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21.01.2008

16:41 Uhr

Landärzte

Dr. Ausgestorben

VonHeike Baldauf

In den kommenden Jahren werden bundesweit mehr als 41 000 Mediziner in den Ruhestand gehen. Betroffen sind vor allem ländliche Gebiete im Osten, in der Provinz fehlt es schon heute an Landärzten. Verzweifelt versuchen ostdeutsche Städte, junge Ärzte mit finanziellen Hilfen anzulocken – oftmals vergeblich.

Verzweifelt gesucht: Junge Ärzte für ländliche Gebiete Foto: dpa

Verzweifelt gesucht: Junge Ärzte für ländliche Gebiete Foto: dpa

NIEMEGK. Sie hat sich fein gemacht für ihren Doktor: Im Sonntagsstaat, Rüschenbluse und Wollrock, sitzt sie bequem auf der Couch in ihrem Wohnzimmer, während der Arzt ihr mit einem geübten Griff Blut im Ohrläppchen abnimmt. „Ich merke, wenn Sie Nudeln gegessen haben“, sagt Helmut Buhler und zwinkert seiner Patientin zu. Nudeln sind nicht unproblematisch für die 87-Jährige mit ihrer Diabetes. Hinzu kommen noch ein Herzschrittmacher und Kreislaufprobleme – für Buhler ist diese Patientin ein klarer Fall für einen Hausbesuch.

Der Arzt und die Familie kennen sich seit Jahrzehnten. Eine Einladung zum Kaffee lehnt Buhler dankend ab. Er müsse weiter. Doch die Packung frische Eier, die ihm die Tochter der Patientin zusteckt, nimmt er mit. „Da wird es mein Nachfolger schwer haben“, sagt er und steigt in sein Auto.

Noch schwerer wird es aber wohl sein, überhaupt einen Nachfolger für ihn zu finden. Helmut Buhler ist Allgemeinmediziner in Brandenburg – einer der Regionen, in denen Ärzte besonders knapp sind. Das Problem wird sich in den nächsten Jahren noch verschärfen, denn etwa jeder dritte Hausarzt ist hier älter als 60 Jahre. Dazu gehört auch Buhler. Im Frühjahr wird der 68-Jährige seine Praxis aufgeben.

In den kommenden fünf Jahren werden bundesweit mehr als 41 000 Mediziner in den Ruhestand gehen. Davon sei die hausärztliche Versorgung in ländlichen Gebieten – besonders im Osten – betroffen, heißt es in einer Studie der Kassenärzlichen Bundesvereinigung. Und ausreichend Ersatz sei nicht in Sicht.

Viele Ärzte ziehen es zudem vor, im Ausland zu arbeiten. Die, die in ihrer Heimat bleiben, lassen sich lieber in einer größeren Stadt, nicht auf dem Land und schon gar nicht in strukturschwachen Regionen nieder (siehe: „Verzweifelt gesucht“). Das bekommt auch Niemegk zu spüren. In der Kleinstadt südwestlich von Potsdam hat Helmut Buhler seine Praxis hat. Er ist ein Landarzt der alten Schule: „70 Prozent meiner Diagnosen stelle ich durch Anamnese, gezieltes Befragen und Zuhören“, erzählt er, „doch die Anamnese steht nicht in der Vergütungsordnung.“ Dabei sei die Kenntnis des familiären und sozialen Umfeldes wichtig: Scheidung, Schicksalsschläge, Arbeitslosigkeit.

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