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02.04.2014

10:14 Uhr

Kritik an US-Bischof

Mach mir den Tebartz-van Elst

VonAxel Postinett

Ein US-Bischof steht öffentlich unter Beschuss, nachdem er sich für 2,2 Millionen Dollar ein neues Domizil gebaut hat. Der Fall erinnert stark an Tebartz-van Elst. Hat die katholische Kirche ein Dekadenzproblem?

Der Bischof von Atlanta, Wilton Gregory, steht für seinen teuren Amtssitz in der Kritik. ap

Der Bischof von Atlanta, Wilton Gregory, steht für seinen teuren Amtssitz in der Kritik.

San FranciscoLimburg ist überall: Der Erzbischof von Atlanta hat sich öffentlich für den Neubau eines Bischofsitzes für insgesamt 2,2 Millionen Dollar entschuldigt. Auf der Webseite der Kirche äußerte Wilton Gregory Verständnis für die Kritik an dem Projekt, zu dem noch der Umbau der bisherigen Residenz zu einem Wohnsitz für Priester dazukommt.

„Während ich und meine Berater“, so der Bischof auf der Webseite „The Georgian Bulletin“, „das Projekt finanziell, logistisch und aus praktischen Gründen für gerechtfertigt hielten, bin ich enttäuscht, dass ich persönlich versagt habe, die Kosten für meine persönliche Integrität und meine Glaubwürdigkeit gegenüber den Gläubigen von Nord- und Zentral-Georgia zu verstehen.“

Der Skandal um Tebartz-van Elst

Januar 2008

Tebartz-van Elst wird in sein Amt als Bischof von Limburg eingeführt. Er war zuvor Weihbischof in Münster und folgt in Limburg auf Bischof Franz Kamphaus.

Juni 2011

Der Grundstein für den neuen Bischofssitz wird gelegt. Der grundsätzliche Beschluss für den Bau fiel schon vor der Amtszeit Tebartz-van Elsts. Bereits im Februar 2007 hatte dies das Domkapitel, ein Kollegium von Priestern, beschlossen. Diese Entscheidung fiel in die Zeit der sogenannten Sedisvakanz, in der der Bischofssitz nicht besetzt ist.

Januar 2012

Bischof Tebartz-van Elst reist nach Indien, um dort soziale Projekte zu besuchen. Später wird bekannt, dass der Bischof in der Ersten Klasse flog. Es handelte sich dabei laut dem Bistum um ein Upgrade aufgrund gesammelter Bonusmeilen und eine Zuzahlung aus eigener Tasche. Gegen die Berichterstattung im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" geht Tebartz-van Elst juristisch vor und wirft dem Magazin eine unwahre Darstellung vor.

Juni 2013

Die Dienst- und Verwaltungsräume im neuen Bischofssitz werden eingeweiht. Das Gebäude wird mittlerweile offiziell als "Diözesanes Zentrum Sankt Nikolaus" bezeichnet. Die Kosten allein für die Arbeiten am "historischen Bestand" wie etwa an der historischen Stadtmauer werden zu diesem Zeitpunkt auf 9,85 Millionen Euro beziffert. Die Gesamtkosten sollen deutlich höher liegen. Ursprünglich waren für das gesamte Bauprojekt 5,5 Millionen Euro eingeplant. Davon stammen 2,5 Millionen Euro aus einer dafür angelegten Rücklage des Bistumshaushalts aus dem Jahr 2004. Die übrigen Kosten trägt der Bischöfliche Stuhl, bei dem es sich um eine Körperschaft des öffentlichen Rechts handelt. Dieser wurde bei Gründung des Bistums im Jahr 1827 vom Herzog von Nassau mit Vermögenswerten ausgestattet. Dies war der Grundstock für das heutige Vermögen. Zu dessen Höhe macht das Bistum keine Angaben.

August 2013

Tebartz-van Elst gerät in seinem Bistum zunehmend unter Druck. In einem offenen Brief wenden sich hunderte Katholiken gegen die Amtsführung des Bischofs. In der Kritik steht er unter anderem wegen der Spekulationen über steigende Kosten des Bischofssitzes. In Medienberichten ist von 15 bis 20 Millionen Euro die Rede.

September 2013

Der Vatikan schaltet sich in die Querelen im Bistum Limburg ein. Bei einem einwöchigen Besuch im Bistum macht sich der vom Papst gesandte Kardinal Giovanni Lajolo vor Ort ein Bild von der Situation. Am Ende des Besuchs sagt Tebartz-van Elst eine Prüfung der Baukosten zu.

November 2013

Am 17. November äußert sich die Diözesanversammlung des Bistums Limburg, die Vertretung der katholischen Gläubigen, ziemlich deutlich: Sie sieht nach eigenen Angaben keine Möglichkeit für einen Neuanfang mit Tebartz-van Elst. Da hilft dem Bischof auch nicht, dass am Tag darauf, am 18. November, das Amtsgericht in Hamburg das Strafverfahren gegen den Bischof gegen Zahlung einer Geldauflage vorläufig einstellt – das Image ist angekratzt.

Dezember 2013

Im Dezember wird das Verfahren wegen falscher eidesstattlicher Erklärung nach Zahlung von 20.000 Euro endgültig eingestellt.

Januar 2014

Am 26. Januar 2014 schreibt das Magazin „Focus“, der Bericht der kirchlichen Untersuchungskommission entlaste den Bischof. Die Bischofskonferenz betont dagegen, es liege noch kein Ergebnis vor.

Februar 2014

Am 9. Februar sieht die Lage schon wieder weitaus schlechter aus als nach dem „Focus“-Bericht zu vermuten war. Laut „Spiegel“ belastet der Prüfbericht Tebartz-van Elst schwer. Auch Geld einer Stiftung soll für die neue Residenz verwendet worden sein. Am 17. Februar legt die „Süddeutsche Zeitung“ nach und berichtet, Tebartz-van Elst und sein Generalvikar Franz Kaspar hätten Rechnungen für die neue Residenz mit Stiftungsgeld des St. Georgswerkes bezahlt.

26. März 2014

Der Vatikan spricht ein Machtwort: Der umstrittene Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst darf nicht in sein Amt in Limburg zurückkehren. In der Diözese Limburg sei es zu einer Situation gekommen, „die eine fruchtbare Ausübung des bischöflichen Amtes“ durch Tebartz-van Elst verhindere, heißt es in der Mitteilung des Vatikans. Der Heilige Stuhl habe deshalb den von dem Bischof angebotenen Amtsverzicht angenommen. Der scheidende Bischof werde zu gegebener Zeit mit einer anderen Aufgabe betraut, erklärte der Vatikan.

28. März 2014

Die BMW 5er-Limousine: Einen solchen Wagen wurde vom Bischöflichen Stuhl im Januar bestellt, wie am 28. März bekannt wurde. Ein Mitarbeiter hatte die Verlängerung des bestehenden Leasingvertrags „im Auftrag des Bischofs“ unterschrieben. Ob er es aus eigener Motivation heraus tat oder Anweisung vom damals bereits vom Papst beurlaubten Tebartz-van Elst bekam, ist noch offen. Ein solches Wagenmodell kostet mit der absoluten Grundausstattung 40.000 Euro und ist im Leasing nicht unter der Rate von 400 Euro monatlich zu haben. Da die Ausstattung des Bischofs-BMW allerdings der Oberklasse entspreche, dürfte der Preis deutlich darüber liegen.

Er habe nicht daran gedacht, was das für eine Wirkung auf die Familien der Diözese  habe, die Jahr für Jahr weiter für die Kirche spendeten, obwohl viele „ihre Hypotheken, Schulgebühren und Stromrechnungen kaum noch zahlen können“. 

Anders als in Deutschland, wo es eine Kirchensteuer gibt, finanzieren sich amerikanische Kirchen ausschließlich über Spenden. Er werde, so der Bischof, die Angelegenheit mit den Kirchengremien diskutieren und wenn man der Meinung sei, das 595-Quardatmeter große Anwesen solle verkauft werden, dann werde das auch geschehen. Das Gebäude ist Eigentum der Kirche und als Dienstsitz für „den Bischof und seine Nachfolger“ gedacht, betont Kieran Quinn, Finanzchef der Erzdiözese Atlanta.

Möglich geworden war der Immobiliendeal durch eine Spende in Höhe von 15 Millionen Dollar durch Joseph Mitchell, Neffe der Autorin Margaret Mitchell, die durch ihr Buch „Gone With The Wind“ (Vom Winde verweht) zu Weltruhm gelangte. Joseph Mitchell war Mitglied der Kirche und hatte ihr das Geld nach seinem Tode für „generelle kirchliche und wohltätige Zwecke“ vermacht.

Kommentare (3)

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02.04.2014, 10:51 Uhr

jaja, so ist das mit dem wasser predigen und Wein saufen.
Aber als Entschuldigung können sie ja jetzt ein Jahr in afrikanischen sozialen Projekten soziale Arbeit leisten...

Als Bischhof und Co macht man das sicherlich gerne; so aus reiner Nächstenliebe und katholischer Überzeugung.

Account gelöscht!

02.04.2014, 10:56 Uhr

Na, der ist aber bescheiden! 2.2 Mio $ sind nur 1/20 des Limburger Falles. Und wahrscheinlich wäre es billiger gar nicht zu haben in Atlanta.

Account gelöscht!

02.04.2014, 11:34 Uhr

Nicht 'nur' ein Dekadenzproblem, und neu ist das auch nicht.

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