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05.01.2007

17:00 Uhr

Jahr der Geisteswissenschaften

Ethik für Ingenieure

VonRegina Krieger

Geisteswissenschaften leiden in Deutschland unter Ansehensverlust und Selbstmitleid - so lautet die Diagnose eines 315-seitigen Berichts des Wissenschaftsrates. Nach Einstein-Jubiläum und Informatik kommt 2007 das "Jahr der Geisteswissenschaften". Und damit eine Gelegenheit zur Selbstdarstellung für die Forscher im Elfenbeinturm.

"Orientierungsfaktor im Leben moderner Kulturen" nennt Bundesforschungsministerin Annette Schaven Geisteswissenschaften .

"Orientierungsfaktor im Leben moderner Kulturen" nennt Bundesforschungsministerin Annette Schaven Geisteswissenschaften .

DÜSSELDORF. Die 100 angehenden Ingenieure sind fasziniert. An der Wand des Hörsaals leuchtet keine Konstruktionszeichnung, sondern die Kuppel des Florentiner Doms. "Brunelleschi erfand 1420 etwas Neues: Er baute ohne Holzgerüst eine achteckige Doppelschale aus Backstein, die sich selbst trägt", sagt Margarete Jarchow. Sie beschreibt in ihrer Vorlesung "Renaissance" die Tragweite der Epoche, in der der Individualismus aufkam, in der Künstler und Gelehrte wie Leonardo da Vinci die Grenzen des bisher Gekannten sprengten.

Die Professorin ist eine Exotin in der Hochschullandschaft. Sie unterrichtet Geisteswissenschaften an der Technischen Universität Hamburg-Harburg. "Wir setzen die Prinzipien des Bologna-Prozesses durch, denn wir verhelfen zu einer fächerübergreifenden Hochschulausbildung, die Mobilität und internationale Wettbewerbsfähigkeit fördert", sagt die Kunsthistorikerin. Die Vorteile liegen für sie auf der Hand: Ingenieure und Techniker, die an der Uni kulturelle und soziale Kompetenz erworben haben, die sich mit Philosophie und Ethik beschäftigen und Wissenschafts- und Technologiegeschichte studieren, stärken nicht nur ihre Kommunikationsfähigkeit. Sie haben auch als Führungskräfte bessere Chancen.

Es gehe nicht ohne Geisteswissenschaften, denn sie seien "Orientierungsfaktor im Leben moderner Kulturen" und "Langzeitgedächtnis der Gesellschaft", wie es Bundesforschungsministerin Annette Schavan formuliert. "Es ist ein Irrtum zu glauben, dass die Zukunft ausschließlich auf naturwissenschaftlichen Erkenntnissen beruht", sagt der Soziologe Ralf Dahrendorf. Die in Hamburg-Harburg und an anderen TUs in Deutschland praktizierte Kombination technisch-naturwissenschaftlicher Ausbildung und geisteswissenschaftlicher Vertiefung fördert dazu noch das "interdisziplinäre Gespräch", das sich die Ministerin wünscht.

Doch anno 2006 sind Geisteswissenschaften made in Germany zwar international hoch angesehen, leiden in Deutschland aber unter Ansehensverlust und Selbstmitleid - so lautet die Diagnose eines 315-seitigen Berichts des Wissenschaftsrates.Dazu kommt eine schlechte Ausstattung: Statistisch gesehen betreut ein Hochschullehrer 94 Studenten der Geisteswissenschaften. Bei der Exzellenz-Initiative ging nur eines von 17 bewilligten Exzellenz-Clustern an ein geisteswissenschaftliches Forschungsprojekt, an die Universität Konstanz für "Kulturelle Grundlagen von Integration".

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