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18.03.2011

07:00 Uhr

Katastrophen

Die Ankunft des Schwarzen Schwans

VonGabor Steingart

Das Finanzbeben und die Kernschmelze in Japan haben nicht nur die Welt verändert, sondern auch unsere Wahrnehmung von ihr. Ein Kommentar von Handelsblatt-Chefredakteur Gabor Steingart.

Selten, aber existent – ein schwarzer Schwan.

Selten, aber existent – ein schwarzer Schwan.

DüsseldorfIm Grunde muss man nur zwei Dinge über den Schwarzen Schwan wissen. Erstens: Er kommt in der Natur extrem selten vor. Noch wichtiger aber ist: Es gibt ihn. Er ist das verkörperte Restrisiko, die lebende Wahrscheinlichkeit, dass alles anders kommt, als wir es bisher angenommen haben.

Seit der Philosoph Karl Popper ihn als Kunstfigur einführte, steht der Schwarze Schwan für den Widerspruch zur eben noch herrschenden Wirklichkeit. Er verkörpert das Undenkbare, das wir dennoch denken müssen. Er symbolisiert das große Unheil, das die bisherige Normalität beendet, alle Prognosen widerlegt und Politiker wie Marionetten zu Handlungen führt, die ihnen eben noch wesensfremd schienen: Der rechtskonservative Präsident George W. Bush verstaatlicht die Investmentbanken, der Hoffnungsverkäufer Barack Obama wird zum Befürworter von Guantanamo, Merkel steigt aus der Atomenergie aus. Wenn der Schwarze Schwan landet, unterbricht er unsere Gewissheiten nicht nur. Er zerstört sie.

Wir sind ihm in jüngster Zeit häufig begegnet. Der Schwarze Schwan ist der Sendbote einer neuen Zeit, in der die alten Wahrscheinlichkeiten nicht mehr gelten. Das Verlässliche unserer Zeit besteht darin, dass es keine Verlässlichkeit mehr gibt. Fast scheint es, als wolle der Schwarze Schwan das Wappentier des gerade begonnenen Jahrhunderts werden.

In den vergangenen zehn Jahren kam es zu einer spürbaren Zunahme dessen, was die Amerikaner „Freak-Event“ nennen: Das Verrückte wurde normal. Die Normalität spielt verrückt. Vier junge Araber lernen in Florida das Fliegen eines Jumbo-Jets und starten wenig später den größten Angriff gegen Amerika seit der Bombardierung von Pearl Harbor. Eine Bank in New York bricht zusammen, und weltweit werden 20 Millionen Menschen arbeitslos. Ein Gemüsehändler in Tunesien bekommt keine Lizenz für den Gemüsestand, verbrennt sich und löst damit eine arabische Revolution aus. Eine Zehn-Meter-Flutwelle schlägt an die Ostküste Japans, und in Deutschland legt die Kanzlerin knapp die Hälfte aller Kernkraftwerke still.

Eine „Welt ohne Halt“ sei entstanden, sagte Lord Dahrendorf schon vor Jahren. Niemand hält sie, und wir finden in ihr keinen Halt. Die Veränderung der Welt bedeutet auch eine Veränderung unserer Sprache. Viele Worte haben in den letzten Jahren ihre Bedeutung verloren. Der Friedhof der toten Worte ist gut belegt. Früher bedeutete „Verantwortung übernehmen“, dass ein Politiker noch am selben Tag zurücktrat. Heute bedeuten dieselben Worte: Wenn sich meine gestrige Politik nicht verkauft, mache ich eine andere.
„Reform“ war einst ein Sehnsuchtsversprechen. Heute ist es eine Drohung. Es bedeutet, ein Land in eine Situation zu bringen, in der es nie sein wollte.

Kommentare (51)

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GuentherMohr

18.03.2011, 09:03 Uhr

Risikomanagement und Damokles

Wie wahrscheinlich ist das Eintreten eines bestimmten Ereignisses? Welche Situationen müssen zusammenkommen, damit etwas Bestimmtes geschieht?
Risikomanagementsysteme versuchen das zu erfassen. Dabei ist die Grundlage die Einschätzung der Wahrscheinlichkeiten aus Zeiträumen der Vergangenheit. Was ist schon einmal passiert? Wie oft war das? Hinzu kommt eine grundlegend multiplikative Verknüpfung der Wahrscheinlichkeiten bei als unabhängig angenommenen Ereignissen. Dies ergibt dann sogenannte Restrisiken, die man vernachlässigen kann.
Wie ich in „Wirtschaftskrise und neue Orientierung“ dargestellt habe, steht aber anderes an. Es geht um Substanz und nicht um schnelle und einfache Profite, die man sich teuer mit späteren Risiken erkauft.
Damokles sollte nicht der implizite Leader der Wirtschaftspolitik sein.
Günther Mohr

drhelmibeier@hotmail.de

18.03.2011, 09:09 Uhr

Ihr Artikel hat mir sehr gut gefallen. Die allgemeine Gier nach Wohlstand hat Bescheidenheit aus der Mode kommen lassen. Ich kann mich nicht erinnern, dieses Wort in letzter Zeit mal von einem Politiker gehört zu haben. Man fragt sich, wie oft der "schwarze Schwan" noch ankommen muss, damit ein Umdenken in Politik und Gesellschaft einsetzt. Wir müssen unsere Wertvorstellungen überprüfen und vor allem unseren Kindern vermitteln, dass es neben materiellen auch ideelle Werte wie eben Bescheidenheit gibt, nach denen uns die Gesellschaft beurteilen sollte. Dr. Helmi Beier, Chemnitz

Einanderer

18.03.2011, 09:29 Uhr

Die (alte) Normalität ist schon vor einiger Zeit zu Ende gegangen, schon damals hat man sozusagen den schwarzen Schwan herbeigerufen. Nun häufen sich die "Erfolge".

Mich hat ja immer erstaunt - um nicht zu sagen erbost - dass man die historisch unbegründbare Annahme von über Jahrzehnten monoton steigender Immobilienpreise als "Sicherheit" verwenden kann.

Dass man danach völlig "unvorhersehbar" in eine platzende Blase samt allen Folgen gerät, nun ja, man kann nicht in die Zukunft sehen, es kann also auch niemand dafür verantwortlich sein. Oder?

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