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13.02.2014

16:30 Uhr

Kachelmann sagt Sendung ab

„Fuck the ARD“

VonDésirée Linde

Die Rache des Wettermanns: Der SWR wollte Jörg Kachelmann zum Thema „Gesellschaftsspiel Klatsch“ einladen. Der reagiert in einem Brief mit einer bitteren, zynischen Generalabrechnung mit der ARD.

Tritt schriftlich nach: Wettermoderator Jörg Kachelmann. dpa

Tritt schriftlich nach: Wettermoderator Jörg Kachelmann.

DüsseldorfJörg Kachelmann rechnet ab, er tritt nach – und er hält den Medien den Spiegel vor. Jetzt ist die ARD dran. Die, genauer gesagt der Südwestrundfunk, wollte den Wettermoderator gern zu der Gesprächsrunde „Nachtcafé“ im SWR-Fernsehen einladen. Arbeitstitel: „Gesellschaftsspiel Klatsch“. Aufzeichnungstermin: 13. März auf Schloss Favorite in Ludwigsburg bei Stuttgart.

Kachelmann sollte in der Sendung, so hatte sich das die „Nachtcafé“-Redaktion vorgestellt, unter anderem darüber sprechen, „wie sich Menschen fühlen, die in der Öffentlichkeit stehen und bei jedem Schritt medial begleitet werden“ und Fragen diskutieren wie „Wann werden Grenzen überschritten und Menschen verletzt?“

Solche schriftlichen Anfragen sind im Talkshow-Geschäft gang und gäbe. Besser ist zwar ein persönlicher Kontakt, aber den gab es offenbar zu Kachelmann nicht. Das überrascht, hat er doch fast zwei Jahrzehnte für die ARD-Sender gearbeitet. Daher fällt die Reaktion des 55-Jährigen auf die unglücklich geratene Anfrage entsprechend hart aus.

Der Fall Kachelmann

9. Februar 2010

Die Radiomoderatorin Claudia D. berichtet der Polizei, ihr Freund Jörg Kachelmann habe sie vergewaltigt. Dieser fliegt am selben Tag zu den Olympischen Spielen, bei seiner Rückkehr am 20. März wird er auf dem Frankfurter Flughafen festgenommen und kommt in Untersuchungshaft.

20. März 2010

Bei seiner Rückkehr wird Kachelmann am Frankfurter Flughafen festgenommen. Er kommt in Untersuchungshaft.

19. Mai 2010

Die Staatsanwaltschaft Mannheim erhebt Anklage wegen des Verdachts der Vergewaltigung in einem besonders schweren Fall und gefährlicher Körperverletzung.

29. Juli 2010

Das Oberlandesgericht Karlsruhe hebt den Haftbefehl gegen Kachelmann auf. Es bestehe kein dringender Tatverdacht.

6. September 2010

Der Prozess vor dem Landgericht Mannheim beginnt. Laut Staatsanwaltsanwaltschaft soll Kachelmann seine langjährige Geliebte mit einem Messer bedroht und vergewaltigt haben.

13. September 2010

Die Staatsanwaltschaft verliest die Anklage. Demnach soll Kachelmann seine langjährige Geliebte mit einem Messer bedroht und vergewaltigt haben.

20. Dezember 2010

Laut einem Experten des Landeskriminalamts waren weder an der Messerspitze noch am Rücken der Klinge DNA-Spuren.

9. März 2011

Kachelmann heiratet seine Freundin Miriam, eine Psychologie-Studentin.

31. März 2011

Zwei Staatsanwälte berichten, dass Kachelmanns Ex-Geliebte die Ermittler zunächst hartnäckig in einem Punkt belogen hat. Am Tatverdacht ändert das für die Staatsanwälte nichts.

31. Mai 2011

Freispruch - nach dem Grundsatz „im Zweifel für den Angeklagten“. Die Staatsanwaltschaft hatte eine Haftstrafe von vier Jahren und drei Monaten, die Verteidigung Freispruch beantragt.

9. Juni 2011

Kachelmann gibt der „Zeit“ ein Interview. Er betont, dass er unschuldig sei - und kündigt juristische Schritte gegen alle an, die etwas anderes behaupten.

8. Oktober 2012

Das Buch „Recht und Gerechtigkeit“ erscheint. Kachelmann hat es gemeinsam mit seiner Frau Miriam geschrieben. Sie berichten darin über ihre Sicht auf den Prozess.

31. Oktober 2012

Kachelmann fordert in einem Zivilprozess vor dem Frankfurter Landgericht von seiner Ex-Geliebten mehr als 13 000 Euro Schadenersatz für Gutachten, mit denen er sich im Strafprozess verteidigt hat. Dieser und ein zweiter Gütetermin scheitern.

10. Oktober 2012

Das Landgericht Mannheim erlässt eine einstweilige Verfügung gegen den Vertrieb des Buchs, solange Claudia D. mit vollem Namen genannt wird. Kurz darauf wird die Verfügung aufgehoben.

6. November 2012

Das Oberlandesgericht Köln bestätigt in einem Berufungsverfahren ein Verbot bestimmter Äußerungen von Kachelmanns Ex-Freundin.

19. März 2013

Der Bundesgerichtshof weist eine Klage Kachelmanns gegen einen Bericht über Details aus seinem Strafverfahren ab.

23. Dezember 2013

In erster Instanz scheitert Kachelmann vor dem Frankfurter Landgericht. Er fordert wegen Falschaussage 13.000 Euro Gutachterkosten von seiner Ex-Geliebten als Schadenersatz zurück.

13. Januar 2014

Das Oberlandesgericht Frankfurt (OLG) teilt mit, dass Kachelmann Berufung gegen das Urteil eingelegt hat.

Kachelmann antwortet auf die schriftliche SWR-Anfrage, deren Richtigkeit der SWR gegenüber Handelsblatt Online bestätigt, mit einem eineinhalbseitigen Brief, den er auf seine Homepage gestellt hat. Das Schreiben ist eine Generalabrechnung mit den Sendeanstalten der ARD, die lange seine Brötchengeber waren.

Aktuelle Brisanz erhält das Thema Vorverurteilung, medialer Spießrutenlauf auch durch einen aktuellen Fall: Dem SPD-Politiker Sebastian Edathy wird vorgeworfen, kinderpornografisches Material zu besitzen. Die Polizei hatte am Montag Büros und Privaträume des Ex-Abgeordneten durchsucht, der sein Mandat bereits Ende vergangener Woche niedergelegt hatte. Edathy weist die Vorwürfe zurück und will Strafanzeige erstatten.

Kachelmann, einst der beliebteste Wettermoderator Deutschlands, war im Mai 2011 nach einem spektakulären Prozess vom Vorwurf der Vergewaltigung seiner Ex-Geliebten freigesprochen worden. Doch damit war seine Geschichte längst nicht zu Ende. Sie geht auch jetzt noch weiter.

Die Chefs der anfragenden SWR-Redakteurin nennt er in seiner Antwort „geltungssüchtige Narzissmus-Beamte, die gerne wichtige Anliegen aus dem Hause Burda und Springer übertragen und 2010 und 2011 schon gespürt haben, was opportun ist und in vorauseilendem Gehorsam gehandelt haben“.

Er wirft dem SWR wie fast allen Medien vor, ihn vorverurteilt zu haben, mit seinem Fall Quote gemacht zu haben – trotz und auch gerade noch nach dem Freispruch wegen Vergewaltigung. „Ihre Chefs können Ihnen beantworten, welche Wirkung Klatsch hat“, schreibt Kachelmann. Namentlich nennt er niemanden, es liegt aber nahe, dass er unter anderem SWR-Intendant Peter Boudgoust und Fernsehdirektor Christoph Hauser meint und generell sämtliche Führungsetagen bei den ARD-Anstalten.

Der SWR äußert sich auf Anfrage von Handelsblatt Online: „Nachdem Herr Kachelmann sich also selbst offensiv mit dem Thema bereits in der Öffentlichkeit präsentiert hat, mussten wir davon ausgehen, dass eine Anfrage an ihn auf dieser Grundlage eine reale Aussicht auf Erfolg hat“, schreibt Pressesprecherin Anja Görzel.

Der SWR bedauere sehr, dass Kachelmann nun so heftig regierte habe, respektiere aber selbstverständlich seine Absage. „Gleichwohl glauben wir nicht, in irgendeiner Weise Anlass zu Vorwürfen gegeben zu haben.“ Gerade das „Nachtcafé“ sei bekannt für seinen sensiblen Umgang mit heiklen und persönlichen Themen. „Insofern hätten wir in der Sendung mit Sicherheit einen sehr angemessenen Umgang mit Herrn Kachelmann gefunden“, so Görzel.

Kommentare (27)

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Fob

13.02.2014, 12:52 Uhr


Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

Account gelöscht!

13.02.2014, 12:53 Uhr

Wenn man einige Hintergründe kennt, versteht man K. sofort. Es war zuerst die ARD, die dieser unerträglich selbstgefälligen und steuerhinterziehenden Madame aus Köln erst Gehör verschaffte.

Normalbuerger

13.02.2014, 13:26 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

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