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07.08.2015

10:04 Uhr

Interview mit Bernd Loppow

„Jeder halbwegs ökonomisch gebildete Mensch hätte die Situation erkennen können“

VonMarvin Schade
Quelle:Meedia.de

Bernd Loppow absolvierte 1983 ein Praktikum im griechischen Landwirtschaftsministerium. Für die „Zeit“ schrieb er im Anschluss eine Problem-Analyse. Fast 30 Jahre später, ist diese wieder hochaktuell.

Damals Praktikant im Landwirtschaftsministerium, heute beim Zeit-Verlag: Bernd Loppow. Meedia.de

Bernd Loppow

Damals Praktikant im Landwirtschaftsministerium, heute beim Zeit-Verlag: Bernd Loppow.

Sie waren in den 80er Jahren Praktikant im griechischen Landwirtschaftsministerium. Was für ein Land haben Sie erlebt?
Ich habe 1983 ein vierwöchiges Praktikum unter Minister Costas Simitis gemacht, der später auch Ministerpräsident geworden ist. Ich habe mich verwundert gefragt, wo die ganzen Beamten sind. Mit der Zeit bekam man mit, dass der eine nebenbei Taxi fuhr, der andere einen Kiosk betrieb. Griechenland ist ein Land mit liebenswerten Menschen. Damals wie heute ist es aber üblich, dass die Politiker Wahlgeschenke in Form von Jobs verteilen. Deshalb ist der öffentliche Dienst total überbesetzt. Es gab und gibt Beamtengehälter scheinbar ohne Anwesenheitspflicht. In Griechenland steht der Familienverbund noch immer an erster Stelle. Der Staat wird bis heute von Politikern und Bürgern eher als Selbstbedienungsladen verstanden.

Wie wurde das möglich?
Die Griechen haben seit dem EG-Beitritt 1981 von Milliardentransfers aus Brüssel und von internationalen Geldern profitiert. Es gab kaum Strukturen, die das Land hätten wettbewerbsfähig machen können. Bereits damals schrieb ich, wie selbst typisch-griechische Produkte wie Ziegenkäse importiert wurden. Innovationen und Investitionen wurden vernachlässigt, die Gelder flossen in den Konsum und teure Importprodukte. Die Integration in die Europäische Gemeinschaft kam zu früh. Das Land war darauf nicht vorbereitet.

Das griechische Schuldendrama von A bis M

A wie Austerität

Das Schlagwort der Krise. Umschreibt die Sparpolitik, um Haushaltsexzessen Einhalt zu gebieten. Weiteres Kürzen stürze die Menschen ins Elend und würge die Konjunktur ab, klagt Tsipras und steht damit nicht allein. Haushaltsdisziplin sei wichtig, um die Krise überwinden können, sagen Befürworter. Vor allem Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) werfen Kritiker vor, für einen übertriebenen Sparkurs in Europa einzutreten.

B wie Bargeld

Äußerst knapp in Griechenland. Seit Ende Juni dürfen die Griechen an Bankautomaten nur noch täglich bis zu 60 Euro abheben. Weil viele aus Angst vor der Staatspleite ihre Konten leerräumten, droht den Banken das Geld auszugehen.

D wie Draghi

Mario Draghi, mächtiger Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), die über die Stabilität des Euro wacht. Draghi spielt eine Schlüsselrolle im Griechenland-Drama. Wenn die EZB den Geldhahn zudreht, weil es zu keiner Lösung kommt, stehen die Banken vor dem Aus; Griechenland dürfte dann endgültig zahlungsunfähig sein.

E wie Eurogruppe

Die Versammlung der Finanzminister aus den 19 Euroländern stieg in der Finanz- und Wirtschaftskrise zum weltweit beachteten Entscheidungsgremium auf. Sie hebt oder senkt den Daumen über Milliarden-Hilfsprogramme für die Euro-Krisenländer.

F wie Finanzmärkte

Verlieren Anleger das Vertrauen, dass Schulden überhaupt noch zurückgezahlt werden, dann können sich Staaten nur noch zu extrem hohen Zinsen finanzieren. Das wird sehr teuer. Diese Geldquelle bleibt Griechenland schon seit langem versagt.

G wie Grexit

Kunstwort bestehend aus „Greece“ (Griechenland) und dem englischen Wort „exit“ (Ausstieg). Der Ausstieg aus dem Euro - gewollt oder durch versehentliches Hinausschlittern - wurde zuletzt im Griechenland-Fall angesichts der drohenden Staatspleite von vielen nicht mehr ausgeschlossen.

I wie IWF

Der Internationale Währungsfonds mit Christine Lagarde als mächtiger Chefin ist einer der gewichtigen Kreditgeber Athens. Lagarde drängt die Eurogruppe, einer Umschuldung zuzustimmen.

J wie Jugendarbeitslosigkeit

Besonders dramatisch sind die Zukunftsaussichten der jungen Leute. Bei einer Jugendarbeitslosigkeit von über 50 Prozent in Griechenland haben die meisten kaum Hoffnungen, einen Job zu finden.

L wie Lissabon-Vertrag

Der Lissabon-Vertrag verbietet im Artikel 125, dass ein EU-Staat einen anderen Staat „herauskaufen“ kann („No-Bailout-Klausel“). Darauf berufen sich auch Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU).

M wie Merkel

Bundeskanzlerin Merkel wird als oberste Krisenmanagerin in Europa angesehen. Sie beharrt darauf: Milliardenhilfen gebe es nur gegen Reformen und Sparprogramme. Ihr und Schäuble wird von Kritikern ein überzogener Sparkurs vorgeworfen.Bundeskanzlerin Merkel wird als oberste Krisenmanagerin in Europa angesehen. Sie beharrt darauf: Milliardenhilfen gebe es nur gegen Reformen und Sparprogramme. Ihr und Schäuble wird von Kritikern ein überzogener Sparkurs vorgeworfen.

Sahen die Griechen das auch so?
Eher nicht und dann zu spät. Selbstverständlich waren die Griechen stolz darauf, Teil der europäischen Völkergemeinschaft geworden zu sein, zumal in Griechenland die Demokratie erfunden wurde. Deshalb war die Aufnahme in die EG eine politische Entscheidung. Jeder halbwegs ökonomisch gebildete Mensch hätte damals erkennen können, wie die Situation war.

Wieso hat niemand rechtzeitig eingegriffen?
Es hat ja lange Zeit funktioniert, zumindest bis zur Banken- und Finanzkrise. Während der Krise gab es dann noch mehr sehr billiges Geld, das die Griechen dankbar angenommen haben. Es wurde aber neben dem Schuldendienst – wie schon damals – für den Konsum ausgegeben, nicht für Investitionen und Strukturverbesserungen.

Sind die Griechen naiv?
Die Griechen waren nicht naiv und sind es bis heute nicht. Sie haben über Jahrhunderte den Handel auf dem Mittelmeer mitbestimmt und waren 500 Jahre unter türkischer Herrschaft. Das Land ist nun einmal anders organisiert als wir es in Deutschland kennen. Bis heute ist es vielfach üblich, die zu zahlenden Steuern mit dem Steuerbeamten auszuhandeln, der einmal im Jahr vorbeikommt. Die griechischen Reeder sind bis heute von der Steuer befreit.

Kommentare (11)

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Account gelöscht!

07.08.2015, 11:41 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

Herr C. Falk

07.08.2015, 12:15 Uhr

Der Euro zwingt Griechenland zu Strukturreformen, die nicht nur Reformen sind sondern einen tiefen Einschnitt in griechische Mentalitäten und Verhaltensweisen erfordern, die über Jahrhunderte gewachsen sind.

So weit so gut oder nicht gut.
Dieser Zwang zur Verhaltensänderung kann vergleichbar sein, als nötigte man einen
strenggläubigen Katholiken dazu Protestant zu werden mit calvinistischer Geschäftsethik und entsprechenden Glaubensvorstellungen.

Ob das funktioniert oder gut geht?

Ich glaube eher nicht.

Herr Martin Zuehlke

07.08.2015, 12:31 Uhr

Oh man Hofmann M. schon wieder... BBBUUUUHHHH
Ihre Kommentare sind sowas von eintönig und nichtssagend! Haben sie die entsprechenden Satzbausteine schon auf ihrem Rechner abgespeichert?! Völlig inhaltslos und realitätsfremd ihr Kommentar. Aber vor allem, er hat rein gar nichts, aber auch rein gar nichts mit dem Artikel zu tun!

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