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30.04.2015

19:32 Uhr

LKA sagt Radrennen ab

Polizei in Hessen vereitelt Terroranschlag

Hessens Polizei hat einen möglichen Terroranschlag verhindert. Die Polizei fand Waffen und eine Selbstbau-Bombe. Behörden vermuten einen salafistischen Hintergrund. Ein Radrennen in Frankfurt wurde vorsorglich abgesagt.

SEK-Einsatz in Hessen

Ehepaar aufgeflogen wegen Spirituskauf im Baumarkt

SEK-Einsatz in Hessen: Ehepaar aufgeflogen wegen Spirituskauf im Baumarkt

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FrankfurtDie hessische Polizei hat nach Angaben des Innenministeriums vermutlich einen Terroranschlag vereitelt. Bei der Durchsuchung einer Wohnung in Oberursel bei Frankfurt am Main wurden in der Nacht zum Donnerstag eine funktionstüchtige Rohrbombe gefunden und ein Ehepaar festgenommen. Die Bombe sei geeignet gewesen, einen Anschlag zu verüben, sagte der stellvertretende Leiter der Frankfurter Staatsanwaltschaft, Stefan Rojczyk.

„Vermutlich ist durch die Festnahme nach polizeilichem Ermittlungsstand ein terroristischer Anschlag vereitelt worden“, sagte der hessische Innenminister Peter Beuth (CDU) in Wiesbaden. Dies habe die Durchsuchung der Wohnung des Paars bestätigt. Dem Zugriff seien wochenlange Ermittlungen vorausgegangen. Es gebe den Verdacht eines salafistischen Hintergrunds. Zuvor hatte die Staatsanwaltschaft von einer rein präventiven Polizeiaktion gesprochen. „Wir haben von einem konkreten Anschlag nichts gewusst“, sagte Rojczyk.

Das für Freitag geplante internationale Radrennen in Frankfurt wurde nach weiteren Ermittlungsergebnissen abgesagt. Das erklärte das hessische Landeskriminalamt (LKA) am Donnerstagabend. Hinweise auf eventuelle Gefährdung der Bevölkerung seien der Grund.

Die wichtigsten Islam-Verbände Deutschlands

Konfliktpotential

Die islamischen Verbände in Deutschland wirkten einig wie nie zuvor. Nach den tödlichen Anschlägen auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ standen sie zusammen auf gegen Terror, Extremismus und Gewalt, zeigten Flagge für Meinungsfreiheit. Doch bei genauem Hinsehen wird klar: Es brodelt, knirscht, gibt Rivalitäten, Misstrauen, Streit. Das Ringen um gemeinsame Positionen bei den völlig unterschiedlichen Organisationen ist zäh. Bei weitem nicht alle der gut vier Millionen hier lebenden Muslimen sind in religiösen Gemeinden oder Vereinen organisiert. Eine Liste der Wichtigsten.

Quelle: dpa

Zentralrat der Muslime

Der ZDM ist am bekanntesten, weil sein Vorsitzender Aiman Mazyek bestens vernetzt und stark präsent ist. Er nimmt Stellung zu aktuellen Fragen, setzt sich ein für einen christlich-islamischen Dialog. Mazyek ist öffentliches Gesicht der Muslime geworden, was die anderen Verbände stört. Zumal der ZMD zu den kleineren gehört - mit 24 muslimischen Organisationen, 300 Moscheegemeinden und 15.000 bis 20.000 Mitgliedern. Im März sind weitere hinzugekommen. Der Verband vertritt - als einer der wenigen - Muslime aus vielen Ländern. Bei der Mahnwache in Berlin für die Terroropfer von Paris war Mazyek im Januar neben Bundespolitikern vertreten. Andere Islam-Organisationen werfen ihm Alleingänge, Profilierung vor, auch schon zuvor wegen seiner Rolle bei einer Antisemitismus-Demonstration. Dagegen wehrt er sich jetzt.

Ditib

Die einflussreiche Türkisch Islamische Union ist mit Abstand die größte muslimische Organisation, wächst weiter und vertritt gut 900 Gemeinden. Sie untersteht der türkischen Religionsbehörde Diyanet, wird vom türkischen Staat mitfinanziert. In Köln baut die Ditib den bundesweit größten Moscheekomplex. Sie gilt als sehr konservativ. Der Dachverband richtet sich inhaltlich strikt an den Vorgaben aus Ankara aus, ihr Vorstandsvorsitzender wechselt häufig. Die Ditib wirft Mazyek „Vertrauensbruch“ vor - erst hinter den Kulissen, dann öffentlich. Der Dialogbeauftragte und Geschäftsführer, Bekir Alboga, ist zentral bei der Ditib.

Koordinationsrat der Muslime

Neben ZMD und Ditib haben sich 2007 auch Islamrat und VIKZ im KRM zusammengeschlossen. Die Verbände wollten sich so besser Gehör verschaffen, gegenüber der Politik mit möglichst einer Stimme sprechen. Der KRM sagt, er vertrete 85 Prozent der Moscheegemeinden. Experten gehen von weniger aus, Islamwissenschaftler Ralph Ghadban sogar von nur maximal 15 Prozent. Trotz des aktuellen Streits beteuern die Spitzen von ZMD und Ditib bisher, der KRM solle seine Arbeit fortsetzen.

Islamische Kulturzentren (VIKZ)

Mit 300 Moschee- und Bildungsvereinen gilt der Verband als unpolitisch, tief religiös. Er bildet Imame aus. Öffentliche Äußerungen sind selten. Das Karlsruher Kopftuchurteil - ein pauschales Kopftuchverbot für Lehrerinnen ist demnach verfassungswidrig - begrüßte der VIKZ als richtungsweisend.

Islamrat

Bekennt sich laut Selbstdarstellung uneingeschränkt zu Grundgesetz und Prinzipien der freiheitlich demokratischen Grundordnung. Umstritten ist sein größtes Mitglied, Milli Görüs. Der Verfassungsschutz führt MG als islamistische Organisation, diese Einschätzung wird aber nach Reformen bei Milli Görüs diskutiert. Auch der Islamrat ist in der Öffentlichkeit praktisch nicht präsent.

Liberal-Islamischer Bund

Der kleine LIB grenzt sich bewusst von den konservativ-traditionellen Verbänden ab. Der Islam wird zeitgemäß ausgelegt. Die Vorsitzende Lamya Kaddor ist gefragte Interview-Partnerin. Zum LIB gehört die Muslimische Gemeinde Rheinland, die allen Klischees widerspricht. Dort beten Männer und Frauen zusammen, der Vorbeter (Imam) ist weiblich.

Die Festgenommenen – ein 35 Jahre alter Mann und eine 34 Jahre alte Frau – schwiegen in ersten Vernehmungen. Der Mann sei deutscher Staatsbürger mit türkischen Wurzeln, die Frau Türkin, sagte Rojczyk. Die Behörden waren auf das Paar aufmerksam geworden, nachdem die Frau unter falschem Namen drei Liter Wasserstoffperoxid in einem Baumarkt gekauft hatte. Dieser Stoff sei zum Bombenbau geeignet, sagte Rojczyk. Der Kauf von Wasserstoffperoxid in einer bestimmten Menge ist meldepflichtig. Der Baumarkt habe die Polizei informiert.

In der Wohnung wurden auch ein Gewehr und scharfe Munition sichergestellt. Der 35-Jährige habe vor Jahren Verbindung zur islamistischen Sauerland-Gruppe gehabt. Vier Mitglieder dieser Gruppe waren 2012 wegen der Planung von Terroranschlägen verurteilt worden.

Am Freitag seien zahlreiche Veranstaltungen mit viel Publikum in der Region geplant, deshalb hätten die Behörden schnell gehandelt, sagte Rojczyk. Besonders viele Zuschauer wurden zum nun abgesagten internationalen Radsport-Klassiker „Rund um den Finanzplatz Eschborn-Frankfurt“ quer durch den Taunus mit Ziel Frankfurt erwartet.

„Hier herrscht große Fassungslosigkeit“, sagte eine Sprecherin des Veranstalters nach der Entscheidung der Deutschen Presse-Agentur. Die Radprofis hatten beim traditionellen Zusammenkommen am Abend vor dem Rennen in Frankfurt von der Absage erfahren. Zum engsten Favoritenkreis zählte der deutsche Radprofi John Degenkolb, der in Frankfurt 2011 gewonnen hatte. Er wollte sich bei seinem Heimrennen weiteres Selbstvertrauen für die Tour de France im Sommer holen.

Die Veranstalter waren bis zuletzt davon ausgegangen, dass das Rennen wie geplant durchgeführt werden könnte. Das LKA sah das Risiko aber als zu groß an. „Viele Menschen freuen sich, wie seit Jahren, auf das morgige Traditionsereignis. Doch bei allem sportlichen Reiz – aufgrund der Gefährdungsbewertung und der Tatsache, dass zum jetzigen Zeitpunkt noch zu viele Fragen offen sind, geht die Sicherheit unbedingt vor!“, hieß es in der LKA-Mitteilung.

So viel kostet ein Terroranschlag

Die exakten Kosten...

... ... für Anschläge von Terrororganisationen sind schwierig zu bestimmen, wurden jedoch gerade als Folge von 9/11 von den Ermittlungsbehörden taxiert.

500.000 US-Dollar...

... haben demnach die Anschläge vom 11. September gekostet. Es ist die höchste Summe, die soweit bekannt, jemals für einen Terrorangriff ausgegeben wurde. Bereitgestellt wurde das Geld durch Überweisungen.

Die Kosten-Nutzen-Rechnung...

... aus Sicht der Islamisten ist dabei gerade nach 9/11 perfekt aufgegangen. Den 500.000 investierten Dollars stehen direkte Kosten des Sachschadens 15,5 Milliarden US-Dollar gegenüber plus weitere Milliarden Belastungen der Haushalte durch den „Kampf gegen den Terror“ und gesamtwirtschaftliche Kosten, etwa für Fluglinien und Versicherungen.

Die Bombenanschläge auf Bali...

... mit mehr als 200 Todesopfern im Oktober 2002 kosteten die Terroristen deutlich weniger. So wird die Summe, die dafür aufgewendet wurde, mit 50.000 Dollar taxiert.

Die Anschläge von Madrid...

... vom 11. März 2004 auf Nahverkehrszüge, bei denen 192 Menschen starben, werden mit maximal 15.000 Dollar angegeben.

Extrem niedrige Kosten...

... für die Islamisten verursachten die Anschläge auf die U-Bahn in London im Juli 2005 mit mehr als 30 Toten zur Rushhour am 7. Juli 2005. Die vier Bomben, vier Rucksäcke, Handys und Zugtickets kosteten die Terroristen höchstens 2000 Dollar.

Diese Mikrofinanzierung...

... des Terrors macht es so schwierig, die Finanzströme mit den üblichen Kontrollen aufzudecken und zu stoppen. Das zentrale Mittel dieser Organisationen sind die selbstmordbereiten Attentäter, für deren individuellen und kollektiven Deradikalisierung aus Sicht von Experten zu wenig getan wird.

Quelle

German Institute of Global and Area Studies/Konrad-Adenauer-Stiftung/eigene Recherche

Von

dpa

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