Präsident Eduard Schewardnadse aus dem Amt.

Ukraine

Binden und Fahnen der Oppositionsbewegung gegen Viktor Janukowitsch gaben der „orangenen Revolution“ in der Ukraine 2004 ihren Namen.

Kirgistan

In der mittelasiatischen Republik Kirgistan erzwangen 2005 Massendemonstrationen der „Tulpen-Revolution“ einen Machtwechsel.

Tunesien

Mit der „Jasmin-Revolution“ in Tunesien begann 2010 der Arabische Frühling.

Nachdem Sulistyaningsihs Fall bekannt geworden war, waren viele ausländische Arbeiter in Hongkong auf die Straße gegangen. Gleichzeitig wurden zunehmend schockierende Fälle anderer Hausangestellter aus Asien und dem Nahen Osten publik.

Sulistyaningsih sagte am Freitag, das Urteil in ihrem Fall beweise der Öffentlichkeit, dass es in Hongkong „Sklaverei“ gebe. Sie hoffe, dass nun noch weitere Fälle vor Gericht kämen. Allein mit dem Urteil gegen ihre Arbeitgeberin sei anderen Opfern nicht geholfen.

Von

afp

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