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18.09.2014

18:44 Uhr

Kopfgeld wegen Flug MH 17

Detektivverband kritisiert private Ermittlung

Das Versprechen klingt gigantisch: 30 Millionen US-Dollar bietet eine deutsche Detektei für Hinweise auf die Täter rund um den Absturz der Maschine MH 17 in der Ukraine. Branchenvertreter sehen die Auslobung kritisch.

Experten befürchten, dass ihre Arbeit durch Privatdetektive behindert werden könnte: Niederländische und Australische Ermittler am Absturzort der MH 17. dpa

Experten befürchten, dass ihre Arbeit durch Privatdetektive behindert werden könnte: Niederländische und Australische Ermittler am Absturzort der MH 17.

DüsseldorfVerwunderung und Ärger. Diese Reaktionen hat der Aufruf der privaten Wirtschaftsdetektei Wifka zur Fahndung rund um den Absturz der MH 17 in der Ukraine bei Branchenvertretern ausgelöst. „In der gegenwärtig äußerst komplexen und extrem komplizierten außenpolitischen Situation im Ukraine-Konflikt, ist ein solcher Aufruf sehr kritisch zu betrachten“, sagt der Vorsitzende des Deutschen Detektivverbandes (DDV), Karl-Heinz Zönnchen, zu Handelsblatt Online. Es sei fraglich, ob hinter dem Aufruf nicht ein rechtlich äußerst bedenklicher Versuch stehe, über illegale Kanäle Informationen zu beschaffen.

Am Mittwoch hatte die Detektei Wifka eine Belohnung von 30 Millionen US-Dollar für sachdienliche Hinweise auf die Strippenzieher des Flugzeugabsturzes über dem Konfliktgebiet in der Ostukraine am 17. Juli ausgelobt. Der Absturz wurde laut der verantwortlichen Ermittler der niederländischen Staatsanwaltschaft durch Geschosse verursacht, die das Flugzeug von außen durchbohrten – alle 298 Passagiere kamen ums Leben. Die deutsche Detektei sucht nun nach Indizien für die Tatwaffe, die Hintermänner und die direkten Beteiligten des Abschusses. Der Auftraggeber und seine konkreten Interessen bleiben indes unbekannt, auch der Detektiv Josef Resch weiß nach eigenen Angaben über die Identität seiner Klienten nichts.

Was ist „Neurussland“?

Neuer Streit um ein historisches Gebiet

In der Ostukraine haben prorussische Separatisten im Mai ihre „Volksrepubliken“ Donezk und Lugansk zu „Neurussland“ vereinigt. Auch Russlands Präsident Putin verwendete mehrfach diese Bezeichnung. Sie hat einen historischen Ursprung.

Feldzüge gegen Türken

Mitte des 18. Jahrhunderts wurde ein Militärbezirk nördlich des Schwarzen Meeres so genannt. Neurussland reichte damals von Bessarabien (heute die Republik Moldau) bis zum Asowschen Meer. Zentrum war Krementschuk, etwa 300 Kilometer südöstlich von Kiew. Zur Zeit der Feldzüge gegen die Türken und das Krim-Khanat sollte die Ansiedlung russischer und ukrainischer Bauern sowie ausländischer Siedler das Grenzgebiet stabilisieren.

Auflösung nach Eroberung der Krim

1764 bildete Zarin Katharina die Große das „Neurussische Gouvernement“. Nach der Eroberung der Krim verlor Neurussland seine strategische Bedeutung und wurde rund 20 Jahre nach der Gründung wieder aufgelöst. Zar Paul I. bildete 1796 erneut ein kurzlebiges Verwaltungsgebiet Neurussland um den Hauptort Noworossisk, dem heutigen Dnjepropetrowsk.

Deutsche Siedler

Anfang des 19. Jahrhunderts wurde ein russisches „Generalgouvernement Neurussland-Bessarabien“ geschaffen. Von 1818 bis etwa 1880 wurden wieder ausländische Siedler angeworben. Auch aus deutschsprachigen Gebieten kamen viele Menschen in die Steppen Neurusslands. Die Dörfer dieser „Schwarzmeerdeutschen“ existierten bis zu den Deportationen in der Stalin-Zeit.

Verbandsvertreter Zönnchen sagt dazu: „Der Aufruf widerspricht dem grundsätzlichen Herangehen einer qualifizierten Wirtschaftsdetektei bei der Auftragsannahme und Prüfung des berechtigten Interesses.“ Ohne zu wissen, wer und welches Interesse hinter dem Aufruf stehe, könne ein Detektiv nicht seriös dafür garantieren, dass die Auslobung rechtsverbindlich erfüllt werden könne. Doch nicht nur das sieht Zönnchen als problematisch an: „Es gehört nicht zu den originären Aufgaben einer Detektei innerhalb der EU, solche Informationen zu beschaffen.“

Tatsächlich haben Experten auch die Sorge, dass die Privatdetektive die offiziellen Ermittlungen behindern oder torpedieren könnten. So sei denkbar, dass die Konfliktparteien fingierte Indizien streuen oder dass Hinweisgeber gegenüber der Staatsanwaltschaft falsche Aussagen wiederholen, um die Belohnung einstreichen zu können, wie ein Militärexperte gegenüber „Zeit Online“ anmerkte.

Kommentare (2)

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Herr C. Falk

18.09.2014, 19:23 Uhr

Nun, ein paar Leute werden sehr genau wissen wer für den Abschuss von MH 17 verantwortlich war, entweder die Separatisten oder die ukrainische Armee oder interessierte Geheimdienstkreise.

Wenn diese beweiskräftig Indizien vorlegen, kann der verzögerte Prozess der Aufklärung, der auch eine bewußte Verschleppung sein kann, eine entsprechende Beschleunigung erfahren.

"Beweise" können natürlich auch fingiert werden, insofern ist auf der anderen Seite eine gewisse Vorsicht und Zurückhaltung am Platz und nicht von der Hand zu weisen.

Herr Fritz Mundl

19.09.2014, 09:29 Uhr

Was gibt es denn gegen eine private Initiative einzuwenden?
Nach dem die offiziellen Ermittler sich nach 10 Wochen noch immer nicht zu konkreten Aussagen hinreissen lassen, beschleicht mich mehr und mehr der Verdacht, dass es was zu verbergen gibt. Der Absturz von MH17 hätte und fast den nächsten größeren Konflikt beschert und es gibt immer noch Menschen, die verantwortungslos weier Öl ins Feuer gießen. Ich will die Wahrheit wissen, sonst fällt diese Katastrophe der Vergesseheit anheim. Oder wieviel Schlagzeilen lset ihr noch zu MH17?

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