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22.10.2011

13:55 Uhr

Kalinka-Prozess

Urteil zum Stieftochter-Mord nach 30 Jahren

Nach knapp 30 Jahren soll das Urteil im spektakulären Kalinka-Prozess fallen: Der deutsche Arzt Dieter K. steht soll seine Stieftochter getötet haben. Die Anklage fordert 15 Jahre Haft, die Verteidigung Freispruch.

Auch Andre Bamberski (r), der leibliche Vater der vor fast drei Jahrzehnten getöteten Kalinka Bamberski, ist vor Gericht anwesend. dpa

Auch Andre Bamberski (r), der leibliche Vater der vor fast drei Jahrzehnten getöteten Kalinka Bamberski, ist vor Gericht anwesend.

ParisTag der Entscheidung im Fall Kalinka: Im Prozess um den Tod der 14-jährigen Kalinka hat die Staatsanwaltschaft in Paris 15 Jahre Haft für den Stiefvater des Mädchens gefordert. Dieter K. habe sich der vorsätzlichen Körperverletzung mit Todesfolge schuldig gemacht, ohne dass ein Tötungsvorsatz vorlag, sagte Staatsanwalt Pierre Kramer in seinem Plädoyer am Freitagabend in Paris. Die Verteidigung forderte am Samstag einen Freispruch für den Arzt, der aus dem Kreis Lindau am Bodensee stammt. Das Urteil der Geschworenen soll am Samstagabend fallen.

Daniele Gonnin ist die Mutter von Kalinka Bamberski. Reuters

Daniele Gonnin ist die Mutter von Kalinka Bamberski.

Der deutsche Arzt steht in Frankreich vor Gericht, weil er vor knapp 30 Jahren seine Stieftochter Kalinka am Bodensee getötet haben soll. Der leibliche Vater von Kalinka, André Bamberski, wirft Dieter K. vor, seine Tochter 1982 vergewaltigt und mit einer Spritze getötet zu haben. Nachdem in Deutschland ein Ermittlungsverfahren gegen Dieter K. eingestellt worden war und die Bundesrepublik den Arzt nicht an Frankreich auslieferte, hatte Bamberski den Arzt 2009 nach Frankreich entführt. Bamberski äußerte sich am Samstag enttäuscht, dass der Angeklagte zu einer geringeren Tat als Mord verurteilt werden solle.

„15 Jahre sind bereits ein bisschen lebenslänglich“, sagte dagegen Staatsanwalt Kramer. Das Schwerste in dem Prozess sei, eine Vergewaltigung nachzuweisen. Ohne den Beweis, dass Dieter K. Kalinka vergewaltigt habe oder dies versucht habe, sei die Hypothese, dass er die Tat mit einem Mord vertuschen wollte, nicht haltbar. Kramer ging aber davon aus, dass Dieter K. geplant habe, seine Stieftochter zu vergewaltigen. Um sie gefügig zu machen, habe er ihr Beruhigungsmittel gespritzt - die Medikamente jedoch töteten das Mädchen.

Der Fall Kalinka

Juli 1982

Kalinka Bamberski (14) wird tot in ihrem Bett im Haus ihres Stiefvaters Dieter K. in Lindau am Bodensee entdeckt.

1983

Die deutschen Behörden gehen von einem Unfall ohne Fremdverschulden aus. Der leibliche Vater André Bamberski hat Zweifel und fordert vergeblich neue Untersuchungen in Deutschland.

1984

Bamberski erhebt Anklage in Frankreich, die Justiz ermittelt.

1985

Die französische Justiz exhumiert die Leiche und geht nach einer erneuten Obduktion von einem Gewaltverbrechen aus.

1987

Die deutsche Justiz stellt Ermittlungen gegen Dieter K. ein.

1993

Ein Pariser Gericht eröffnet gegen ihn ein Verfahren.

1995

Dieter K. wird wegen der Tötung seiner Stieftochter in Abwesenheit zu 15 Jahren Haft verurteilt.

1997

In einem anderen Fall wird er von einem deutschen Gericht zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe verurteilt, weil er eine 16-jährige Patientin in seiner Praxis betäubt und vergewaltigt hat. Seine Zulassung als Arzt wird für zwei Jahre gesperrt.

2001

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte rügt das in Frankreich verhängte Urteil, da nicht einmal der Anwalt des Angeklagten angehört wurde.

2004

Frankreich stellt einen für Europa gültigen internationalen Haftbefehl gegen Kalinkas Stiefvater aus.

2005

Deutschland verweigert die Auslieferung von Dieter K. mit Hinweis auf die Einstellung des deutschen Verfahrens im Fall Kalinka.

2007

egen illegaler Ausübung des Arztberufs ohne Zulassung und Betrugs wird er in Deutschland zu 28 Monaten Haft verurteilt.

2008

Ein französisches Berufungsgericht hebt das Urteil von 1995 mit Blick auf Verfahrensfehler auf.

Oktober 2009

Dieter K. wird verletzt und gefesselt im französischen Mülhausen nahe einem Gerichtsgebäude aufgefunden. Gegen André Bamberksi und zwei weitere Männer wird wegen Entführung ein Ermittlungsverfahren eröffnet. Kalinkas Stiefvater wird in ein bei Paris gelegenes Gefängnishospital gebracht.

März 2011

um Prozessauftakt zweifelt der Verteidiger von Dieter K. die Zuständigkeit des Gerichts in Paris an. Wegen gesundheitlicher Probleme des Angeklagten wird der Prozess später unterbrochen.

Oktober 2011

Der Prozess gegen Dieter K. wird neu aufgenommen. In ihren Plädoyers fordert die Staatsanwaltschaft 15 Jahre Haft für Dieter K., die Verteidigung will einen Freispruch.

Die Verteidigung wies die Vorwürfe zurück und forderte einen Freispruch für ihren Mandanten. „Dieter K. ist unschuldig“, sagte Rechtsanwalt Yves Levano und holte gegen die Justiz aus: „Das deutsche Rechtssystem auf einer Seite und das französische auf der anderen wenden sich gegenseitig den Rücken zu.“ Dieter K. werde wie ein Spielball zwischen beiden Seite herumgeschubst. Bevor das Gericht über ein Urteil berät, will Dieter K. sich äußern. Er weist von sich, an dem Tod Kalinkas Schuld zu haben.

Dieter K. wurde 1995 in Abwesenheit in Frankreich wegen Tötung seiner Stieftochter zu 15 Jahren Haft verurteilt. Im Jahr 2001 entschied der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte, dass der französische Prozess in Abwesenheit des Angeklagten und ohne anwaltliche Verteidigung rechtswidrig gewesen sei.

Gegen Bamberski läuft noch ein Verfahren wegen der Verschleppung.

Von

dpa

Kommentare (2)

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Uhu

22.10.2011, 20:21 Uhr

wahrscheinlich hat die Polizei eine schlampige Untersuchung gemacht."so was macht doch ein Herr Doktor nicht".

Schwarzwaelderin

22.10.2011, 21:36 Uhr

Tja... alles kommt ans Licht; der "saubere " Arzt hat offensichtlich noch mehr Patientinnen sexuell missbraucht. Hut ab vor dem Vorgehen und der Hartnäckigkeit von Herrn Bamberski. Der Stiefvater von Kalinka bekommt nun zwar nur 15 Jahre Haft (nicht für Mord) aber man sieht ja :der Feigling will in Berufung gehen und ich hoffe, erfolglos bzw. man müsste ihm noch 10 Jahre obendrauf geben. Das arme,unschuldige Kind Kalinka ist nämlich tot - durch seine Tat.

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