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14.06.2014

13:29 Uhr

„Liebe Grüße“

Höhlenforscher bewältigt ersten Streckenabschnitt

Der verunglückte Höhlenforscher Johann Westhauser übersteht den ersten Teil seines Rücktransports - und sendet erstmals eine Nachricht an die Außenwelt. Er fühle sich in der Trage „sehr wohl“ hieß es.

Der Einstieg der Riesending-Schachthöhle dpa

Der Einstieg der Riesending-Schachthöhle

BerchtesgadenDie Nachrichten aus der Riesending-Schachthöhle machen Hoffnung: Erstmals hat der verunglückte Höhlenforscher Johann Westhauser selbst Kontakt zur Außenwelt aufgenommen. „Er fühlt sich in der Trage sehr wohl und sendet liebe Grüße an seine Familie“, gab ein Sprecher der Bergwacht die Botschaft wieder, die der Verletzte per Funksystem gesendet hatte. Am Samstag bewältige Westhauser mit seinen Rettern die erste Etappe seines Rücktransports. Er war vor einer Woche in der Höhle bei Berchtesgaden verunglückt.

Noch hat das „Höhlentelefon“ genannte Kommunikationssystem den Forscher und sein Rettungsteam nicht erreicht: Bislang reichen die Drahtleitungen bis zum Biwak 4, nach dem der direkte Aufstieg aus 900 Metern Tiefe beginnt. Doch davon ist der Patient noch rund einen Tagesmarsch entfernt. Gegen 4.00 Uhr am Samstagmorgen hatte die Gruppe nach Informationen der Bergwacht „Barbarossas Thronsaal“ vor dem Biwak 5 erreicht.

Höhlengeher: Gefährlich, verrückt und neugierig

Das Unglück

Es ist ein extrem außergewöhnliches Unglück, das in der Riesending-Schachthöhle bei Berchtesgaden passiert ist. In einer Tiefe, in die ohnehin kaum ein Mensch vordringen kann, liegt ein schwer verletzter Höhlenforscher. Die Rettung ist sehr schwierig.
Quelle: dpa

Warum wagen sich Menschen in solche Höhlen?

Forschergeist. Sie wollen einfach die ersten sein, die ihren Fuß auf ein Stück Boden setzen, den vor ihnen noch niemand betreten hat. Extreme Höhlenforscher sind ein bisschen wie Extrembergsteiger oder Astronauten.

Worum ging es bei der Expedition?

Die Arbeitsgemeinschaft für Höhlenforschung Bad Cannstatt, zu der der Verunglückte und seine beiden Freunde gehörten, erforscht die Riesending-Schachthöhle seit 2002. Die Höhle war ihre größte Entdeckung. Die Höhlenforscher der Arbeitsgemeinschaft haben viele Gangsysteme entdeckt und kartiert.

Was war dieses Mal anders?

Das Team wollte in Regionen vordringen, die noch nicht begangen waren. Aber die liegen tiefer, gut 1100 Meter unter der Erde. Möglicherweise waren die drei also noch auf dem Weg dorthin, wo sie weiterarbeiten wollten.

Wie kann man sich bemerkbar machen?

Das genau ist das Problem: Dort unten funktioniert kein Handy oder Funkgerät. Bei dem Unfall hat das den Beginn der Rettung stark verzögert: Einer der drei musste zwölf Stunden - und das war Rekordtempo - zum Ausgang steigen, um überhaupt Hilfe zu holen.

Warum sind die Nachrichten so alt?

Am ersten Tag waren alle Nachrichten von dem Verletzten mindestens zwölf Stunden alt, weil sie nur von zurückkehrenden Helfern überbracht werden konnten.

Wie wurde eine Telefonverbindung hergestellt?

Es ist ein Telefonkabel bis auf etwa 350 Meter Tiefe gelegt worden. Danach gibt es eine weitere Verbindung bis zum Unglücksort, über die Textnachrichten übermittelt werden können. Für die Rettungskräfte ist wichtig, dass sie schnell Nachrichten aus der Tiefe bekommen: die Einschätzung ihrer Kollegen unten - und bald auch eines Arztes.

Warum kommt kein Arzt zum Verletzten?

Weil es kaum Mediziner gibt, die Extremsportler sind und genug Höhlenerfahrung haben. Die Riesending-Schachthöhle gilt als gefährlichste und extremste Höhle Deutschlands. Nach Angaben der Bergwacht meldeten sich aus ganz Europa überhaupt nur drei Ärzte, die bereit und in der Lage sind, in die Höhle zu gehen, ein Deutscher, ein Italiener und ein Österreicher.

Was verzögert die Rettung?

Ein Arzt ist jetzt mit drei Schweizer Höhlenrettern unterwegs und sollte den Unglücksort am frühen Mittwochmorgen erreichen - wenn alles gut geht. Ein anderer Arzt, der viel Erfahrung mit Bergrettungen hat, musste auf halber Strecke aufgeben. Allein der Rückweg über lange Strecken und insgesamt Hunderte Höhenmeter senkrecht an feuchten Seilen ist extrem. Und die Sicherheit der Helfer hat Vorrang.

Wie viele Höhlenforscher und Höhlenretter gibt es?

Da gibt es keine Zahlen. Aber Höhlenretter, die für diesen Extremeinsatz infrage kommen, gibt es laut Bergwacht in Deutschland nur eine Handvoll - und selbst in Europa nur wenige. Deshalb wurde international Hilfe angeboten. Schweizer Retter sind schon in der Höhle, Italiener sollen sie ablösen - danach sind eventuell wieder die Deutschen dran, die nach dem ersten Einsatz erst mal ausruhen mussten. Bei den Höhlenforschern sieht es ähnlich aus - es gibt ebenfalls nur eine Handvoll, die solche Extremexkursionen macht.

Was braucht man in so einer Höhle?

Neben Seilen und der Kletterausrüstung jedenfalls warme wasserfeste Kleidung, denn dort unten ist es feucht. Warme Schlafsäcke, denn die Forscher bleiben oft tagelang unten, und es hat nur um die vier Grad. Kalorienreiche Nahrung. Denn die Expedition kostet viel Energie.

Dort legten die 14 Höhlenretter mit dem Verletzten Westhauser und dem behandelnden Arzt aus München eine Ruhepause ein. „In der Höhle gibt es keinen Tag und keine Nacht“, beschreibt Benno Hansbauer von der Bergwacht die Bedingungen. „Die Strecke verlangt nicht nur dem Verletzten, sondern auch den Rettungskräften viel ab. Wenn die Kräfte erschöpft sind, muss pausiert werden.“

Am Biwak 5 werde ein italienisches Rettungsteam die bisherigen Einsatzkräfte ablösen und den Transport fortsetzen. „Danach beginnt ein - ich will nicht sagen leichterer, aber - entspannterer Teil der Strecke“, so Hansbauer. Wann die Gruppe am Biwak 4 eintrifft, sei nicht exakt vorauszusehen - man gehe derzeit von Sonntagvormittag aus.

Höhlenforscher in Gefahr: Eine Chronologie

Unfälle

Höhlenforscher leben gefährlich. Nach Unfällen konnten schon viele von ihnen aus der Tiefe geborgen werden. Manchmal aber kamen die Helfer zu spät.
Quelle: dpa

November 2009

Helfer befreien einen zwölf Stunden lang unter Felsen eingeklemmten Höhlenforscher im Westerwald. Mehrere Steinbrocken hatten sich gelöst, als sich der 46-Jährige durch eine enge Stelle zwängte. Er war mit drei Kollegen unterwegs, die die Retter alarmierten.

Dezember 2009

Nach Tagen in Todesangst werden drei Höhlenforscher in den Pyrenäen aus 700 Metern Tiefe gerettet. Die Forscher hatten nicht mit der Schneeschmelze gerechnet, ein unterirdischer Fluss schnitt ihnen den Rückweg ab. Einer von ihnen verbrachte seinen 31. Geburtstag in der Grotte im Bergmassiv La Pierre Saint-Martin.

Oktober 2010

Die Suche nach einem verschollenen französischen Höhlenforscher nimmt ein trauriges Ende. Rettungstaucher entdecken die Leiche des vermissten 45-Jährigen. Der Forscher aus Nizza hatte die Höhle in der südfranzösischen Flusslandschaft Gorges de l'Ardèche kartographieren wollen. Ein unterirdischer Erdrutsch versperrte ihm den Rückweg.

August 2013

Bergungstrupps können vier Höhlenforscher in Nordspanien retten, die drei Tage vermisst waren. Die drei Männer und eine Frau im Alter zwischen 32 und 49 Jahren hatten sich in dem System von unterirdischen Gängen verirrt. Als das Quartett nicht zurückkehrte, alarmierte ein Kollege, der draußen gewartet hatte, die Retter.

Juni 2014

In der Riesending-Schachthöhle bei Berchtesgaden haben Ärzte mit der Versorgung des schwer verletzten Höhlenforschers Johann Westhauser begonnen. In der Nacht zum Donnerstag traf auch der zweite entsandte Arzt, ein Italiener, bei dem verletzten Stuttgarter ein, wie ein Sprecher der Bergwacht Bayern mitteilte. Der Schwerverletzte sei transportfähig, müsse jedoch zuvor behandelt werden.

Insgesamt soll der Transport des Höhlenforschers, der am Institut für Angewandte Physik des Karlsruher Instituts für Technologie arbeitet, rund eine Woche dauern. Die 60 Einsatzkräfte in der Höhle stehen vor einer Mammutaufgabe: Sie müssen den Mann aus 1000 Metern Tiefe auf einer Trage durch die schmalen, verwinkelten und teils rutschigen Schächte bringen.

Von

dpa

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