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25.08.2011

10:32 Uhr

Interview mit Charlotte Roche

„Vielleicht kann man von den Männern viel lernen“

Zwei Wochen nach Erscheinen ihres neuen Buchs „Schoßgebete“ fühlt sich Charlotte Roche mehr verstanden als beim Erstlingswerk „Feuchtgebiete“. Im Interview spricht sie über den Schlampenvorwurf und Alice Schwarzer.

Charlotte Roche dpa

Charlotte Roche

Was hat Ihre Therapeutin zu dem Buch gesagt, hat sie es gelesen?

Charlotte Roche: Noch nicht, wir haben gerade Sommerpause. Man weiß noch nicht mal, wo die Therapeutin Urlaub macht oder ob sie überhaupt etwas mitgekriegt hat. In einer Psychoanalyse soll man ja nicht viel über seine Therapeutin wissen, sie hält sich sehr bedeckt.

Sie haben vorher nicht über den Unfall geredet, bei dem Ihre drei Brüder ums Leben kamen. Jetzt reden Sie sehr viel darüber. Haben Sie manchmal das Gefühl, Sie geben zu viel preis?

Ich finde die Boulevardpresse extrem ekelhaft, wenn sie einen Tag nach so etwas so einen Druck aufbaut, weil sie die Ersten sein wollen. Jetzt ist es zehn Jahre danach. Und wenn man meinen Namen googelt, kommt immer der Unfall als allererstes. Ich spreche über etwas, was jeder weiß und worüber sowieso jeder redet. Jetzt kommt es einmal aus meinem Mund, in einen Roman gebettet. Irgendwie ist das befreiend.

Was sagen Sie zu dem Vorwurf, Sie stellten das Unglück der Familie zur Schau?

Das ist für mich nicht so. Es ist so absurd, Bücher zu schreiben und diese Geschichte wegzulassen. Das war schon beim ersten Buch so, dass ich unbedingt den Unfall einbinden wollte. Ich habe es aber nicht geschafft. Das ist jetzt auch vier Jahre her, ein riesiger Unterschied im Verarbeiten. Mir tut das Schreiben an sich, ganz alleine mit dem Computer, unglaublich gut. Dann bin ich so glücklich wie sonst nie im Leben.

Alice Schwarzer hat Ihr Buch eine „verruchte Heimatschnulze“ genannt. Verstehen Sie, was sie damit meint?

Leider nicht. Ich lese die Kritiken nicht, wie auch beim letzten Buch. Weder die guten noch die schlechten. Ich versuche, so freigeistig wie möglich zu bleiben. Wenn ich Kritiken mitdenke, kann ich nicht gut schreiben. Ich lese auch keine offenen Briefe von Alice Schwarzer. Das mit der „Heimatschnulze“ ist mir unverständlich. Ich würde nie zu jungen Frauen sagen, was Elizabeth in dem Roman macht, sollten wir alle nachmachen. Ich hoffe, das wird klar. Ich schreibe ja nicht einen Roman als feministisches Manifest. Ich als Charlotte Roche bin viel feministischer als die Elizabeth in meinem Buch. Die ist teilweise schon eine ganz schön arme Wurst.

Warum muss Alice Schwarzer überhaupt in Ihrem Buch vorkommen, es heißt ja, für viele jüngere Frauen spiele sie keine große Rolle mehr?

Ich glaube, das liegt daran, dass sie nicht abdankt und jahrzehntelang die feministische Diskussion in Deutschland bestimmt hat. Ich finde, es ist Zeit für neue, jüngere Feministinnen, aber die werden immer weggebissen von unserer Spitze.

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