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19.04.2014

14:42 Uhr

„Hustler“-Abos für US-Politiker

Ein Porno-Partisan und die nackte Wahrheit

Seit über 30 Jahren flattert 535 US-Politikern monatlich kostenlos das Nacktmagazin „Hustler“ ins Büro. Herausgeber Larry Flynt testete damit einst die Meinungsfreiheit – und die Politiker noch immer ihre Praktikanten.

Ein Hustler-Magazin in einem geöffneten Briefumschlag auf einem Schreibtisch in Washington. Hustler-Herausgeber Larry Flint erlaubte sich vor mehr als 30 Jahren einen Scherz. dpa

Ein Hustler-Magazin in einem geöffneten Briefumschlag auf einem Schreibtisch in Washington. Hustler-Herausgeber Larry Flint erlaubte sich vor mehr als 30 Jahren einen Scherz.

WashingtonPorno-Post bekommen 535 Politiker im US-Kongress, und das jeden Monat: Per Hauspost erhalten sie die neueste Ausgabe des Magazins „Hustler“ - es flattert direkt auf den Schreibtisch ihrer Mitarbeiter und Praktikanten. Zwischen Briefen von Wählern, allerlei Einladungen und Angeboten versteckt finden sich dann in einem normalen Briefkuvert nackte Tatsachen und seitenweise barbusige Blondinen.

Doch das Porno-Problem im Washingtoner Kapitol ist keines, das von den ungestillten Lüsten altgedienter Abgeordneter und Senatoren handelt. Viel mehr war es „Hustler“-Herausgeber Larry Flynt, der sich vor mehr als 30 Jahren einen Scherz erlaubte: „Ich entschied mich, dass ich allen Mitgliedern des Kongresses und des Obersten Gerichtshofs und der Exekutive ein gratis „Hustler“-Abonnement schicken würde, damit sie auf dem Laufenden bleiben“, sagte Flynt dem Magazin „The Hill“ im Jahr 2011.

„Wir bekamen eine große Mehrheit in beiden Kammern“, witzelte Flynt - denn lediglich 20 Prozent der Empfänger hätten ihr Abo wieder gekündigt. Andere klagten gegen die ungewollte Porno-Post, jedoch ohne Erfolg. Denn das in der US-Verfassung verankerte Recht auf Redefreiheit schließt auch das Recht mit ein, den Volksvertretern „kontroverse“ oder „unwillkommene“ Ansichten zu präsentieren und so Diskussionen anzustoßen, urteilte ein Washingtoner Gericht 1986.

Es sei auch keine „übermäßige Last“ für die Kongressleute, pro Monat ein „Hustler“-Exemplar zu bekommen, zumal sie die Hefte ja nicht lesen müssten. Außerdem sei nicht vorstellbar, dass die Papierkörbe in ihren Büros nicht ausreichten, um die Pornohefte zu entsorgen. Und so machte der Richter den Weg frei für mehr Nacktfotos auf den Schreibtischen der mächtigsten und wohlhabendsten Politiker der USA. Rund 30 Jahre später liegt die Zahl der Abos immer noch bei 535.

„Es ist ein ekelhafter Missbrauch des Systems“, sagte Chris Cannon im Jahr 2006, als er für die Republikaner im Abgeordnetenhaus saß. „Es ist ein böser, kleiner Trick von einem Mensch ohne Gewissen“, sagte er im Interview mit der „Salt Lake Tribune“. Sein Parteikollege Jim Matheson pflichtete ihm bei: „Es ist beleidigendes Verhalten von Seiten des Verlegers, aber nicht überraschend.“

Unter den Angestellten, die im politischen Zentrum der Macht sitzen, hat sich unterdessen längst ein kleines Spiel entwickelt, um neue Praktikanten zu piesacken. „Ich "vergesse", es den Praktikanten zu sagen und beobachte dann den Blick des Schreckens in ihren Gesichtern, wenn sie es in einem Kongressbüro öffnen“, verriet ein Mitarbeiter laut einem Bericht des „National Journal“ vom Freitag.

Larry Flynt ist sicher, dass man die „stockkonservativen Rednecks“ ein bisschen umerziehen muss. Zu seinem kostenlosen Porno-Versand sagte er: „Moses befreite die Juden, (Abraham) Lincoln die Sklaven, und ich wollte einfach die ganzen Neurotiker befreien.“

Von

dpa

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