Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

04.01.2016

15:55 Uhr

IC 2203 der Bahn nach Köln

Pannenzug kommt mit 22 Stunden Verspätung an

Blitzeis in Norddeutschland hat die Rückfahrt zahlreicher Bahn-Reisender durcheinandergebracht – um einen ganzen Tag. Über 22 Stunden Verspätung kamen zusammen. Fazit eines Reisenden: „Es war eine richtige Odyssee.“

Das Winterwetter hatte mit Blitzeis eine Weiterfahrt des Intercity verhindert. dpa

Gestoppter IC

Das Winterwetter hatte mit Blitzeis eine Weiterfahrt des Intercity verhindert.

Emden/NordenFür mehrere Hundert Menschen wird eine Bahnfahrt aus Norddeutschland in Richtung Köln zum aufreibenden Chaostrip. Blitzeis und eine defekte Weiche bringen den Fahrplan durcheinander, am Ende hat der IC aus Norddeich mehr als 20 Stunden Verspätung. Statt aus dem Silvesterurlaub an der Nordseeküste erholt nach Hause gebracht zu werden, müssen Reisende die eiskalte Nacht im IC 2203 verbringen. Einige schlafen auf Feldbetten in einer Wartehalle. Helfer des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) versorgen sie mit Decken und Essen.

„Zugreisende teilen sich zu zweit oder zu dritt eine Pritsche im Abteil“, twittert unter anderem Thorsten Schatz, ein Berliner Lokalpolitiker der CDU, der ebenfalls im Zug festhängt. „Dank kuscheliger DRK-Decken ist es zumindest nicht kalt.“ Vereiste Oberleitungen zwingen den ohnehin drei Stunden zu spät gestarteten IC aus Norddeich Mole auf einem Feld vor Emden zum Stehen. Nichts geht mehr, stundenlang.

Die Ärgernisse bei der Deutschen Bahn

Pünktlichkeit

Jeder vierte Fernzug fährt heute mindestens sechs Minuten zu spät in den Bahnhof und ist damit nach Konzerndefinition verspätet. 2016 soll die Quote der pünktlichen Züge von 74 auf 80 Prozent steigen, langfristig auf 85 Prozent - was einen Kraftakt erfordert. 30 000 von 70 000 Weichen sollen Sensoren erhalten, die vor Störungen warnen - denn diese sind oft für Verspätungen verantwortlich. Störungen sind häufig auch die Ursache, wenn Züge in umgekehrter Wagenreihung ankommen - wenn sie umgeleitet werden und aus anderer Richtung in die Bahnhöfe kommen.

Verschwindende Züge

Jeder Kunde kennt das: Kommt sein Zug zu spät und ein anderer fährt vorher auf dem Gleis ein, verschwindet der eigene Zug von der Anzeigetafel. Gibt es dann einen Gleiswechsel und Bremslärm übertönt die Durchsage, wartet man vielleicht sogar vergeblich. Lösung: Die Tafeln sollen die nächsten drei Züge anzeigen. 10 000 Anzeigetafeln sollen dafür im nächsten Jahr umprogrammiert werden. Grubes Ziel: „Die größten Ärgernisse über falsche und verspätete Informationen werden 2016 abgestellt.“

Gesperrte Toiletten

Auch das gibt es immer wieder: Das Wasser geht aus, Bordtoiletten müssen gesperrt werden. Hier soll die Instandhaltung besser werden. Noch geht morgens jeder zweite Fernzug mit einem Mangel ins Netz, die Toiletten sind nur ein Beispiel. Ein mobiler Service soll dafür sorgen, dass die Zugflotte immer zu 100 Prozent intakt ist.

Service im Zug

Die Zugbegleiter sollen sich wieder mehr um die Kunden kümmern. Zusatzaufgaben, wie Fahrgäste zu zählen, fallen weg. Dafür gibt es Überlegungen für eine Art Am-Platz-Service in der zweiten Klasse, wie die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (Mittwoch) berichtet. So etwas gibt es bisher nur in der ersten, wo etwa Speisen und Getränke gebracht werden. Die harte Fernverkehrswettbewerb mit Billigfliegern und Fernbussen hat die Bahn gelehrt, dass sie an der Qualität arbeiten muss. Grube hofft auf „Leistung, die begeistert“.

WLan

Seit einem Jahr ist der drahtlose Internetzugang in der ersten Klasse des ICE inklusive, die zweite Klasse soll möglichst noch nächstes Jahr folgen. Bis zum Sommer dauert es aber mindestens noch, bis die Technik in den Zügen ist. Zudem soll es WLAN im ganzen Zug nur geben, wenn es für alle Passagiere in guter Qualität verfügbar ist.

Preissystem

Vielen Kunden halten es für schwer zu durchschauen, gar willkürlich, wie jetzt eine Umfrage ergab. Nur noch jeder zehnte Reisende zahlt nach Bahnangaben den Normalpreis ohne Rabatt. Der neue Personenverkehrschef Berthold Huber geht verstärkt mit 19-Euro-Tickets ins Rennen mit der Konkurrenz auf der Straße und in der Luft, macht die Bahn damit billiger. Eine „Riesen-Preisreform“ hat er jedoch ausgeschlossen. In der Konzernzentrale erinnert man noch sich gut an das Jahr 2002, als man ein neues Preissystem nach einem halben Jahr zurücknehmen musste.

Die Bilanz...

...ist eine der größten Baustellen. In diesem Jahr wird es wohl erstmals nach über einem Jahrzehnt tiefrote Zahlen geben. Mehr Qualität soll mehr Kunden und dann auch wieder mehr Erfolg bringen, so der Dreiklang für Grubes Umbaupläne. Bis dahin kostet der Umbau erstmal Geld, 700 Millionen Euro in diesem Jahr. Zudem werden 1,3 Milliarden Euro bei der Gütersparte abgeschrieben, was zusammen mit einer Dividenden-Zahlung an den Bund das Ergebnis um mehr als eine Milliarde Euro ins Minus drückt - trotz eines Rekordumsatzes von gut 40 Milliarden Euro und eines Gewinns (Ebit) von voraussichtlich 1,75 Milliarden Euro im laufenden Geschäft.

Am Sonntagabend wird der gestrandete IC von einer Ersatzlokomotive zum kleinen Bahnhof Marienhafe gebracht. Wegen der Straßenglätte sehen sich Busunternehmer oder Taxis nach Bahnangaben nicht in der Lage, die festsitzenden Menschen aus dem Zug abzuholen. Die Bahn wird also zurück nach Norddeich geschleppt – die Fahrgäste verbringen die Nacht im Zug oder in der Wartehalle einer Fährgesellschaft.

„Die Stimmung war die ganze Zeit gut, die Heizung lief ja im Zug und man hat sich gegenseitig geholfen“, erinnert sich Thorsten Schatz am Morgen danach. Leider habe die Bahn aber nicht darüber informiert, ob man zum Beispiel ein Hotelzimmer nehmen könne. Die Stimmung sei schließlich gekippt, als sich die Fahrt am Morgen erneut verzögerte, sagt Fahrgast Maximilian Mühlens, der Silvester auf Norderney gefeiert hatte. „Hier ist es spiegelglatt. Aber in Russland fahren die Züge ja auch“, sagt der Student aus Bonn. „Warum das bei der Bahn nicht klappt, ist mir ein Rätsel.“ Mühlens zufolge waren etwa 600 Fahrgäste an Bord, darunter rund 30 Kinder.

Der Fahrgastverband Pro Bahn forderte am Montag mehr Reservezüge im Winter. Im Fall des blockierten IC habe die Bahn allerdings richtig gehandelt, indem der Zug nach Norddeich zurückgeschleppt wurde, um die Reisenden dort gut versorgen zu können, sagte Pro-Bahn-Sprecher Karl-Peter Naumann.

Schuld für die Eisschicht auf der Oberleitung soll nach Angaben eines DB-Sprechers starker Eisregen sein. Der elektrische Zug kann nicht mehr weiter, fürs Erste also Endstation. In einer so massiven Form sei das Problem selten, sagt der Sprecher. Normalerweise schrubbten die Züge mit ihren Stromabnehmern Eis und Schnee von der Oberleitung ab. Heizen ließen sich die Leitungen nicht.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf "Zum Home-Bildschirm"

Auf tippen, dann "Zum Startbildschirm hinzu".

×