Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

09.08.2011

13:57 Uhr

Hungersnot in Kenia

Mädchen werden verkauft

Der Hunger treibt viele Eltern in Somalia zu Verzweiflungstaten. Viele tauschen ihre jüngsten Töchter gegen Vieh oder Bargeld. Schon Neunjährige werden zwangsverheiratet.

Viele somalische Mädchen werden schon in jungen Jahren zwangsverheiratet. Quelle: dapd

Viele somalische Mädchen werden schon in jungen Jahren zwangsverheiratet.

Habaswein„Es passiert im Dunkeln.“ Zusammengekauert sitzt Fatma Ahmed, die siebenfache Mutter in ihrem Verschlag in Habaswein im Nordosten Kenias. „Es ist ganz normal, aber niemand spricht darüber. Manche müssen ihre Töchter schon in ganz zartem Alter verkaufen, um etwas zu essen zu bekommen.“ Die Folgen der langanhaltenden Dürre im Norden Kenias zwingen immer mehr Familien zu verzweifelten Taten. Zwangsheirat ist zwar durchaus üblich in Kenia, die Hungerkatastrophe jedoch, hat diese Praxis erheblich verstärkt. Offiziell sind Eheschließungen vor dem 18. Lebensjahr verboten, unter den derzeitigen Bedingungen wird das jedoch ignoriert. So wird über das Thema in der Öffentlichkeit nur geflüstert. 

Chronik der Hungersnot

20. Juli

Das UN-Welternährungsprogramm (WFP) ruft für das Horn von Afrika die höchst mögliche Alarmstufe für eine Ernährungskrise aus. 11,3 Millionen Menschen sind demnach von der Hungersnot betroffen. Im Blickpunkt sind neben Somalia auch die Nachbarländer Dschibuti, Äthiopien, Kenia und möglicherweise Eritrea.

22. Juli

Die UN weiten ihre Hilfe für die Hungernden am Horn von Afrika nach eigenen Angaben aus. In der südsomalischen Region Gedo werden 175.000 Menschen mit Nahrungsmitteln versorgt. Auch in die Region Afgoye und in die somalische Hauptstadt Mogadischu werden Hilfsmittel geliefert.

27. Juli

Als erstes Flugzeug einer UN-Luftbrücke landet eine Maschine mit zehn Tonnen Nahrungsergänzungsmitteln an Bord in der somalischen Hauptstadt Mogadischu.

29. Juli

Die Vereinten Nationen fahren mit den Hilfslieferungen inmitten schwerer Kämpfe in Mogadischu fort. Dort liefern sich Soldaten der Afrikanischen Union (AU) und Extremisten der Al-Shabab-Miliz heftige Gefechte, nachdem diese versucht hatten, die Hilfe zu blockieren.

30. Juli

Das Technische Hilfswerk (THW) entsendet ein Erkundungsteam nach Ägypten, das das Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) beraten und Möglichkeiten für eine Unterstützung durch das THW prüfen soll.

 

03. August

Die UN erklären drei weitere Regionen in Somalia zu Zonen des Hungers. 3,2 Millionen Somalier benötigen demnach Soforthilfe zum Überleben, nach US-Angaben sind mehr als 29.000 Kinder an den Folgen von Unterernährung gestorben. Die Hungersnot wird voraussichtlich in den nächsten vier bis sechs Wochen auf alle Regionen Südsomalias übergreifen und bis Dezember anhalten.

04. August

Das politische Chaos in Somalia verschlimmert die Situation der hungernden Bevölkerung immer weiter. Somalische Regierungssoldaten erschießen nach Zeugenaussagen sieben Flüchtlinge, nachdem eine Gruppe von Hungernden über eine Lebensmittellieferung hergefallen war. Die mit Al-Kaida in Verbindung stehende Al-Shabab-Miliz verbietet zudem in ihrem Herrschaftsgebiet die Arbeit aller Hilfsorganisationen mit Ausnahme des Roten Kreuzes und hindert die Menschen an der Flucht.

Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) kündigt an, seine Hilfe für die Dürreregion in Somalia mehr als verdoppeln zu wollen. Die zusätzlichen finanziellen Mittel sollen demnach vor allem Tausenden Kindern zugutekommen, die in der Region unter Hunger und Gewalt leiden.

05. August

Äthiopien eröffnet nach UN-Angaben ein viertes Lager für bis zu 15.000 vor der Hungerkatastrophe in Somalia fliehende Menschen. Derzeit leben die Flüchtlinge in dem völlig überfüllten Transitzentrum Dollo Ado im Osten Äthiopiens.

In vielen Gemeinden, wie hier bei den somalischen Viehzüchtern in Habaswein, versuchen die Familien ihre Töchter immer jünger zu verheiraten, um deren Ehre und Jungfräulichkeit zu gewährleisten. Mädchen, die nicht jung verheiratet sind, gelten als unrein und werden zu einer Belastung für die Familien und die gesamte Gemeinde. „In unserer Kultur heiraten die Mädchen oft schon mit neun Jahren“, erzählt einer der Sozialarbeiter vor Ort. „Wenn sie sich weigern, werden sie von ihren Eltern gezwungen.“ In den Gemeinden der Viehzüchter wurde oft ein hoher Brautpreis in Form von Vieh bezahlt. Aber seit der Dürre verdurstet das Vieh und die Kadaver vergiften das Land und bedecken die Landschaft der Wüste. Jetzt wird der Brautpreis in bar bezahlt. In manchen Fällen für gerade einmal 15.000 Kenianische Schilling (umgerechnet 118 Euro). „Wenn ein Mann reich ist, kann der Preis bis zu 50.000 Schilling (rund 375 Euro) steigen“, sagt Fatma Ahmad. 

Regionalbehörden sehen den Hunger als treibende Kraft hinter dem schwunghaften Handel. „Mütter nehmen ihre 14-jährigen Töchter aus der Schule und verkaufen sie an einen Mann, selbst einen alten Mann, um den Rest der Familie ernähren zu können.“ Nach Informationen der Vereinten Nationen besucht nur noch jedes fünfte Mädchen in den Nordöstlichen Regionen Kenias die Schule. Die Hilfsorganisation Word Vision kann von den insgesamt 3060 unterstützten Kindern aus der Provinz mehr als 400 Mädchen nicht mehr ausfindig machen. Angeblich wurden sie zu Verwandten in anderen Gebieten gebracht, um dort etwa als Putzfrau zu arbeiten. In den meisten Fällen dürften die Mädchen aber zwangsverheiratet worden sein, vermutet Jacob Alemu, Mitarbeiter von World Vision, „damit der Rest der Familien nicht verhungert“.

Die Hungersnot in Ostafrika

Was sind die Ursachen der humanitären Katastrophe?

Es gibt mehrere Gründe für die Verschärfung der Lage in dieser Region. Dazu gehören die lang anhaltende Dürre, der bewaffnete Konflikt und die damit verbundene Vertreibung der Menschen sowie der erschwerte Zugang für Hilfsorganisationen zu den betroffenen Gebieten. Dazu befinden sich die Preise für Lebensmittel wie Getreide auf Rekordhöhe. Beispielsweise stiegen die Preise für rotes Sorghum seit vergangenem Jahr um 240 Prozent.

Wie viele Menschen leiden unter der aktuellen Hungersnot?

Am Horn von Afrika sind über 13 Millionen Menschen von der Dürre betroffen und benötigen Nothilfe. In Kenia soll die Zahl der Hilfebedürftigen bis Mitte August von 1,8 auf 3,2 Millionen steigen. In Somalia sind derzeit 3,7 Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen. Der Großteil von ihnen (2,2 Millionen) befindet sich im Süden des Landes und damit in einer der unzugänglichsten Regionen für Hilfsorganisation wie das Welternährungsprogramm.

Wie viele Flüchtlinge gibt es in der von der Hungersnot betroffenen Region?

Die Gesamtzahl der somalischen Flüchtlinge in den Nachbarländern der Region liegt derzeit bei rund 870.000. Die meisten von ihnen leben dort bereits seit Jahren. Seit Januar 2011 sind aufgrund der Dürre fast 200.000 Somalier in Kenia (125.000) und Äthiopien (77.000) eingetroffen (Stand 31. Juli 2011). Hinzu kommen rund 1,5 Millionen Binnenvertriebene in Somalia selbst. Auch hier hat die Zahl allein in den vergangenen zwei Monaten noch einmal um rund 100.000 zugenommen. Sie suchen Zuflucht in der Hauptstadt in Mogadischu.

Wie viele Flüchtlingslager gibt es und wo befinden sie sich?

Für die somalischen Flüchtlinge in der Region gibt es derzeit vor allem drei Flüchtlingslager bei Dadaab, einer Ortschaft im Osten Kenias. Dort befinden sich mittlerweile rund 400.000 Flüchtlinge. Eines der Lager (IfO) wird derzeit erheblich erweitert. Gleichzeitig hat dort bereits die Unterbringung von Flüchtlingen begonnen. Ein weiteres Lager ist in Planung. In Äthiopien gibt es ebenfalls drei Lager in der Gegend von Dollo Ado im Osten des Landes. Ein weiteres Camp für 60.000 Flüchtlinge ist kurz vor der Fertigstellung. In Somalia selbst leben viele hunderttausend Binnenvertriebene in Lagern.

Seit wann regnet es nicht mehr in den betroffenen Gebieten?

Die jetzige Dürre ist derzeit vor allem auf das Ausbleiben der Regenzeit von Oktober bis Dezember 2010 und das damit verbundene Ausbleiben der Ernte zurückzuführen. Zudem lag 2011 in einigen Regionen im Norden Kenias sowie im Süden Somalias die Niederschlagsmenge rund 30 Prozent unter dem Durchschnitt der vergangenen 15 Jahre.

Was müssen Flüchtlinge tun, um in den Lagern an Essen und Hilfsgüter zu gelangen?

Flüchtlinge erhalten nach ihrer Ankunft eine erste Notunterstützung - Plastikplanen, Wasserkanister, Schlafmatten, Kochutensilien und eine Nahrungsmittelration für 21 Tage. Diese Unterstützung ist unabhängig von ihrer Registrierung durch die einheimischen Behörden und kann gegebenenfalls auch verlängert werden. Mehrere Wochen im Durchschnitt warten derzeit die Neuankömmlinge in den Flüchtlingslagern in Dadaab auf ihre offizielle Registrierung - und damit auch das Armband, mit dem sie die ihnen zustehende Ration an Lebensmitteln abholen können. Nach der Registrierung sind die Flüchtlinge in das allgemeine Versorgungs- und Gesundheitssystem in den Lagern integriert.

Was bekommen die Bedürftigen täglich zum Essen und Trinken?

Um die akute Mangelernährung zu bekämpfen, bekommen Kinder unter fünf Jahren eine Spezialnahrung (Supplementary Plumpy). Dabei handelt es sich um eine dickflüssige Paste zum sofortigen Verzehr. Eine Tagesration enthält 500 Kalorien. An Erwachsene werden je nach Bedarf Wochen- und Monatsrationen verteilt. In Somalia werden zudem sogenannte angereicherte Energie-Kekse (High-energy biscuits) ausgegeben. Außerdem werden auch in Kenia und Äthiopien Mais, Weizen, Reis, Sorghum, Hülsenfrüchte sowie Salz und Zucker verteilt.

Woran mangelt es in den Flüchtlingslagern?

Die Aufnahmekapazitäten müssen dringend erweitert werden. So waren beispielsweise die Lager in Daadab ursprünglich für lediglich 90.000 Menschen vorgesehen, derzeit leben dort über 400.000 Flüchtlinge und täglich kommen über 1.000 hinzu. Die Menschen, in der Mehrheit, Frauen, Kinder und Jugendliche sind vielfach in lebensbedrohlichem Maße unterernährt und müssen entsprechend konzentriert versorgt werden. Die Trinkwasserversorgung ist in dieser Region ebenfalls ein zentrales Problem. In den Daadab-Lagern wird Trinkwasser derzeit aus einer Tiefe von 180 Metern gewonnen. Die Pumpen laufen 18 Stunden am Tag. Neue Trinkwasserreservoirs müssen erschlossen werden. In ausreichendem Maße müssen zudem sanitäre Anlagen gebaut werden, um die Ausbreitung gefährlicher Krankheiten zu verhindern.

Warum können die Machthaber in Somalia die Hungersnot nicht selbst stoppen?

In Teilen Somalias, vor allem im Süden des Landes, aber auch in der Hauptstadt Mogadischu herrscht seit zwei Jahrzehnten ein bewaffneter Konflikt. UN-Hilfsorganisationen können deshalb derzeit in weiten Teilen des Landes nur bedingt oder gar nicht tätig werden.

Wie wird sich die Lage entwickeln?

In den kommenden vier bis sechs Wochen wird eine Ausweitung der Hungersnot auf den gesamten Süden Somalias erwartet, die voraussichtlich bis mindestens Dezember 2011 andauern wird.

Wann wird mit einer spürbaren Verbesserung der Lage gerechnet?

Die kommende Regensaison wird erst im Oktober erwartet. Mit Erträgen wird Ende 2011 und zu Beginn des kommenden Jahres gerechnet.

Von

rtr

Kommentare (1)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

norbert

09.08.2011, 15:19 Uhr

So schlimm es für die Kinder ist - so ein Verhalten ( auf Kosten der Kinder überleben zu wollen ) heiße ich nicht gut und ich werde solche Idioten nicht noch durchfüttern.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×