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09.06.2015

17:23 Uhr

Ingeborg Syllm-Rapoport

102-Jährige hat Doktortitel doch noch bekommen

Mit 102 Jahren hat die Medizinerin Ingeborg Syllm-Rapoport ihre Promotionsurkunde entgegengenommen. Die Kinderärztin hatte schon 1938 ihre Doktorarbeit geschrieben und eingereicht. Doch Nazis untersagten ihr die Prüfung.

Nazis untersagten Prüfung

Mit 77 Jahren Verspätung: 102-Jährige erhält Doktorwürde

Nazis untersagten Prüfung: Mit 77 Jahren Verspätung: 102-Jährige erhält Doktorwürde

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HamburgSpäte Wiedergutmachung und harte Prüfung: 1938 hatten die Nazi-Behörden der damals 25-jährigen Doktorandin Ingeborg Syllm-Rapoport nicht erlaubt, ihre schriftliche Arbeit über die Krankheit Diphtherie zu verteidigen. Grund war ihre jüdische Herkunft. 77 Jahre später, nach einer großen Karriere als Kinderärztin in den USA und Medizinprofessorin in Ost-Berlin, kann sie die mündliche Prüfung nachholen. Bei einer Feierstunde im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) nimmt sie am Dienstag ihre Doktorurkunde entgegen.

„Für Wiedergutmachung und Gerechtigkeit ist es nie zu spät“, sagt Hamburgs Wissenschaftssenatorin Katharina Fegebank (Grüne) und lobt die „wunderbare Geste“ des Uni-Klinikums. Eine Jazz-Kapelle spielt „What a Wonderful World“. Es gibt Blumen und viel Applaus für die frischgebackene Doktorin, der ihr wahres Alter nicht anzusehen ist.

Die Verleihung des Doktortitels ist aber weit mehr als eine Geste, wie der Dekan der Medizinischen Fakultät, Prof. Uwe Koch-Gromus, deutlich macht. Syllm-Rapoport bekommt keinen Ehrendoktorhut. Die mündliche Prüfung fand nach der aktuellen Promotionsordnung statt. Das Thema lautete: „Der Einfluss von Adrenalin, Pilocarpin, Calcium, Kalium und Barium auf den überlebenden Meerschweinchen-Dünndarm bei normalen und diphtheriekranken Tieren“.

Der Doktorvater ist voll des Lobes. Die wahrscheinlich älteste Doktorandin der Welt hat sich seiner Meinung nach in der mündlichen Prüfung ungewöhnlich kritisch mit ihrem eigenen Werk auseinandergesetzt. „Man kann sagen: Sie ließ nichts übrig davon.“ Zum Schluss habe sie einen neuen theoretischen Ansatz zur Erforschung der Diphtherie vorgeschlagen. „Meine beiden Beisitzer, hochdekorierte Naturwissenschaftler, waren mehr als beeindruckt“, berichtet Koch-Gromus und gibt ihr zur Verleihung der Urkunde mit der Note „summa cum laude“ nach alter universitärer Tradition einen Kuss.

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