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14.01.2007

17:21 Uhr

Kriminalität

Streit möglicherweise Auslöser für Tessiner Bluttat

Eine mysteriöses Geiseldrama mit zwei Toten hat den kleinen Ort Tessin bei Boizenburg in Mecklenburg-Vorpommern erschüttert.

Mordverdächtiger dpa

Einer der beiden jugendlichen Täter nach seiner Festnahme.

dpa TESSIN. Auslöser für die Bluttat von Tessin mit zwei Toten war nach Erkenntnis des Kriminologen Christian Pfeiffer möglicherweise ein Konflikt der Täter mit dem Sohn des getöteten Ehepaars.

„Bisher klang es so, als ob es keine Beziehung zwischen den Tätern und den Opfern gegeben hat“, sagte der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen in einem dpa-Gespräch am Dienstag in Hannover. „Jetzt scheint es aber so, als ob es einen massiven Konflikt zwischen dem 16-jährigen Sohn und einem der Täter gegeben hat.“ Möglicherweise hätten die beiden 17-Jährigen es eigentlich auf den Sohn abgesehen gehabt. Die Staatsanwaltschaft in Schwerin sagte dagegen, sie habe noch kein Motiv für die Bluttat der beiden Gymnasiasten gefunden. Ermittelt werde unter anderem in Richtung Gewalt-Computerspiele, die die beiden Schüler möglicherweise gespielt hätten.

Pfeiffer sagte, „vielleicht war die Idee (der Täter), dass die Tür von ihrem Mitschüler und früheren Freund geöffnet würde“. Vor weiteren Erkenntnissen der Polizei sei es allerdings schwierig, die Motive der jungen Männer zu ergründen. Es sei nicht auszuschließen, dass das intensive Spielen gewalttätiger Computerspiele die Bluttat begünstigt habe. Eine direkte Verknüpfung zwischen solchen Spielen und dem Verbrechen sei aber schwierig. So genannte Killerspiele könnten ohnehin gefährdeten Jugendlichen unter Umständen den letzten Kick geben, virtuelle Gewalt in die Realität umzusetzen.

Experten des Landeskriminalamts werteten am Dienstag die Festplatten der Computer aus, die bei Durchsuchungen in den Zimmern der beiden Gymnasiasten aus Tessin (Kreis Ludwigslust) und einem Nachbarort beschlagnahmt worden waren. Das Ergebnis stehe noch aus, sagte der Schweriner Oberstaatsanwalt Hans-Christian Pick.

Unterdessen befragten Mitglieder der knapp 20-köpfigen Mordkommission Verwandte, Freunde und Mitschüler der beiden Jugendlichen, um eine Erklärung für das grausige Geschehen am späten Samstagabend in einem Tessiner Einfamilienhaus zu finden. Die beiden Jungen haben gestanden, den 46-jährigen Familienvater erstochen zu haben, unmittelbar nachdem er die Tür geöffnet hatte. Anschließend stachen sie mit zahlreichen Messerstichen die 41 Jahre alte Ehefrau nieder. Ihr Gesicht soll nicht mehr erkennbar gewesen sein.

Nach dem brutalen Angriff nahmen die beiden ein 15-jähriges Mädchen als Geisel, das zuvor mit ihnen den Abend verbracht hatte, und versuchten, im Auto der Familie zu fliehen. Sie kamen aber nur wenige Meter weit. Nach einer Stunde konnte die Polizei die beiden Täter zur Aufgabe und Freilassung des Mädchens bewegen. Die Beamten waren vom 16-jährigen Sohn der Getöteten alarmiert worden, der sich in einem Nebenzimmer einschließen konnte.

Nach einem Bericht der „Bild“-Zeitung sollen sich die beiden 17-Jährigen bei ihrer Bluttat an dem Gewalt-Computerspiel „Final Fantasy VII“ orientiert haben. Dies wollte Pick nicht kommentieren. Auch zu Berichten, die Schüler hätten vorgehabt, mit dem gestohlenen Kleinwagen der getöteten Eheleute nach Asien zu fliehen, nahm der Sprecher der Staatsanwaltschaft nicht Stellung. Sie hätten allerdings vor der Tat eine Bemerkung gemacht, dass jemand getötet werden würde, sagte Pick. Aus diesem Grund hatte die Staatsanwaltschaft auch Haftbefehl wegen Mordverdachts beantragt. Das Amtsgericht Hagenow erließ den Befehl aber wegen Totschlags. Die Anklagebehörde prüfe nun eine Haftbeschwerde.

Auch in Tessin herrschte am Dienstag weiterhin Ratlosigkeit über das Motiv der beiden Schüler, die als freundliche Jugendliche bekannt waren. „Das versteht heute immer noch keiner“, sagte Bürgermeisterin Gertrud Geistlinger.

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