Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

24.03.2011

07:47 Uhr

Japan

Fukushima-Arbeiter gefährlich verstrahlt

Eine Frau kocht mit Mineralwasser. Quelle: dapd

Eine Frau kocht mit Mineralwasser.

Tokio/BerlinZwei Arbeiter mussten ins Krankenhaus. In Tokio wird Wasser in Flaschen knapp.

Drei Arbeiter in dem havarierten Atomkraftwerk in Fukushima haben eine außerordentlich hohe Strahlendosis abbekommen. Sie seien 170 bis 180 Milisievert ausgesetzt gewesen, sagte Hidehiko Nishiyama von der japanischen Atomsicherheitsbehörde (NISA) am Donnerstganachmittag (Ortszeit). Zwei von ihnen seien mit Verbrennungen an den Beinen ins Krankenhaus gebracht worden. Sie hatten an Reaktor 1 gearbeitet. Für die
Arbeiter in den Reaktorblöcken war zuvor ein maximaler Strahlengrenzwert von 150 Millisievert festgelegt worden.

In einer Nachbarregion zu Tokio ist das Trinkwasser verstrahlt. In einer Wasseraufbereitungsanlage in Kawaguchi seien erhöhte Werte festgestellt worden, meldet die Nachrichtenagentur Kyodo. Demnach überschreitet die Strahlung mit 120 Becquerel an radioaktivem Jod leicht die für Säuglinge erlassenen Grenzwerte. In Tokio wurden am Mittwoch im Wasser 210 Becquerel festgestellt. Die Behörden riefen dazu auf, Leitungswasser nicht mehr für Babys zu benutzen.

Nach Australien setzt auch Singapur die Einfuhr von Milch und Fleisch aus dem Gebiet der japanischen Unkglücksreaktoren aus. Zudem dürfen Obst, Gemüse und Meeresfrüchte aus der Region nicht mehr importiert werden, wie die Lebensmittelaufsicht mitteilt

Die riskanten Arbeiten zur Sicherung der defekten Reaktorblöcke müssen immer wieder unterbrochen werden, weil Rauch aufsteigt oder die radioaktive Strahlung zu hoch wird. „Nach gegenwärtiger Lage dürfen wir nicht zu optimistisch sein“, sagte Regierungssprecher Yukio Edano am Donnerstag auf einer Pressekonferenz in Tokio.

Nach halbtägiger Unterbrechung wegen schwarzen Rauchs konnten die Einsatzkräfte ihre Vorbereitungen zur Instandsetzung des Pump- und Kühlsystems im Reaktorblock 3 am Donnerstag fortsetzen. Im Kontrollraum von Block 1 konnte die Beleuchtung instand gesetzt werden, wie die Nachrichtenagentur Kyodo meldete.

Fernsehbilder zeigten am Donnerstagmorgen, wie weißer Dampf über den Reaktorblöcken 1, 2 und 4 aufstieg. Es sei das erste Mal, dass dies auch bei Block 1 beobachtet werde, berichtete der Sender NHK. In diesem Reaktor kam es am 12. März - einen Tag nach der Erdbeben- und Tsunami-Katastrophe - zu einer Wasserstoffexplosion, bei der das Reaktorgebäude erheblich beschädigt wurde.

Der Dampf über Reaktorblock 4 deutet auf eine Überhitzung des Abklingbeckens für abgebrannte Kernbrennstäbe hin; dieser Reaktor war bereits vor dem Erdbeben zu Wartungszwecken abgeschaltet worden. Gleichwohl kam es dort am 15. März zu einer Explosion und einem Brand. Zum Austritt von Dampf sagte Regierungssprecher Yukio Edano nach den Worten der Dolmetscherin des Fernsehsenders NHK: „Das ist nur natürlich.“

Unterdessen traten auch Probleme in dem ansonsten unkritischen Reaktorblock 5 auf. Das Pumpsystem des Reaktors sei defekt, so dass die Kühlung ausgefallen sei, sagte Hidehiko Nishiyama von der japanischen Atomsicherheitsbehörde (NISA) am Donnerstag auf einer Pressekonferenz. Die Situation sei momentan stabil, es müsse aber mit steigenden Temperaturen sowohl im Reaktor als auch im Abklingbecken für abgebrannte Kernbrennstäbe gerechnet werden. Es sei geplant, die Pumpe möglichst bald zu reparieren. Die Hitzeentwicklung macht nach Behördenangaben die weitere Kühlung mit Meerwasser von außen erforderlich. An Block 2 habe dieser Einsatz bereits begonnen, sagte Nishiyama.

Erst wenn das Pumpsystem der Reaktorblöcke wieder ans Stromnetz angeschlossen ist, kann die reguläre Kühlung mit Süßwasser über die in den Reaktorkern führende Hauptkühlleitung aufgenommen werden. In den USA warnte der ehemalige Reaktorsicherheitschef des Konzerns General Electric, dass sich bei der Kühlung mit Meerwasser große Mengen Salz ansammelten. Dies könne die Brennstäbe verkrusten und damit die Wasserkühlung blockieren, sagte Richard Lahey der Zeitung „New York Times“.

Lahey schätzte, dass sich im Reaktorblock 1 etwa 26 Tonnen Salz angesammelt haben könnten, in den größeren Blöcken 2 und 3 sogar jeweils 45 Tonnen. General Electric hat das grundlegende Design der Siedewasserreaktoren in Fukushima entwickelt.

Nach der Warnung gibt es in den Geschäften in Tokio kaum noch in Flaschen abgefülltes Wasser. Die Stadtverwaltung von Tokio kündigte an, abgefülltes Wasser für Familien mit Kindern unter zwölf Monaten bereitzustellen. Rund 80 000 Haushalte sollen mit Wasser in 3,5 Liter-Flaschen versorgt werden, wie der Fernsehsender NHK berichtete. Die Behörden riefen Mineralwasser-Abfüllunternehmen dazu auf, ihre Produktion hochzufahren.

Das Erdbeben und der Tsunami am 11. März 2011 mit mindestens 23.000 Toten und Vermissten haben nach Schätzungen der japanischen Regierung bislang Schäden von umgerechnet bis zu 220 Milliarden Euro verursacht. Darin sind etwa Zerstörungen von Straßen, Wohnungen oder Fabriken eingerechnet, nicht aber Folgeschäden wie die Stromausfälle oder die Atomkatastrophe. Damit ist die Katastrophe deutlich teurer als das Beben in der japanischen Großstadt Kobe 1995 oder der Wirbelsturm Katrina im Jahr 2005 an der Küste des Golfes von Mexiko.

Die wirtschaftlichen Auswirkungen des Bebens sind in der ganzen Welt spürbar. So stellen sich die Rückversicherer Münchener Rück und Hannover Rück auf hohe Belastungen ein. Peugeot fuhr die Produktion in einigen europäischen Fabriken zurück.

 

Kommentare (2)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

CrisisMaven

23.03.2011, 21:39 Uhr

Ich habe versucht, das gesamte Ausmass der Japan-Atomkatastrophe und was sie fuer Europa bedeutet hier uebersichtlich zusammenzufassen:
http://www.dasgelbeforum.de.org/forum_entry.php?id=208864
Dort auch Hinweise zum Umgang mit radioaktiv verseuchtem Wasser.

CrisisMaven

25.03.2011, 00:28 Uhr

Diese Katastrophe ist noch lange nicht ausgestanden, den fruehen direkt zurechenbaren Opfern werden sich bald Spaetschaeden zugesellen, von denen sich wieder trefflich behaupten lassen wird, "sie koennten auch andere Ursachen haben".
Ich habe mal versucht, das gesamte Ausmass der Japan-Atomkatastrophe und was sie fuer Europa bedeutet hier uebersichtlich zusammenzufassen:
http://www.dasgelbeforum.de.org/forum_entry.php?id=208864
Dort auch Hinweise zum Umgang mit radioaktiv verseuchtem Wasser.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×