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03.12.2014

17:21 Uhr

Kapitän der „Costa Concordia“

Francesco Schettino sieht sich als Lebensretter

Mit später Evakuierung eine Panik vermieden: Der Kapitän des verunglückten Kreuzfahrtschiffs „Costa Concordia“ stellt vor Gericht kühne Thesen auf. „Italiens meistgehasstem Mann“ drohen trotzdem 25 Jahre Haft.

Unglücksnacht der Costa Concordia

Video zeigt fliehenden Kapitän

Unglücksnacht der Costa Concordia: Video zeigt fliehenden Kapitän

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RomDer Kapitän der „Costa Concordia“ will mit seiner verspäteten Räumung des havarierten Kreuzfahrtschiffs Menschenleben gerettet haben. Er habe eine Panik an Bord vermeiden wollen, sagte Francesco Schettino am Mittwoch vor dem Gericht im toskanischen Grosseto. Er antwortete auf die Frage des Staatsanwalts Alessandro Leopizzi, warum er sich für die Anordnung zur Evakuierung des Schiffs mehr als eine Stunde Zeit ließ.

„Ich wollte das Schiff erst so nahe wie möglich an die Insel heranbekommen. Hätte ich die Signale zur Evakuierung früher ertönen lassen, hätten sich die Passagiere ins Wasser gestürzt“, sagte der 54-Jährige am zweiten Tag seiner Aussage.

Das Kreuzfahrtschiff „Costa Concordia“ hatte am 13. Januar 2012 bei einem riskanten Manöver vor der zur Toskana gehörenden Insel Giglio einen Felsen gerammt und war gekentert. 32 Menschen kamen ums Leben, unter ihnen zwölf Deutsche. Den Ermittlungen zufolge hatte das Schiff den der Insel vorgelagerten Felsen um 21.45 Uhr gerammt, die Anordnung zu seinem Verlassen kam aber erst um 22.54 Uhr.

Während der Zeit bewegte sich der Koloss, dessen Maschinen komplett ausgefallen waren, nach einer Kehrtwende wieder in Richtung Hafen, bevor er endgültig auf Grund lief. Nach Auffassung der Anklage war Schettino völlig überfordert und zögerte gefährlich lange mit einer Entscheidung, während das Schiff manövrierunfähig durch das Wasser driftete. Der Angeklagte dagegen sagte aus, er habe die „Costa Concordia“ bewusst von Wind und Strömung näher an die Küste der Insel treiben lassen.

„Ich habe den Alarm herausgezögert, weil ich genau wusste, wieviel Manövrierzeit dem Schiff bleibt. Ich kenne die Concordia genau, ich wollte näher zur Insel kommen und dann die Evakuierung anordnen“, sagte er am Mittwoch. Den Vorwurf, aus Kostengründen keine Schlepper zur Stabilisierung des Schiffes angefordert zu haben, wies er ebenfalls zurück. „Ich habe das Schiff nicht über das Leben der Menschen gestellt. Über die Kosten hätte ich mir erst später Gedanken gemacht“.

Zu einem weiteren Vorwurf der Anklage, wonach Schettino das Schiff in Panik in einem Rettungsboot verließ, obwohl noch Menschen an Bord waren, wurde der Ex-Kapitän noch nicht befragt. Aus dem Funkgespräch mit dem wütenden Leiter der Küstenwache geht hervor, dass er sich später weigerte, an Bord des Schiffs zurückzukehren und sich seiner Verantwortung als Kapitän zu stellen.

Schettino gab damals an, in das Rettungsboot gefallen und dann an Land geblieben zu sein, um von dort aus die Rettungsarbeiten zu koordinieren. Vor allem die Veröffentlichung des Funkgesprächs brachte ihm den wenig schmeichelhaften Titel „Kapitän Feigling“ und „Italiens meistgehasster Mann“ ein.

In dem vor anderthalb Jahren begonnenen Prozess muss sich Schettino wegen fahrlässiger Tötung in mehren Fällen, Verursachung von Umweltschäden und Verlassen eines Schiffs in Seenot verantworten. Ihm drohen bis zu 25 Jahre Haft. Die Staatsanwaltschaft hatte am Montag erstmals bekanntgegeben, dass sie 20 Jahre Gefängnis fordern will.

Von

afp

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